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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 13.08.2010

Weltstar mit Wurzeln in Franken

Ein Buch beleuchtet Billy Joels deutsch-jüdische Familiengeschichte

Von Thomas Thomson Senne

Billy Joel ist sich seiner jüdischen Herkunft immer bewusst gewesen. (AP Archiv)
Billy Joel ist sich seiner jüdischen Herkunft immer bewusst gewesen. (AP Archiv)

Die Familie des US-amerikanischen Popstars Billy Joel gehörte einst zur deutschen Wirtschaftselite. Im Nationalsozialismus zur Auswanderung gezwungen, baute sich Billy Joels Großvater eine neue Existenz in den USA auf.

"Es ist eigentlich leider eine typisch jüdische Geschichte, wie sie im 20. Jahrhundert oft passiert ist, die eigentlich dadurch besonders wird, dass eben in dem Fall ein Popstar mit involviert ist."

Und der ist einer der bekanntesten seines Fachs, heißt Billy Joel und wusste lange nichts Genaues über seine deutsch-jüdischen Wurzeln, sagt Steffen Radlmaier. Eher zufällig stieß der Feuilletonchef der Nürnberger Nachrichten auf die Familiengeschichte der Joels und hat deren Erlebnisse inzwischen in seinem Buch "Die Joel-Story" auf knapp 300 Seiten zu Papier gebracht.

"Ich hab da immer Gerüchte gehört, dass die Familie aus Franken kommen sollte. Und ich konnte mir das nicht vorstellen, bis ich eines Tages durch einen glücklichen Zufall ein Konzert von Billy Joel in Nürnberg erlebt habe, auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände noch dazu, ein Konzert, das nur für amerikanische GIs gedacht war. Und ich hab mich da reingeschmuggelt.

Und bei diesem Konzert hat er ein Lied gespielt 'Vienna', dieses Lied seinem Vater gewidmet und sagte dazu, sein Vater ist in Nürnberg aufgewachsen und musste die Stadt wegen der Nazis verlassen und er hofft, dass sich diese Nazi-Scheiße nie wiederholt. Und ich hatte damit den Beweis aus seinem eigenen Mund, dass an den Gerüchten was dran ist."

Die Recherchen ergaben: Karl Joel, der musikliebende Großvater von Billy Joel, besaß in Nürnberg ein Versandhaus, eines der größten in Deutschland. Da er kein sogenannter "Arier" war, musste er das Geschäft Josef Neckermann zu einem Spottpreis verkaufen und seine Heimat wegen der Nationalsozialisten verlassen. In den USA baute er sich eine neue Existenz auf, konnte aber an seine früheren ökonomischen Erfolge nicht mehr anknüpfen.

Sein Sohn Helmut, der Vater des späteren Weltstars Billy Joel, verdiente zunächst seinen Lebensunterhalt als Bote, bevor er dann von der Armee eingezogen wurde und das Ende des Zweiten Weltkrieges als amerikanischer Soldat erlebte - ausgerechnet in Nürnberg.

"Er hat mir erzählt – da war ja Nürnberg zu großen Teilen zerbombt -, und wie durch eine Vorsehung ist nur ein Schornstein in der Südstadt stehen geblieben, auf dem die vier Buchstaben J O E L noch standen, also ein Überbleibsel der alten Fabrik von Karl Joel."

Andere Familienmitglieder überstanden die Nazi-Diktatur nicht so glimpflich, erinnert sich der heute in Wien wohnende Helmut Joel. Zum Beispiel sein Onkel Leon. Der betrieb einst ein Stoff- und Bekleidungsgeschäft in Ansbach und war dort auch Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde.

"Der hat immer gesagt: 'Mir tun sie nichts. Ich war ja im Krieg Offizier'. Und grad' den haben sie nach Auschwitz geschickt und seine Frau, grad' den."

Von all dem ahnt Billy Joel nichts, als der Sohn einer Amerikanerin 1949 in New York zur Welt kommt: als William Martin Joel. Bis zu seinem musikalischen Durchbruch schlägt er sich als Pianist in Bars durch. Sein Vater Helmut verlässt bald die Familie und heiratet erneut – in Europa. Seiner jüdischen Herkunft ist sich Billy Joel immer bewusst gewesen und so erzählt der Weltstar in Konzerten ohne falsche Scham von seiner Beschneidung. Auf die ist er noch heute sauer.

Auch Alexander Joel, der in Österreich aufgewachsene Stiefbruder des Popstars, ist von Musik angetan, vor allem allerdings von der Klassik. Zurzeit ist der 38-jährige Dirigent Generalmusikdirektor in Braunschweig.

"Alexander Joel hat 2007 die Nürnberger Philharmoniker bei dem großen Klassik-Open-Air dirigiert, wo 60 bis 70.000 Leute ihm zugehört haben. Und es ist natürlich schon immer ein unglaublicher ja symbolischer Akt, wenn 'ne Familie mit dieser Vergangenheit dann auf einmal vom Nürnberger Publikum bejubelt wird."

Inzwischen hat sich Alexander Joel sogar um den Posten des Chefdirigenten der Nürnberger Philharmoniker beworben. Billy Joel hingegen hatte und hat immer wieder gemischte Gefühle, wenn er nach Nürnberg kommt - obwohl er Schwarz-Weiß-Denken ablehnt und der heutigen Generation in Deutschland wegen der Naziverbrechen keine Vorhaltungen macht.

Einfühlsam, ohne Sentimentalität beschreibt Steffen Radlmaier in seinem von Fakten und Dokumenten untermauerten Buch die berührende Geschichte einer Familie, die einst zur deutschen Wirtschaftselite zählte, dann von den Nazis um die Früchte des Erfolgs gebracht wurde, aber heute - nach Jahren des Leidens und der Entbehrungen – erneut im Rampenlicht steht: mithilfe der Musik.

Service:
Das Buch von Steffen Radlmaier "Die Joel-Story. Billy Joel und seine deutsch-jüdische Familiengeschichte" ist im Heyne Verlag erschienen und kostet 19,95 Euro. Das Vorwort hat Billy Joel persönlich geschrieben.

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