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Weniger besitzen, glücklicher leben

Johannes Heimrath: "Die Post-Kollaps-Gesellschaft", Scorpio Verlag, 336 Seiten

Von Ursula Rütten

Wir sollten selbst anbauen, was wir verbrauchen, meint der Autor.
Wir sollten selbst anbauen, was wir verbrauchen, meint der Autor. (dapd / Philipp Guelland)

In einem kleinen Dorf im Nordosten Deutschlands verwirklichen ein paar Eingeschworene ihre Vision von einer besseren Zukunft. In seinem Buch "Die Post-Kollaps-Gesellschaft" gewährt der Aktivist und Dorfbewohner Johannes Heimrath Einblick in seine Idee einer besseren Welt.

14.751 Schläge auf den riesigen Gong. Aufgebockt im Vorhof eines Hauses im sächsischen Pirna. Ein Schlag für einen jeden jener 14.751 Menschen, die hier 1940/41 im Rahmen des Euthanasieprogramms der Nazis ermordet, vergast wurden. 41 Stunden lang, ohne Pause, währte diese außergewöhnliche Zeremonie zum innigen Gedenken und zur Anklage dieses Verbrechens.

Nichts Offizielles, kaum Publikum. Johannes Heimrath wollte sich auf ganz persönliche Weise symbolisch mit den Toten und den Umständen ihres Todes verbunden erweisen. Selbst an die Grenze dessen gelangend, was ihm gerade noch erträglich war, körperlich und seelisch, nach 14.751 Gongschlägen, 41 Stunden lang.

Diese Episode zeigt, um welchen Menschen es sich bei Johannes Heimrath handelt. Wie sehr sein Zugang zur Welt von Empathie genährt ist, wird auch bei der Lektüre seines Buches deutlich: "Die Post-Kollaps-Gesellschaft" hat er es genannt.

Wer sich von Johannes Heimraths Gedankenfluss mittragen lassen will in die konkrete Utopie eines besseren, "enkeltauglichen" Lebens, wie er es nennt, jenseits des westlich geprägten globalen Macht- und Ausbeutungsmodells, wer sich hierhin mittragen lassen will, wird sich vor allem auf diesen meditativen, selbstreflektierenden, intrinsisch Anteil nehmenden Menschentypus einlassen müssen und wollen. Auf die durchgängig hervorgehobene existenzielle Grundhaltung dieses Autors zum Leben, zum Miteinander und Füreinander, zu Gleichheit, Freiheit, Brüder- und Schwesterlichkeit, zur "Mehr-als-menschlichen-Gesellschaft auf dieser Planetin Erde".

Eine Gesellschaft, die vom Herrschaftsanspruch der selbsternannten Ersten Welt und der sogenannten Neuen Welt über den von beiden kolonisierten Rest der Welt ebenso absieht wie vom Primat des Menschen über allen anderen scheinbar niederen Wesen.

Demokratien werden zu "verkappten Feudalgesellschaften"

Cover Johannes Heimrath: "Die Post-Kollaps-Gesellschaft"Cover Johannes Heimrath: "Die Post-Kollaps-Gesellschaft" (Scorpio Verlag)Die Demokratie als die in den Industrienationen mit der höchsten Wertschätzung bedachte gesellschaftliche Organisationsform würde diesem Anspruch einer Mehr-als-menschlichen-Gesellschaft längst nicht mehr gerecht, resümiert Heimrath. Das ist eine Schlüsselstelle seiner umfassenden System- und Gesellschaftskritik. Der möglichen Vorverdächtigung, seine Argumentationskette erschöpfe sich in der moralinsauren Gefühligkeit eines postfeministischen New-Age-Asketen, entgeht Heimrath mit akribisch belegte Daten und Fakten. Und schreibt:

"Die siegreiche Ausprägung des kapitalen Fehlers der letzten Jahrhunderte ist der Kapitalismus. Wer auch nur einigermaßen wach beobachtet, muss zugeben, dass die heutigen 'Demokratien' mit ihrer Parteiendiktatur, ihrem Wirtschafts- und Verbandslobbyismus und ihrer inzwischen klar zutage getretenen Abhängigkeit von einer globalen Finanzelite mehr oder weniger verkappte Feudalgesellschaften sind, in denen sich die Leibeigenschaft in Lohn- und Zinsabhängigkeit umgewandelt hat. Die Freiheit, die mit unendlichen Blutopfern erstritten wurde - sie wird gewährt, solange der feudale Staat sich in seinem Bestand nicht gefährdet sieht."

Heimraths empathische Grundhaltung beruht nicht nur auf Sinnsuche seit Jugendjahren, sondern auf jahrzehntelanger praktischer Erfahrung und damit auf Arbeit an sich und an einem sehr bewusst entwickelten Lebenskonzept. In Gemeinschaft mit seiner gut fünfzehnköpfigen Wahlfamilie in einem solidarischen Ökonomieprojekt und einem fortwährenden Zuwachs an Gleichgesinnten in ihrem Umfeld. Zurzeit ansässig im Lassaner Winkel in Ostvorpommern.

In seinem Buch über "Die Post-Kollaps-Gesellschaft" spricht Johannes Heimrath vom Zukunftsmodell einer Communie:

"Wir könnten uns hier sehr gut selbst versorgen. Das Wissen ist da, die Fertigkeiten sind da. Wir haben auch so viel Fläche, dass wir die Menschen, die es betrifft, ohne weiteres ernähren könnten. Wir haben hier das Know-how, wie man ein Feld mit dem Pferd eggt und pflügt. Das wäre alles machbar, wenn wir nicht dazu verdonnert wären, in irgendeiner Form lohnabhängig beschäftigt zu sein oder selbstständig unternehmerisch tätig zu sein, weil alles, was hier existiert, ja in irgendeiner Form an Geld geknüpft ist. Und da dieses Geld nur auf einem auf Wachstum getrimmten Wirtschaftssystem verdient werden kann, sind wir, ob wir wollen oder nicht, diesem Rattenrennen einfach ausgeliefert. Wenn das wegfallen würde, könnten wir auf den Schlag nicht nur uns, sondern weit über uns hinaus Menschen ernähren. Und auch nicht karg, ärmlich, sondern da wär' auch mal Hirsch auf der Platte. Man könnte mit einem kleinen Holzkahn, den man sich selber bauen könnte, auf die Peene herausrudern und hätte jeden Tag Zander, Wels, Aal. Das Land hat so viel zu bieten, wenn wir es schaffen würden, uns von dem Geldwert zu befreien. Wenn wir einfach zum Schenken übergehen würden. Quintessenz dieser These war -"

Sehr verkürzt:

"In diesem Gesellschaftssystem sind alle diese Bemühungen fruchtlos. Deswegen lassen wir sie lieber bleiben und denken darüber nach, wie könnte es denn nachher sein? Dieses Nachher bezieht sich auf etwas, was fundamental die Bedingungen, unter denen wir leben, ändert. Das kann ein Umsturz sein, an den ich persönlich nicht glaube. Aber es könnte ein anderweitiger Kollaps sein, an den ich sehr glaube, über das habe ich auch gerade mein Buch 'Die Post-Kollaps-Gesellschaft' geschrieben. Ich gehe eher davon aus, dass wir so lange warten werden, bis sich die Dinge von allein klären, und diese Dinge werden sich einfach auf eine relativ katastrophale Art klären."

Kein Umsturz also, keine Revolution als Option, einen Wandel einzuleiten. Eher glaubt der Autor an ein Schrecken ohne Ende oder ein langsames Siechtum. Heimrath führt drastisch vor Augen, wie diese beiden vom ihm als wahrscheinlich diagnostizierten Kollaps-Szenarien konkret aussehen würden, wenn so weitergemacht wird wie bisher, in diesem blinden "unrealistischen Optimismus". Im Klammern an bestehenden Hierarchie- und Machtstrukturen, am Eigentum, an erneuerbare Energie bei unverändertem Konsumverhalten, am Glauben an die Omnipotenz von Wissenschaft und Technik und so weiter.

"Wer sich anpasst und systemkonform verhält, wird es einigermaßen angenehm haben. Das System wird alles tun, um seine Arbeitssklaven ruhig zu stellen."

Heimraths Ziel ist die Reduktion des Überflusses

Liefert Heimraths Buch über die Post-Kollapsgesellschaft Antworten, wie diese Katastrophenszenarien abzuwenden wären? Nein. Hier wollte kein Werk zur erweiterten Lebenshilfe und Weltrettung vorgelegt werden. Ein solches Ansinnen liegt dem Autor fern.

Aber er will nicht bei der Kritik am Bestehenden verbleiben, sondern durchaus Wege in die Veränderung aufzeigen. Mit seinen Communien stellt er ein Zukunftsmodell vor, das ihm als letztlich einziger Ausweg erscheint. Radikal und kompromisslos, wie es seine Analyse einer verfahrenen Weltlage nahelegt und wie er es immerhin als persönliches Experiment von Vergesellschaftung zu leben versucht.

Das wäre eine Gesellschaftsform, die dem Prinzip der privaten Aneignung vollkommen widerspricht und die abzielen müsste auf eine größtmögliche Reduktion des Überflusses. Das ist mehr als eine Antithese zum Kapitalismus und zur Globalisierung. Und das geht über etliche andere Ansätze hinaus. Denn alternative Modelle wie etwa das urbane Gärtnern oder die Ökodörfer oder die inzwischen weltweite Transition-Town-Initiativen bleiben alle im bestehenden System.

Das Problem, das auch Johannes Heimrath an der Durchsetzbarkeit seiner eigenen Vision zweifeln lässt, ist weniger die Unveränderbarkeit des global herrschenden politischen Systems. Das Problem ist der Mensch, wie er ist, so unzulänglich empathisch und altruistisch. Weswegen er Politik, Ökonomie und gesellschaftliche Verhältnisse so gestaltet, wie sie sind. Daran, am Menschen, ist auch die bislang ausgefeilteste Utopie einer antikapitalistischen Communie gescheitert: der Kommunismus.

Johannes Heimrath: Die Post-Kollaps-Gesellschaft. Wie wir mit viel weniger viel besser leben werden - und wie wir uns heute schon darauf vorbereiten können.
Scorpio Verlag, 336 Seiten
19,95 Euro


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