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Fazit / Archiv | Beitrag vom 29.11.2012

Wendepunkte der Menschheit

Das British Museum erzählt in Bonn Geschichten mit Objekten

Von Ulrike Gondorf

Statuen aus dem Nahen Osten in der Bonner Ausstellung "Schätze der Weltkulturen" (dpa / picture alliance / Oliver Berg)
Statuen aus dem Nahen Osten in der Bonner Ausstellung "Schätze der Weltkulturen" (dpa / picture alliance / Oliver Berg)

"Schätze der Weltkulturen" heißt die Ausstellung, die das British Museum in der Bonner Bundeskunsthalle zeigt. Die etwa 250 ausgewählten Objekte dokumentieren zwei Millionen Jahre Geschichte.

Das soll ein Schatz sein? In der ersten Vitrine der Ausstellung "Schätze der Weltkulturen" liegt ein grauer, faustgroßer Stein. Seine annähernd dreieckige Form könnte Zufall sein, wenn nicht die obere Kante messerscharf zugeschliffen worden wäre. Was da vor annähernd zwei Millionen Jahren in der Oldovai-Schlucht im heutigen Tansania geschaffen wurde, ist eine Art urtümliches Beil. Es dokumentiert den entscheidenden Schritt, mit dem sich die Menschen von ihren tierischen Vorfahren absetzten, indem sie das Werkzeug erfanden.

Frances Benton: "Was ist denn ein Schatz? Manche Leute denken da nur an Gold. Aber wir reden hier von Dingen, die die Geschichte der Menschheit erzählen: wie ein Gegenstand von einem Ort zum anderen gereist ist, welche Rolle er in einer Gesellschaft spielte, wie er mit der Religion oder der Macht eines Einzelnen verbunden war. Das alles macht auch einen Schatz aus. Und diese vielleicht ungewöhnliche Bedeutung wollen wir in unserer Ausstellung zeigen."

Projektleiterin Frances Benton, die die Leihgaben von der Themse an den Rhein begleitet hat, umreißt damit die Leitidee, die diese Ausstellung des Britischen Museums so spannend macht. Wer Gold und Elfenbein, Perlen, Edelsteine und andere kostbare Materialien und deren feinste Bearbeitung liebt, kommt voll auf seine Kosten mit dem Schmuck der Maya und der Phönizier, dem alten Porzellan aus Fernost, den Masken und Grabbeigaben aus dem Pharaonenreich. Aber man kann die Dinge nicht nur aufgrund ihrer Kostbarkeit, ihres künstlerischen Ausdrucks, ihrer handwerklichen Vollkommenheit bewundern, man kann von ihnen viel erfahren. Eine Broschüre mit Informationen zu allen Exponaten bekommt jeder Besucher dazu in die Hand. Zeit sollte er allerdings mitbringen für die Geschichten, die sie über das geistige und künstlerische, aber auch über das gesellschaftliche und materielle Leben der Menschen erzählen. So sieht es auch Katharina Chrubasik, die Ausstellungsleiterin der Bundeskunsthalle:

"All das, was die Kulturgeschichte der Menschen kennzeichnet an neuen Erfindungen, an neuen Techniken, daraus definieren sich diese Schätze. Das sind nicht nur die Objekte, die wir spontan als einen Schatz empfinden würden, sondern es sind wichtige Objekte, die Wendepunkte in der Menschheitsgeschichte markieren über Jahrtausende, ja, fast schon Millionen Jahre."

Solch eine Geschichte erzählt zum Beispiel eine aus dünnen Holzstäbchen und Muscheln wie ein Netz geknüpfte Seekarte aus Polynesien. Demjenigen, der sie zu lesen verstand, wies sie den Weg durch ein Reich aus über 1000 winzigen Inseln. Unscheinbar, aber bis heute rätselhaft ein Gebilde aus Schnüren unterschiedlicher Länge, in die Knoten geschlungen sind. Durch Anzahl und Lage dieser Knoten verschlüsselten die Inkas Informationen aller Art, speicherten sie gleichsam für die mündliche Weitergabe. Münzen, Siegel und schriftliche Zeugnisse vom Tontäfelchen über den Papyrus bis zur mittelalterlichen Urkunde geben Auskunft, wie Wirtschaft, Recht und Gemeinwesen in den unterschiedlichen Gesellschaften ausgesehen haben. Und in vielen Objekten kommen ästhetischer Reiz und historische Aussagekraft wunderbar zusammen.

Wie beim Lieblingsstück von Frances Benton, einem nur sechs Zentimeter hohen goldenen Lama aus Peru, mit staksigen Beinchen und aufgestellten Ohren:

"Das hat doch eine richtige Persönlichkeit! Man sieht, wie wichtig das Lama für diese Menschen war, sie waren auf das Tier angewiesen für alle Transporte. Weil es so bedeutend war, haben sie es aus Gold gemacht. Ein sehr kostbares Objekt, trotz seiner unscheinbaren Größe."

Die Bonner Schau ist einladend und übersichtlich und sehr konzentriert. Die Ausstellungsmacher haben in der Bundeskunsthalle im Kleinen die Situation nachempfunden, die das Britische Museum zu bieten hat: Um einen zentralen Hof gruppieren sich dort die Räume, zugeordnet den einzelnen Weltregionen.

Katharina Chrubasik: "So ist es auch bei uns, um diesen runden Raum befinden sich die einzelnen Kabinette mit den Sammlungen. Man kann dort bisschen Luft schnappen, man kann sich hinsetzen, bisschen nachdenken."

Sitzgelegenheiten und Audioguides mit Musik aus den verschiedenen Weltgegenden laden dazu ein. Wer diese eindrucksvolle Reise durch Kontinente und Zeitalter unternimmt, wird eine kreative Pause auch nötig haben.

Informationen der Bundeskunsthalle Bonn zur Ausstellung "Schätze der Welt. Die großen Sammlungen: The British Museum"

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