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Interview / Archiv | Beitrag vom 18.12.2015

Welttag der arabischen Sprache"Wir sind Schriftsteller, keine Soziologen"

Hassouna Mosbahi im Gespräch mit Dieter Kassel

Ein wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für islamische Theologie der Universität Osnabrück. ( picture alliance / dpa / Friso Gentsch/dpa)
Hassouna Mosbahi wehrt sich gegen das einseitige Bild, das Verlage von arabischen Schriftstellern haben. ( picture alliance / dpa / Friso Gentsch/dpa)

Westliche Verlage sollten arabische Schriftsteller nicht immer nur als Muslime sehen, sagt der tunesische Autor Hassouna Mosbahi. Der Mensch werde nicht nur durch Religion definiert: "Die Religion ist keine Kultur, ist keine Identität."

Der tunesische Schriftsteller Hassouna Mosbahi hat den Umgang deutscher Verlage mit arabischer Literatur kritisiert. Die Verlage erwarteten ganz bestimmte Themen, sagte er im Deutschlandradio Kultur:

"Die deutschen Verlage behandeln den arabischen Schriftsteller nicht als Schriftsteller, sondern vielleicht eher als einen Soziologen. Der Umgang mit den arabischen Schriftstellern ist ein anderer, als mit indischen oder mit anderen Schriftstellern."  

Westliche Verlage sollten arabische Schriftsteller nicht immer nur als Muslime behandeln, meinte Mosbahi:

"Der Islam ist eine Religion. Aber wir sind Schriftsteller. Und wir schreiben über viele Themen, die mit dem Islam nichts zu tun haben. Aber der Westen will, dass wir nur über den Islam und über bestimmte Themen schreiben."

"Die Religion ist keine Identität"

Mosbahi verwies auf die großen kulturellen Errungenschaften in der arabischen Welt - etwa auf den Gebieten Literatur, Kunst oder Film. Europa müsse aufhören, die arabische Welt nur durch die Religion zu betrachten:

"Aber die Menschen werden nicht durch ihre Religion definiert. Die Religion ist ja keine Kultur, ist keine Identität. Aber der Westen betrachtet die Religion als eine Kultur. Und das ist falsch."

Das Interesse Europas an der arabischen Kultur sei im Moment ziemlich begrenzt, bemängelte Mosbahi. Dabei seien es gerade die Schriftsteller und Dichter, die in ihren Werken auch einen Spiegel der Realität lieferten. Gefährlich sei allerdings das  Vorgehen der Fundamentalisten:

"Natürlich versuchen die Fundamentalisten, dass die arabische Sprache sich nicht entwickelt, dass sie eine Traditionssprache bleibt. Aber wir schreiben ja jeden Tag mit dieser Sprache. Und ich hoffe, dass es in Europa mehr Menschen gibt, die Arabisch lernen. Und dass es eine wirklich, eine echte Annäherung zwischen den beiden Kulturen gibt."     

Heute ist der Welttag der arabischen Sprache. Die UNESCO feiert diesen Tag seit 2010 immer am 18. Dezember.



Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Terrordrohungen werden oft in arabischer Sprache verfasst, sie ist die Hauptsprache des IS und anderer Organisationen, die keine positiven Botschafter arabischer Kultur sind. Und auch deshalb ist das Arabische als Welt- und Kultursprache nicht unbedingt sehr beliebt.

Heute ist der Tag, an dem die UNESCO sich bemüht, das zu ändern, heute ist der Welttag des Arabischen. Und wir haben deshalb mit Hassouna Mosbahi gesprochen. Der tunesische Schriftsteller und Übersetzer wurde 1950 in der tunesischen Wüste, so ungefähr 150 Kilometer südlich von Tunis geboren, hat dann fast 30 Jahre außerhalb seines Landes verbracht, hat in Europa studiert und gelebt, in München unter anderem sehr lange, und ist dann vor zehn Jahren zurückgegangen nach Tunesien. Und er hat sich natürlich in Europa und auch in diesen zehn Jahren, die er wieder in seinem Heimatland lebt, Gedanken gemacht darüber, was für eine Rolle die arabische Sprache spielt auf dieser Welt und was für eine Rolle die Literatur spielt. Und deshalb habe ich ihn gefragt, als Mensch, der beide Welten kennt, was er eigentlich für einen Eindruck hat, welche Rolle arabischsprachige Literatur in Deutschland und in Europa spielt?

Hassouna Mosbahi: Ich bin eigentlich sehr enttäuscht, wie die Verlage mit der arabischen Literatur umgehen. Sie wollen bestimmte Themen, sie wollen, dass der Schriftsteller über bestimmte Themen schreibt. Deshalb behandeln die deutschen Verlage den arabischen Schriftsteller nicht als Schriftsteller, sondern vielleicht als einen Soziologen. Der Umgang mit den arabischen Schriftstellern ist ein anderer als mit indischen oder mit anderen Schriftstellern.

Arabische Literatur ist hier noch immer unbekannt

Ich habe mich bemüht, dass die tunesische und die arabische Literatur bekannter wird in Europa, aber die Literatur, die arabische Literatur ist immer noch hier unbekannt. Ich habe mal angefangen, einen Film über Nagib Machfus, über den ägyptischen Schriftsteller zu machen, und ich habe dann festgestellt: Er ist überhaupt nicht bekannt in Deutschland. Und sogar nachdem er den Nobelpreis für Literatur erhalten hat, blieb er weitgehend unbekannt.

Wenn wir einen Blick auf die Landkarte werfen, dann sehen wir, wie viel Gewalt, wie viele Probleme es in der arabischen Welt gibt. Aber die deutsche Presse interessiert sich eigentlich nur für die Probleme, für den Islam, für die Anschläge. Der Islam ist eine Religion, aber die Menschen werden nicht durch ihre Religion definiert. Die Religion ist ja keine Kultur, ist keine Identität. Aber der Westen betrachtet die Religion als eine Kultur. Und das ist falsch. Die westlichen Verlage sollen aufhören, uns als Muslime zu behandeln. Der Islam ist eine Religion, aber wir sind Schriftsteller und wir schreiben über viele Themen, die mit dem Islam jetzt nichts zu tun haben. Aber der Westen will nur, dass wir über den Islam, über bestimmte Themen schreiben.

Kassel: Ist das, was Sie gerade gesagt haben über diese Vorurteile des Westens, über dieses Vermischen von arabischer Kultur und islamischer Religion, ist das auch ein Grund, warum auch die arabische Sprache in Europa, in Deutschland, in anderen Ländern auf so geringes Interesse stößt? Und stößt sie vielleicht auch manchmal auf Vorurteile? Manche Menschen – ist mein Eindruck – haben ja sofort Angst, wenn sie die unbekannten arabischen Schriftzeichen sehen, weil sie immer glauben, das sei in jedem Fall eine Terrorbotschaft!

Sprache ist auch ein Ziel der Fundamentalisten

Mosbahi: Die arabische Sprache und auch die arabischen Länder sind sehr nah zu Europa. Und die großen deutschen oder westlichen Schriftsteller haben ja von der arabischen Literatur auch profitiert. Goethe hat von der orientalischen arabischen Literatur profitiert. Aber das Interesse Europas an der arabischen Kultur im Moment ist ziemlich begrenzt. Man betrachtet die arabische Sprache als eine Sprache, die nicht unbedingt die Realität widerspiegelt, aber eigentlich, wenn wir die Errungenschaften vieler Schriftsteller, Dichter sehen, dann ist die arabische Sprache jetzt ein Spiegel der Realität.

Natürlich versuchen die Fundamentalisten, dass die arabische Sprache sich nicht entwickelt, dass die arabische Sprache eine Traditionssprache bleibt. Aber wir schreiben ja jeden Tag in dieser Sprache. Und ich hoffe, dass es in Europa mehr Menschen gibt, die Arabisch lernen und dass es eine wirkliche, eine echte Annäherung zwischen den beiden Kulturen gibt. Wir haben eine reiche Kultur, wir haben viele Lieder, wir haben Literatur, wir haben Kunst. Und Europa muss aufhören, uns nur durch die Religion zu sehen. Europa muss auch die Literatur, die Kunst, das Kino im arabischen Raum wahrnehmen!

Kassel: Sie haben gesagt, Arabisch ist ja eine moderne Sprache. Es gibt natürlich einerseits das Hocharabische und dann wird natürlich im Alltag Arabisch in jedem Land anders gesprochen. Als Sie damals nach 30 Jahren wieder nach Tunesien zurückkehrten, hatte sich da eigentlich die Sprache verändert im Alltag, haben Sie ein neues Arabisch angetroffen?

Arabisch ist nicht die Sprache des Todes, sondern des Lebens

Mosbahi: Die arabische Sprache entwickelt sich wie jede andere Sprache. Und der Schriftsteller ist derjenige, der diese Sprache ändert, entwickelt. In Deutschland entstand ja nach dem Zweiten Weltkrieg die Gruppe 47, Günter Grass, Heinrich Böll und andere. Und sie haben versucht, eine neue deutsche Sprache zu finden, eine Sprache nach dem Zweiten Weltkrieg. Und wir machen das Gleiche jetzt im arabischen Raum.

Natürlich, es gibt Menschen, die wollen, dass die arabische Sprache stehenbleibt bei bestimmten Themen. Sie wollen, dass die arabische Sprache die Sprache des Todes sei. Aber wir wollen, dass die arabische Sprache die Sprache des Lebens sei! Und die Sprache entwickelt sich und natürlich. Es ist ja ganz natürlich, dass es verschiedene Dialekte gibt in den verschiedenen arabischen Ländern, dass man einen Dialekt in Saudi-Arabien spricht, einen anderen in Syrien und in Maghreb spricht man einen anderen Dialekt. Aber wir verstehen einander.

Der tunesische, der marokkanische Dialekt, diese Dialekte verbreiten sich auch durch die Filme, durch die Lieder. Und die Schriftsteller, die Musiker, die Künstler versuchen, die Sprache zu entwickeln, damit diese Sprache die Sprache des Lebens, des Zeitalters, nicht nur die Sprache der Religion und des Korans bleibt.

Es gibt viele Menschen, die über den Koran sprechen, aber den Koran nicht verstehen wegen der Sprache. Sie verstehen nur ein paar Worte, Dschihad, und sie verüben Attentate, aber ohne die arabische Sprache zu verstehen! Die letzten Attentäter von Paris, die sprechen Arabisch, aber was für ein Arabisch? Es gibt Menschen, die die Religion benutzen, aber die haben nichts gelesen,. Die sprechen, als bestünde das Arabische nur aus der Religion, aus dem Koran, aus den Hadithen. Aber sie kennen die großen Werke der arabischen Literatur nicht. Und wie gesagt, sie wollen nicht, dass die arabische Sprache die Sprache des Lebens ist.

Kassel: Das sagt der tunesische Schriftsteller und auch Übersetzer Hassouna Mosbahi. Das Gespräch mit ihm habe ich gestern geführt, aber heute ist er, der Tag der arabischen Sprache, der Welttag der arabischen Sprache, ausgerufen von der UNESCO.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr zum Thema:

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