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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 07.10.2014

WendeKapitulation eines einst so mächtigen Staates

Die Plauener Demonstration läutete 1989 das Ende des SED-Regimes ein

Von Thilo Schmidt

Auf Transparenten fordern Teilnehmer des friedlichen Demonstrationszuges am 10.10.1989 durch die Leipziger Innenstadt immer wieder "Freiheit" - hier auf einem Banner mit drei Ausrufungszeichen zu lesen. (picture alliance / Lehtikuva Oy)
Gänsehautstimmung in der DDR: Bei den Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag entlud sich der Wunsch der Bürger nach Freiheit und Selbstbestimmung in Demonstrationen im ganzen Land. (picture alliance / Lehtikuva Oy)

Es ist das Jahr 1989. Zum 40. Jahrestag der DDR waren im ganzen Land Feste geplant. Doch unter der Oberfläche brodelte es schon lange, heimlich hatten Bürger in vielen Städten Gegendemonstrationen organisiert. Diese wurden gewaltsam aufgelöst, außer in Plauen, ganz am Rand der DDR. Hier zeigte der vormals starke Staat Schwäche. Und davon sollte er sich nicht mehr erholen.

Sprecher: "Nun wendet sich Erich Honecker an seine Gäste."

Honecker: "Liebe Freunde und Genossen, es ist mir eine große Freude, sie anlässlich dieses festlichen Empfangs zu Ehren unseres Nationalfeiertages recht herzlich zu begrüßen."

Tagesschau: "Die Nachrichtenagentur ADN meldet, Randalierer hätten im Zusammenspiel mit westlichen Medien versucht, die Volksfeste zum 40. Jahrestag zu stören. Beabsichtigte Provokationen seien nicht zur Entfaltung gekommen. Auch in Jena, Dresden, Plauen, Potsdam und wie hier in Leipzig formierten sich Protestzüge. Auch hier gingen die Sicherheitskräfte mit brutaler Gewalt vor. Augenzeugen sprechen von zahlreichen Übergriffen und Verletzten."

Honecker: "Auf den Frieden und das Glück aller Völker, auf den 40. Jahrestag der Deutschen Demokratischen Republik!"

Tagesschau: "Zehntausende gingen in mehreren Städten auf die Straße – eine solche Demonstrationswelle hat die DDR seit dem 17. Juni 1953 nicht mehr erlebt."

7. Oktober 1989, Nationalfeiertag, 40. Geburtstag der DDR. Einen spontanen Protestzug dieses Tages vermögen die Sicherheitskräfte nicht aufzulösen.

Kelterer: "Das bekenne ich gerne, da hab ich weiche Knie gekriegt, musste mich hinsetzen, hab nicht mitgejubelt, und mir war richtig schlecht, und dachte: Das war's! Die ganzen Jahrzehnte, wo die mich gejagt und gejagt haben, das ist vorbei."

Plauen im Vogtland. Am Tag der Republik. An dem die Staatsmacht das erste Mal vor dem Volk zurückweichen muss. Doch warum gerade in Plauen? Der Plauener Künstler Dietrich Kelterer:

"Da kam eins zum anderen. Weit davor angefangen war die Bürgerschaft von Plauen auch eine der wenigen, die gegen Wahlfälschung geklagt haben, schon im Mai '89. Nicht erst im Oktober '89, sondern im Mai.

Plauen, am südlichsten Ende der DDR. Im Grenzgebiet zu Bayern und Tschechien. Weit entfernt von Ostberlin. Die Versorgungslage war schlecht. Die Entwicklung der Stadt stagniert. Und in der Stadtbevölkerung brodelt es. Zur Kommunalwahl im Mai 1989 beschließen Oppositionelle aus den Reihen der Kirche, die Manipulationen der Wahlergebnisse nicht mehr klaglos hinzunehmen. Unter ihnen der Goldschmied Steffen Kollwitz.

Die Beobachtung der Wahlen war legal - aber nicht legitim

"Jeder wusste, dass die Wahlen im Prinzip betrogen sein müssen, bei 99,9 Prozent Zustimmung. Und derselben Wahlbeteiligung. Keiner wusste so richtig, wie das dann vonstatten geht, aber irgendwas konnte nicht stimmen. Und wir haben einfach naiv, wie wir waren, sag ich mal, gedacht: Wenn wir da hingehen in die Wahllokale abends, auszählen, vielleicht finden wir da irgendwie nen Punkt, wo wir ansetzen können. Wir haben auf jeden Fall gesagt: Wir wollen irgendwas verändern hier in dem Land, es muss sich was tun, ganz dringend. Und das war ne Aktion, wo wir gedacht haben, vielleicht entsteht da draus irgendwas."

Die Beobachtung der Wahlen und der Auszählungen war legal. Als legitim galt sie den Herrschenden jedoch nicht.

"Es konnte also jeder daran teilnehmen, wir haben uns also jeder erstmal ein Wahlgesetz besorgt, was gar nicht so einfach war, das genau studiert, haben versucht, rauszubekommen, wo überhaupt die ganzen Wahllokale sind, was ja auch nicht so einfach war. Haben dann erstmal Leute gesammelt, bis an die siebzig Mann waren's dann, die mitgemacht haben. Ja, und uns dann erstmal einen langen Zeitraum vorbereitet, überhaupt, was wir tun können."

Besonders viele Gegenstimmen wurden in den zwei Sonderwahllokalen der Stadt abgegeben, die schon vor dem eigentlichen Wahltag die Stimmabgabe ermöglichten. So ahnte es Kollwitz und so stellte es sich später heraus. Der Zutritt zu den Sonderwahllokalen jedoch wird den Wahlbeobachtern verwehrt, schon im Vorfeld ihr Einsatz sabotiert.

"Wir sind dann auch mit weichen, schlotternden Knien dahingegangen, weil wir nicht wussten, was uns da erwartet. Manche sind auch zu zweit, weil wir gesagt haben: Wenn ihr alleine Euch nicht traut, geht ihr einfach zu zweit hin, und es ist noch ein Zeuge mit da. Notiert Euch bestimmte Zahlen, die Wahlbeteiligung, die Anzahl der Gegenstimmen. Und als wir dann am Abend zusammengefasst haben, da kamen wir dann auf ein durchschnittliches Gegenstimmenergebnis von ungefähr zehn Prozent."

Aktuelle Kamera: "Guten Abend meine Damen und Herren zur Aktuellen Kamera. Die etwa 12,4 Millionen wahlberechtigten Bürger der DDR waren heute zu den Kommunalwahlen 1989 aufgerufen. Nach bisherigen Angaben zeichnet sich eine hohe Wahlbeteiligung ab. Bereits bis 16:30 Uhr hatten 98,2 Prozent der stimmberechtigten Bürger gewählt. Der Vorsitzende der Wahlkommission, Egon Krenz, wird im Laufe des heutigen Abends das vorläufige Endergebnis bekanntgeben, über das wir sie aus unserem Wahlstudio umgehend informieren."

Kollwitz: "Und wir haben dann noch am Abend die ersten Verlautbarungen im DDR Fernsehen verfolgt, wo also wieder dieses hervorragende Ergebnis, etwas schlechter diesmal, aber trotzdem noch mit 97,98 Prozent DDR-weit, veröffentlicht wurde, und auch für unsere Stadt, und da war uns eigentlich klar: Es war unwahrscheinlich, dass diese Zahlen stimmen konnten."

Kaum jemand, der nicht weg wollte

Scheinbar ohne Wirkung bleiben die von Kollwitz und seinen Mitstreitern verfassten Einsprüche gegen das Wahlergebnis, gerichtet zuerst an den Stadtrat, dann an den Staatsrat. Alle wiegeln ab. Doch ganz ohne Folge bleibt der Protest nicht.

Kollwitz: "Und es gab nur ein, zwei Wahlbezirke, Leipzig, Berlin-Weißensee, weiß ich, wo offiziell noch mehr Stimmen zugegeben wurden, Gegenstimmen. Und das haben wir uns natürlich schon mal als Erfolg an die Brust geheftet, weil wir dachten: Die haben gemerkt, dass da Leute sind, dass da Leute auszählen, dass das da schon ne bisschen größere Aktion ist, und da müssen wir ein bisschen mehr zugeben. Und zweitens mal hat das ganze natürlich uns dazu gebracht, dass wir gedacht haben: Wenn das so ist, wenn hier so mit uns verfahren wird, lassen wir nicht locker, im Gegenteil, wir machen weiter."

Anfang Oktober heizt sich die Stimmung in der DDR zusätzlich auf – durch die Massenflucht Hunderttausender über Ungarn und die bundesdeutschen Botschaften in Warschau und Prag. Hans-Dietrich Genscher hatte den Flüchtlingen ihre Ausreise in Richtung Bundesrepublik zugesichert – und von Prag aus starten Züge, die auf ihrem Weg nach Westdeutschland auch durch Plauen fahren sollen.

Tagesschau: "Guten Abend, meine Damen und Herren. Vom Prager Bahnhof Liben rollen seit dem frühen Abend wieder Sonderzüge mit DDR-Flüchtlinge in Richtung Westen. Wie schon am vergangenen Wochenende fahren die Züge wieder über das Territorium der DDR. Damit hält Ostberlin formal den Anspruch aufrecht, dass alle Flüchtlinge zunächst in die DDR zurückgehen müssen und dann ausgewiesen werden müssten. Unklar ist zur Stunde noch, ob die Züge über Dresden oder Bad Brambach fahren. Nach Informationen des Bonner Staatssekretärs Waffenschmidt sind die Wagen abgeschlossen und werden erst in Hof von außen geöffnet."

Kollwitz: "Es gab ja kaum jemanden, der in der Familie, oder erweiterten Familie oder Freundeskreis nicht jemanden hatte, der weg war oder weg wollte. Also das waren katastrophale Zustände. Ich hatte die Schwägerin in der eigenen Familie, die weg wollte, der ehemalige Pfarrer der eigenen Gemeinde, der plötzlich zu mir kam mit nem Autoanhänger, er hat mich gebeten, den unterzustellen, und mir mitgeteilt, dass er in Ungarn Urlaub macht, also das waren immer Momente, wo man eigentlich nicht so richtig wusste. Man war irgendwo stinksauer, dass die Leute alle das Land verlassen, und den Rest hier zurücklassen."

Tagesschau: "Vom Prager Nebenbahnhof Liben aus konnten kurz vor 18 Uhr die ersten Familien mit Kindern den Zug der DDR-Reichsbahn besteigen. Zehn weitere Züge sollen im Verlauf der weiteren Nachtstunden eingesetzt werden, um die auf 11.000 Menschen geschätzten Flüchtlinge durch ihre alte Heimat DDR in die neue Heimat Bundesrepublik zu bringen."

Stille Aufruhr in Plauen

Die Durchfahrt der Züge durch den Oberen Bahnhof wird von Hunderten Plauenern verfolgt. Mancher glaubt, auf einen der Züge aufspringen zu können. Sicherheitskräfte riegeln den Bahnhof zunächst ab, später räumen sie ihn.

In den ersten Oktobertagen stellen viele Plauener Kerzen in ihre Fenster. Stille Aufruhr. Auch ein Protestaufruf taucht in diesen Tagen in der Stadt auf. Verfasst hat ihn der Werkzeugmacher Jörg Schneider.

"Ja, die einzige Möglichkeit war dann also mit Blaupause vier bis fünf Durchschläge mit einem Mal zu schreiben. Mehr ging also nicht, man musste da schon ganz schön in die Tasten hauen, damit man am Ende noch was lesen konnte, beim letzten Durchschlag. Man musste halt das entsprechend oft schreiben, also das war schon ne Sisyphusarbeit..."

Gut 200 Exemplare verteilt Jörg Schneider mit zwei Eingeweihten in der Stadt. Es ist der Aufruf, zu den offiziellen Feierlichkeiten anlässlich des Nationalfeiertages zu kommen – und dort zu protestieren.

"Es wusste zunächst nur ein Arbeitskollege Bescheid, der mir dann eine alte Reiseschreibmaschine geborgt hatte, darauf hatte ich dann diesen Aufruf geschrieben, ansonsten war das alles nur in meinem Kopf. Ich hab ja auch versucht, so wenig wie möglich Leute da einzuweihen. Und hab dann zum Schluss, als es dann an die Verteilung dieser Flugblätter ging, noch weitere zwei Arbeitskollegen eingeweiht. Wir haben dann zu viert diesen Aufruf dann verteilt. In ner sogenannten Nacht- und Nebel-Aktion."

BÜRGER DER STADT PLAUEN! SEIT MONATEN FÜHRT DAS SED-REGIME EINE BISHER BEISPIELLOSE HETZ- UND VERLEUMDUNGSKAMPAGNE GEGEN ALLE DEMOKRATISCH GESINNTEN KRÄFTE IN EUROPA! DOCH AM SCHLIMMSTEN SIND DIE FUßTRITTE DES SED-REGIMES GEGEN DAS EIGENE VOLK! IN FUNK, FERNSEHEN UND PRESSE DER DDR WERDEN WIR OFFEN FÜR UNMÜNDIG ERKLÄRT!

"Also, wir haben das so gemacht, dass wir das im Prinzip an Hauseingänge angeheftet haben mit Reiszwecken, an Bäume, an Straßenbahnhaltestellen, in Telefonzellen ausgelegt haben, und es war bereits dann am nächsten Vormittag dann in aller Munde gewesen, also es hat sich wie ein Lauffeuer in der ganzen Stadt sofort rumgesprochen."

Haft, Zuchthaus - wahrscheinlich in Bautzen

AM 7. OKTOBER, DEM 40. JAHRESTAG DER DDR, FINDET EINE GROß ANGELEGTE PROTESTDEMONSTRATION AUF DEM PLAUENER THEATERPLATZ STATT. UNSERE FORDERUNGEN LAUTEN: VERSAMMLUNGS- UND DEMONSTRATIONSRECHT, STREIKRECHT, MEINUNGS- UND PRESSEFREIHEIT, ZULASSUNG DER OPPOSITIONSGRUPPE "JUNGES FORUM", FREIE, DEMOKRATISCHE WAHLEN, REISEFREIHEIT FÜR ALLE. BÜRGER! ÜBERWINDET EURE LETHARGIE UND GLEICHGÜLTIGKEIT! ES GEHT UM UNSERE ZUKUNFT! JETZT ODER NIE!!!

"Ja, also die Folgen wären gewesen, wahrscheinlich 25 Jahre politische Haft, Zuchthaus. In Bautzen. Wir waren aber auch nicht so blauäugig, dass wir jetzt unkalkulierbare Risiken eingegangen sind. Also wir haben versucht, nach Möglichkeit diese Sache abzusichern."

Die Staatssicherheit notiert am 3. Oktober:

"INOFFIZIELL WURDE BEKANNT, DASS AM 3.10.1989 GEGEN 10 UHR 30 BEI EINEM EHEPAAR AUS DER BRD (RAUM HOF) IN DAS FAHRZEUG IN PLAUEN AUF DEM PARKPLATZ JÖßNITZER STRAßE DER [...] AUFRUF [...] ZUR DURCHFÜHRUNG EINER DEMONSTRATION [...] DURCH DAS GEÖFFNETE FENSTER GEWORFEN WURDE. BEI DER PERSON, WELCHE DEN ZETTEL EINGEWORFEN HAT, HANDELT ES SICH UM EINE CA. 40-45 JAHRE ALTE MÄNNLICHE PERSON, 1,70 BIS 1,75 GROß, SCHLANKE GESTALT, DUNKLES HAAR, ZIVILKLEIDUNG. [...] DIE PERSON ENTFERNTE SICH SCHNELLEN SCHRITTES IN RICHTUNG FIRMA EISEN-KÖNIG."

Die meisten Flugblätter werden von der Staatssicherheit eingesammelt. Trotzdem erfährt die ganze Stadt von dem Aufruf. Der Plauener Künstler Dietrich Kelterer:

"Und da hatten die Leute ein gutes Alibi, sich selber Mut zu fassen, den ersten Schritt zu gehen, zu sagen: Da geh ich mal hin. Da geh ich mal gucken. Ohne was gegen den Staat zu unternehmen. Ja? Sind die dann alle dagewesen. Die konnten offiziell zur offiziellen Feier gehen. Das hat den Mut, den ersten Schritt ausgelöst."

Um 15 Uhr strömen die Plauener zum zentralen Theaterplatz, auch "Tunnel" genannt. Die Feier beginnt, der Protest beginnt. Es werden immer mehr. Familien mit Kindern. Auch das Plauener Ehepaar Detlev und Eva-Maria Braun kommt. Mit Kindern.

"Man wusste nicht, was da stattfinden sollte, wie das gehen sollte. Und da offiziell an dem 7. Oktober um 14 Uhr ein Kinderfest angesagt war, hatten viele Bürger da keine Bedenken, dort hinzugehen."

"Und zunächst erschien das ja auch alles erst wie immer, kann man sagen. Bis dann sich die ersten formierten, und ich glaube kurz nach 14 Uhr wurde dann das erste Plakat entrollt. Und dann nahm eigentlich die Sache seinen Lauf."

Tausende Menschen hatten sich in Plauen versammelt

Kelterer: "Die Staatsmacht, die war aufgefahren, das niederzuknüppeln, und die hatten sich bloß verrechnet in der Zahl. Das haben wir später erfahren, dass die mit 600 Leuten gerechnet haben, und da stehen 10.000. Was machen sie denn dann? Die ganzen Einsatzkräfte hatten mehr Angst als alle andern. Und wenn das die Bevölkerung merkt, wird der Mut immer größer."

Das einzige bekannte Filmdokument dieser Demonstration stammt von Detlev Braun. Gedreht mit einer Super-8-Kamera – ohne Tonspur.

Braun: "Ich hatte die Kamera unter der Kutte! Und nicht obendrüber. Sonst hätte man das ja auch entreißen können. Und letztlich, muss ich sagen, hat ja dann der Regen eingesetzt, waren also zum Filmen äußerst ungünstige Bedingungen. Da bin ich dann von Leuten mit Schirmen schon behindert worden. Die den Schirm immer vor der Linse hatten."

Der Film, den Detlev Braun noch einmal abspielt, zeigt Tausende Menschen auf dem Tunnel, in Farbe. Teilweise sind die geheim gedrehten Bilder verwackelt, teilweise erstaunlich präzise. Die Volkspolizei ist kaum zu sehen.

"Und jetzt, sehen sie, Blaulicht, hier runter kommt die Polizei, und ein als Wasserwerfer umfunktioniertes Feuerwehrauto. Und die haben dann einfach willkürlich – der Mann hat einem leidgetan, der wusste ja auch nicht... der hat einen Befehl, da... ja. Es gab sowas nicht. 'Halt mal rein'..."

Schneider: "Und dann hat sich wie durch ein Wunder durch den Zuruf eines einzelnen Demonstranten dann dieser Demonstrationszug in Bewegung gesetzt. Und wir sind dann die Bahnhofstraße hochgelaufen, und dort hat sich dann der ganze Frust, und die ganze Ohnmacht, in der wir ja bisher gelebt haben, in Sprechchören dann entladen..."

"Wir bleiben hier! Wir bleiben hier!"

Tonaufnahmen von der Demonstrationen sind nicht bekannt. Gerufen wurde wie bei der zeitgleichen Demonstration in Berlin "Neues Forum", "Gorbi" und "Wir bleiben hier".

"Neues Forum! Neues Forum!"

Schneider: "Und das war natürlich ein unheimliches Gefühl, Gänsehautstimmung. Zum ersten Mal frei sein, und seine Meinung äußern zu können, die laut herausrufen zu können..."

Der Staat war offensichtlich hilflos

Die Massen ziehen vor das Plauener Rathaus, wollen mit dem Bürgermeister sprechen, doch die Sicherheitskräfte riegeln ab. Ein Hubschrauber der Volkspolizei kreist im Tiefflug über der Menschenmasse. Die Nerven liegen blank. Wie wird diese Demonstration enden? Thomas Küttler, der Superintendent des Kirchenbezirks, fürchtet ein Blutvergießen und vermittelt zwischen Staat und Demonstranten.

Kelterer: "Ich befürchte, es wäre zur Eskalation gekommen, wenn er das nicht in die Hand genommen hätte. Er hat als erstes ausgehandelt, mit den Führenden, dass der drohende Hubschrauber abzuziehen ist. Und dann ist der abgezogen, und als der Sup das der Bevölkerung gesagt hat, das war ein Siegesgeschrei! Krieg ich gleich nen dicken Hals, ja?"

Gegen 18 Uhr beruhigt Superintendent Küttler die Masse, fordert die Plauener auf, in dieser siegreichen Stimmung nach Hause zu gehen. In diesem Moment läuten die Glocken der nahe gelegenen Lutherkirche.

Kelterer: "Und der Mut der Bevölkerung, dieser gewachsene Mut, sich diesem System öffentlich zu widersetzen, und dass das Gewaltmonopol zum Rückzug antreten musste – nicht aus taktischen Gründen, sondern offensichtlich hilflos, das ist unauslöschlich. Und in dem Moment, wo ich das begriffen hatte, ist mir richtig schlecht geworden. Nachdem ich jahrzehntelang diesem System entfliehen wollte, geistig entfliehen wollte, ist mir sofort bewusst geworden, das dreht kein Mensch wieder zurück. Das ist das Ende. Natürlich erstmal das Ende dieser SED-Allmacht, ja?"

Alle anderen Demonstrationen dieses Tages, in Dresden, Leipzig, Karl-Marx-Stadt, Jena und in weiteren Städten der DDR, werden gewaltsam aufgelöst. In Plauen kapituliert zum ersten Mal in der Geschichte der DDR die Staatsmacht vor dem Volk. Es ist die erste Protestdemonstration im Wendeherbst, die der Staat nicht bezwingen kann.

Kelterer: "Die andere Seite ist, dass die Staatsmacht Rachegelüste hatte. Und das muss man erwähnen: Sie hatten vorher das Gefängnis in der Stadt Plauen leergeräumt für die paar Randalierer, mit denen sie gerechnet hatten. Sie haben ja nicht mit 10.000 gerechnet, sondern mit 600. Und dann standen sie in ihrem leeren Gefängnis und haben jetzt noch Leute eingefangen. Spät am Abend, da waren Theaterbesucher dabei, die sind weggefangen worden und eingelocht worden."

Über die 10.000 Demonstranten notiert die Staatssicherheit:

DURCH DIE ZUM EINSATZ KOMMENDEN SICHERHEITSKRÄFTE KONNTE DIESE MENGE NICHT AUFGELÖST WERDEN.

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