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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.02.2008

"Wenn das Haus fertig ist, kommt der Tod"

Jenny Erpenbeck: "Heimsuchung", Verlag Eichborn Berlin, Frankfurt am Main 2008, 191 S.

Das Haus mit Bootshaus und Steg ist Schauplatz für menschliches und politisches Schicksal. (AP)
Das Haus mit Bootshaus und Steg ist Schauplatz für menschliches und politisches Schicksal. (AP)

Die Ostberliner Schriftstellerin Jenny Erpenbeck erzählt anhand eines Sommerhauses an einem märkischen See von politischen Umbrüchen der letzten Hundert Jahre. Sie spiegeln sich in den Lebensläufen der verschiedenen Bewohner. "Heimsuchung" ist ein kluger Roman über das Haben und Verlieren, über den Krieg und die Wende.

Jenny Erpenbecks Roman "Heimsuchung" ist ein Geschichtsbuch. Die 41-jährige Ostberlinerin erzählt Zeitgeschichte durch die Lebensgeschichten, die sich in einem bestimmten Haus und auf dem dazugehörigen Grundstück ereignen. Sie hat dem Buch ein arabisches Sprichwort vorangestellt: "Wenn das Haus fertig ist, kommt der Tod".

Das Haus ist ein Sommerhaus an einem märkischen See mit Bootshaus, Steg und umliegendem Grundstück. Es ist das Zentrum für zwölf Lebensläufe während der vergangenen hundert Jahre. Das Haus ist Schauplatz und Metapher. Schauplatz für menschliches und politisches Schicksal, Metapher für das Vergehen der Zeit und der Spuren, die das Vergehen hinterlässt.

Ein Gärtner, und durch ihn symbolisiert die Natur, sind die Konstanten. Der Gärtner lebt mit den berechenbaren Wiederholungen der Jahreszeiten, die Unberechenbarkeiten menschlichen Lebens und Handelns interessieren ihn nicht.

"Heimsuchung" ist eine archetypische Untersuchung. Im Prolog beschäftigt sich Jenny Erpenbeck mit der geologischen Vorgeschichte der ostdeutschen Region. Die Lebensweisen der ersten Bewohner des Grundstücks erklärt Jenny Erpenbeck über Hochzeitsbräuche und Aberglauben. Gebunden an diese Vorstellungswelt wachsen die vier Töchter des Schulzen auf. Klara, der Jüngsten steht als Erbe ein an den See angrenzendes Waldstück und eine Wiese zu. Aus Liebeskummer wird Klara verrückt und von ihrem Vater entmündigt. Der verkauft ihr Erbteil einem Berliner Architekten, der sich dort ein Sommerhaus baut. "Wer baut" kommentiert die Autorin den Beruf des Architekten, "klebt nun einmal sein Leben an die Erde." Als die Grundstücksnachbarn, Juden, 1939 ausreisen wollen, brauchen sie zur Überfahrt Geld und verkaufen dem Architekten das Land und der Gärtner reißt die Zäune nieder.

Es ist bezeichnend für Jenny Erpenbecks protokollarischen Stil, die Drastik politischer und privater Umwälzungen mit dem Schweigen der Dinge und Landschaften in Verbindung zu bringen. Und mit den Personen: die Frau des Architekten, die sich während des Kriegsendes im Haus am See versteckt, die Schriftstellerin, die nach dem Krieg aus russischem Exil heimkehrt, die mithelfen will, die Deutsche Demokratische Republik auf- und auszubauen und die Enkelin der Schriftstellerin, die hier die schönste Zeit ihrer Kindheit verbringt. Dann kommen die anderen, die an das verfallende Haus am See Besitzansprüche anmelden. Besitzansprüche sind Rechtsansprüche.

Jenny Erpenbecks neues Buch ist ein beeindruckender, klug und stringent konzipierter Roman über das Haben und Verlieren, über materiellen und immateriellen Besitz, über den Krieg und seine Folgen, über die Natur und die Wende, die neue Menschen mit neuen Besitzforderungen gebracht hat. Das sehr beeindruckende, konsequent und schnörkellos erzählte Buch endet mit dem Abriss des Hauses. Alles wird nach den neuen Emissions-Richtlinien entsorgt. "Bevor auf demselben Platz ein anderes Haus gebaut werden wird, gleicht die Landschaft für einen kurzen Moment wieder sich selbst."

Rezensiert von Verena Auffermann

Jenny Erpenbeck. Heimsuchung.
Verlag Eichborn Berlin, Frankfurt am Main 2008,
191 Seiten. 17,95 Euro.

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