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Interview / Archiv | Beitrag vom 17.08.2010

Weltweite Proteste können helfen

Journalistin Amirpur verurteilt die Steinigungen im Iran

Katajun Amirpur im Gespräch mit Jan-Christoph Kitzler

Besonders Frauen sind in islamischen Ländern von der rigorosen Auslegung der Scharia bedroht. (AP)
Besonders Frauen sind in islamischen Ländern von der rigorosen Auslegung der Scharia bedroht. (AP)

Bereits vor zwei Jahren kündigte der Iran an, die Steinigungen abzuschaffen. Trotzdem droht nun wieder einer Frau die Hinrichtung. Weltweite Proteste könnten Wirkung zeigen, glaubt die Journalistin Katajun Amirpur, denn die Regierung müht sich um ein besseres Image.

Jan-Christoph Kitzler: Bis zur Brust eingegraben, dann mit mittelgroßen Steinen beworfen bis zum Tod. Dieses Schicksal droht Sakine Mohammadi Ashtiani. Die Mutter zweier Kinder soll nach dem Tod ihres Mannes Beziehungen zu zwei anderen Männern gehabt haben. In der Provinz Kundus, also dort, wo eigentlich die Bundeswehr die Kontrolle hat, haben Talibankämpfer auf einem Marktplatz am Sonntag schon Fakten geschaffen: Sie steinigten ein Liebespaar, das nicht verheiratet war. Zum ersten Fall muss man sagen, er gehört in den Iran.

Die Steinigung ist eine der grausamsten Strafen, die die Scharia, das islamische Recht, vorsieht, und wenn diese Strafe angewendet wird, löst sie weltweit Proteste aus. – Darüber spreche ich nun mit der deutsch-iranischen Autorin und Journalistin Katajun Amirpur. Guten Morgen!

Katajun Amirpur: Guten Morgen!

Kitzler: Sind Steinigungen zum Beispiel im Iran, aber auch in Afghanistan, oder auch in Somalia Einzelfälle, oder steckt dahinter, dass Islamisten in diesen Regionen immer radikaler werden und auf dem Vormarsch sind?

Amirpur: Dort, wo weltweit Islamisten an die Macht kommen, geht das eben meistens einher mit einer Einführung der Scharia, und die Steinigung ist Teil einer relativ rigorosen Auslegung der Scharia. Also dort, wo Islamisten an die Macht gekommen sind in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten, wurde dann auch meist die Steinigung eingeführt mit als Rechtsprinzip. Das konnte man weltweit beobachten in den letzten Jahren. Das galt in Iran ebenso wie in Nigeria.

Kitzler: Oft hört man ja von Frauen, die von Steinigungen bedroht sind oder Opfer werden. Werden die besonders häufig mit solchen Fällen konfrontiert?

Amirpur: Das ist ganz offensichtlich so. Ja, es trifft viel, viel mehr Frauen weltweit, die Steinigungen, obwohl Steinigung auch eine Strafe ist, die auf Männer angewendet wird. Aber zum einen sind Frauen nun mal offensichtlich das schwächere Geschlecht. Also auch dort trifft es zu, dass sie einfach häufiger Opfer von Verfolgung werden. Und außerdem ist es natürlich so, dass Frauen auch häufig infolge von einer Vergewaltigung schwanger werden. Das heißt, es gibt ein sichtbares Zeichen dieses wie auch immer, mag man es Ehebruch nennen.

So wird es dann von radikalen Islamisten gesehen, dass es Ehebruch war, obwohl es eine Vergewaltigung war. Und wir haben halt häufig auch diese Fälle, dass Frauen vor den Richter gegangen sind, um eine Vergewaltigung anzuzeigen, dann aber selber angeklagt wurden, weil sie Ehebruch begangen hätten. Auch deshalb trifft diese Strafe weitaus häufiger Frauen weltweit leider.

Kitzler: Laut Amnesty International hat der Iran, zu dem ich jetzt mal kommen möchte, eigentlich schon 2002 zugesichert, keine Menschen mehr zu steinigen. Dennoch hat es seitdem mehrfach solche Hinrichtungen gegeben. Liegt das daran, dass es eine religiöse Strafe ist, auf die der Staat sozusagen gar keinen Zugriff hat, oder ist das ein ganz falsches Rechtsverständnis?

Amirpur: Das kann man so im Falle von Iran nicht ganz formulieren, weil in Iran natürlich der Staat das religiöse Recht durchsetzt. Insofern ist dort staatliches und religiöses Recht mehr oder minder eins. Iran hat gesagt, man setze die Strafe aus. Man hat aber, glaube ich, damals nicht gesagt, wie lang und inwiefern und ob nun das wirklich eine allgemeine Ankündigung ist, die immer weiter durchgezogen wird.

Es gab 2008 auch Vorstöße, tatsächlich die Steinigung abzuschaffen. Es gab eine Gesetzesvorlage, die dem Parlament vorgelegt wurde. Die wurde dann aber letztlich nicht ratifiziert. Und es ist natürlich auch so, selbst wenn die Steinigung abgeschafft würde in Iran, könnte es lokal vorkommen, dass das immer noch passiert, dass irgendein lokaler Richter sagt, ich widersetze mich aber jetzt dem, was von oben gesagt wird, und wende das trotzdem an. Aber das hätte natürlich zur Folge, dass so etwas wie das, was jetzt passiert, nicht passieren könnte, denn sobald es dann weltweite Proteste gibt oder landesweite Proteste gibt, müsste dieser Richter eine solche Strafe aussetzen. Insofern wäre dann tatsächlich der Schritt, dass die iranische Regierung beschließt, dass es Steinigungen nicht mehr geben dürfe. Dann könnte man sie im Prinzip auch von oben durchsetzen.

Kitzler: Weltweit gibt es ja Proteste gegen diese Steinigungen. Nützen die denn Ihrer Meinung nach, oder stacheln die die religiösen Eifereien im Gegenteil noch zusätzlich an?

Amirpur: Das kann man in der Tat relativ schwer sagen. Es gibt durchaus einige Leute, die sagen, jetzt erst recht, wir lassen uns nicht von außen diktieren, welches Rechtssystem wir hier anzuwenden haben, für uns ist das göttliches Recht, wir machen das jetzt einfach. Diese Stimmen gibt es durchaus in Iran. Offensichtlich ist aber die iranische Regierung auch durchaus bemüht um ihr Image im Ausland, denn man hat ja jetzt Frau Ashtiani vor der Kamera vorgeführt und sie hat angeblich dort gestanden. So schlimm es ist und so wenig das jemand glaubt, dass sie dort gestanden hat, ist es aber andererseits ein Zeichen dafür, dass die iranische Regierung um ihren Ruf besorgt ist, und da könnte man vielleicht ansetzen.

Vielleicht könnte man da ansetzen und weltweit diese Proteste noch weiterhin verstärken, damit eben klar gemacht wird, wie sehr das Ansehen Irans sinkt, und vielleicht könnte man dann tatsächlich noch jemanden bewegen, in Iran diese Strafe auszusetzen, denn das ist durchaus möglich. Wenn der oberste religiöse Führer in Iran möchte, kann er einfach hingehen und sagen, die Frau wird nicht gesteinigt, und damit hat sich dann das Ganze. Es wäre also denkbar und da sollten die weltweiten Proteste gegen die Steinigung noch weiterhin ansetzen.

Kitzler: Gibt es denn in Iran selbst auch Stimmen, die sich gegen die Steinigung aussprechen und die es schaffen, sich Gehör zu verschaffen?

Amirpur: Es ist relativ schwierig, sich im Moment Gehör zu verschaffen in Iran, weil nach dem letzten Sommer, seit der Wahlfälschung und seit den Repressionen, die danach eingesetzt haben, es eigentlich kaum mehr möglich ist, als kritischer Geist sich irgendwie Gehör zu verschaffen. Es gibt keine Zeitungen mehr, keine unabhängigen Medien mehr. Aber es gibt seit Jahren eine sehr große Bewegung gegen die Steinigung. Das ist etwas, was die iranische Zivilgesellschaft seit Jahren vorantreibt, was dort seit Jahren geschieht, und vermutlich waren dann diese Ansätze 2002 und auch 2008, sie tatsächlich abzuschaffen, im Wesentlichen auch ein Ergebnis der iranischen Zivilgesellschaft, die sich immer stärker von dieser radikalen Strafe distanziert, die das nicht mehr möchte und sagt, wir müssen einfach in dieser heutigen Zeit diese Strafe aussetzen beziehungsweise abschaffen.

Kitzler: Die grausamen Steinigungen sind leider immer noch Realität im Iran, aber auch in anderen Teilen der islamischen Welt. Das war die Autorin und Journalistin Katajun Amirpur. Vielen Dank dafür.

Amirpur: Gerne.

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