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Elektronische Welten / Archiv | Beitrag vom 03.01.2012

Wenn das Essen krank macht

Programm ESS-KIMO bietet Onlinehilfe für Essstörungen

Von Stephanie Kowalewski

Ein mageres Mädchen steht auf einer Waage. (picture-alliance/ ZB)
Ein mageres Mädchen steht auf einer Waage. (picture-alliance/ ZB)

Frauen, die an Magersucht oder an Ess-Brechsucht, der sogenannten Bulimie, leiden, sind sich manchmal nicht im Klaren darüber, was die Krankheit mit ihnen macht. Das Online-Programm ESS-KIMO will diesen Frauen helfen, einen Ausstieg aus der Essstörung zu finden. Es ersetzt aber keineswegs eine Therapie.

ESS-KIMO ist ein Programm für Frauen mit Magersucht und Ess-Brech-Sucht, auch Bulimie genannt, aber auch für Frauen, die den Eindruck haben, dass das Thema Essen und Gewicht einen zu großen Raum in ihrem Leben einnimmt. Ein Programm, wo sich Frauen klarer werden können über ihr Essverhalten.

Das ist ein großes Problem für Frauen mit Essstörungen, sagt Diplom-Psychologin Katrin Hötzel, die das neue Online-Angebot an der Ruhr-Universität Bochum mit aufgebaut hat. Die Forschung habe gezeigt, dass sich die Betroffenen meist sehr spät entscheiden, etwas an ihrem problematischen Essverhalten zu ändern oder sich Hilfe zu holen. Doch das führt häufig zu einer Verfestigung der Essstörung, sagt Ruth von Brachel, die als Diplom-Psychologin das Internetprogramm ebenfalls betreut. Ein Ausstieg aus der mitunter lebensgefährlichen Essstörung wird dann immer schwerer.

"Und die Idee von uns war deswegen, ein sehr niederschwelliges Angebot anzubieten, wo die Frauen anonym mitmachen können, von zu Hause. Wenn sie wollen, können sie das mitten in der Nacht am Rechner machen, ganz in Ruhe, ohne Druck, ohne in eine Richtung gedrängt zu werden."

Genau das hat auch die 24-jährige Studentin – nennen wir sie Britta - angesprochen. Die attraktive junge Frau hat seit rund einem Jahr immer wieder Heißhungerattacken, nach denen sie sich dann erbricht.

"Und dann weiß jeder, da stimmt irgendwas nicht. Da hab ich angefangen, mich im Internet zu informieren, was man da machen kann, und überhaupt erst einmal Informationen einzuholen über das Thema, um das selbst besser einschätzen zu können."

Britta ist 1,68 Meter groß und wiegt derzeit 52 Kilo. Laut Wissenschaft sind das drei Kilo unter dem Normalgewicht. Bei ihren Internetrecherchen stieß sie schließlich auf das kostenlose Online-Programm "ESS-KIMO".

"Das ist eine angenehme Sache, weil es anonym ist und ganz unverfänglich. Man kann auch jederzeit aussteigen, man verpflichtet sich zu gar nichts, man muss nichts unterschreiben, keine persönlichen Daten angeben. Es wird halt nur darum gebeten, eine anonyme E-Mailadresse anzugeben. Und dann erhält man ein Passwort, mit dem man sich dann auf der ESS-KIMO-Seite im geschlossenen Bereich anmelden kann."

Dort werden den Frauen dann in sechs Online-Sitzungen Aufgaben angeboten, die ihnen helfen sollen, sich über die positiven und negativen Seiten ihres Essverhaltens klarer zu werden. Gefragt wird zum Beispiel nach einem typischen Tag mit der Essstörung und wie ein Tag ohne sie aussehen könnte. Die Teilnehmerinnen sollen auch Briefe an die Essstörung schreiben - einmal als wäre sie eine Freundin, einmal als wäre sie ein Feind. Sie sollen sich Gedanken über die Säulen ihres Selbstwertgefühles machen und auf einer Skala beurteilen, wie wichtig etwa Erfolfg im Beruf ist und welchen Stellenwert das Schlanksein hat.

Das Programm bringt nur was, wenn man aufrichtig ist. Und innerhalb von ungefähr einer Woche erhält man dann die wirklich persönlich, individuell bearbeitete Rückmeldung der entsprechenden Psychotherapeutinnen.

"Das ist jetzt nicht eine E-Mail, die die bekommen,sondern wenn die sich zur nächsten Sitzung einloggen, das erste, was die Frauen dann nach einer Begrüßung sehen, ist die Rückmeldung zur letzten Sitzung."

Zusätzlich werden die Teilnehmerinnen gebeten, spezielle Fragebögen auszufüllen, denn ESS-KIMO ist ein Forschungsprojekt. Die Psychologinnen wollen herausfinden, welche Effekte solch eine Intervention im Internet hat, ob ein anonymes Online-Programm den essgestörten Frauen tatschlich hilft. Dabei betonen die Wissenschaftlerinnen, sagt Britta, dass ESS-KIMO trotz der individuellen Rückmeldung keine Therapie ist und sie auch nicht ersetzen kann.

"Das wurde dann auch vorher genau eingerahmt, indem gesagt wurde, hierbei handelt es sich nicht um einen Ersatz für eine Psychotherapie, sondern lediglich das Angebot auf eine Auseinandersetzung mit diesem Problem, und das Angebot zur Selbstreflexion und Feedback zu der persönlichen Problematik."

Psychologin Ruth von Brachel nennt klare Grenzen des Internetangebotes.

"Wir können durch die Struktur des Programms nicht zeitnah reagieren. Also wenn jetzt eine Frau das Bedürfnis hätte, darüber sofort zu sprechen, dann stehen wir eher nicht zur Verfügung."

Fehlanzeige auch bei konkreten Lösungsmöglichkeiten, räumt ihre Kollegin Katrin Hötzel ein.

"Was unser Programm zum Beispiel nicht bietet, sind konkrete Anleitungen, wie zum Beispiel ein normaler Essenstag am besten aufgebaut sein sollte. Damit beschäftigen wir uns eigentlich noch gar nicht."

Dennoch scheint das neuartige Online-Angebot den Frauen mit Essstörungen gut zu tun. Das zumindest legen erste Auswertungen der Fragebögen nahe, sagt Ruth von Brachel.

"Da scheint es schon so zu sein, dass sich die Frauen deutlich klarer werden über die Folgen ihrer Problematik, dass sie ESS-KIMO sehr hilfreich erlebt haben."

Auch für Britta ist nach dem rund zwölfwöchigen Programm einiges klarer.

"Es ist vollkommen wertfrei, die ganze Zeit, das finde ich sehr wichtig. Die Leute verurteilen einen nicht dafür, sondern ganz klar: Werden Sie sich bewusst über Vor- und Nachteile der Situation und entscheiden Sie komplett selbst. Wir helfen Ihnen nur, besser zu verstehen. Und das ist ein sehr angenehmes Angebot."

ESS-KIMO hat die junge Studentin darin bestärkt, ihr problematisches Essverhalten mit Hilfe einer Therapie in den Griff zu bekommen.

Solche Internetangebote liegen übrigens voll im Trend, sagt Ruth von Brachel.

"Es ist ja generell die Entwicklung weltweit, diese neuen Medien immer mehr zu nutzen, auch für die Versorgung von Leuten mit psychischen Problemen. Zum Beispiel ist es in Holland so, dass sogar Teile der Therapie über die Krankenkasse abgerechnet werden können. Soweit ist das in Deutschland noch nicht. Aber es gibt ja immer mehr Angebote in der psychosozialen Versorgung, die auch Teile ihres Angebots über neue Medien laufen lassen. Und wir würden schon denken, dass das ein weiterer Schritt ist dahin."

Es wird wohl noch Jahre dauern, bis die virtuelle Therapie auch in Deutschland Kassenleistung wird. Dennoch steht fest, dass das Internet auch hierzulande die Betreuung von Hilfesuchenden verändert hat. So bieten bereits einige Kliniken und Psychologen - quasi als Nachbetreuung einer Therapie - eine E-Mail-Beratung oder auch Gruppensitzungen per Online-Chat an.

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