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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 07.02.2012

Weltmeister in Vergangenheitsbewältigung

Bericht der Bundesregierung zur NS-Vergangenheit von Staatsdienern nach 1945 wirft viele Fragen auf

Von Malte Herwig

Erste konstituierende Situng des Deutschen Bundestages am 7.9.1949 in Bonn.
Erste konstituierende Situng des Deutschen Bundestages am 7.9.1949 in Bonn. (AP)

Was die Bundesregierung zu den personellen Kontinuitäten zwischen NS-Staat und Bundesrepublik auf 85 Seiten zusammengetragen hat, liest sich wie ein Befreiungsschlag. Doch wie war der Aufbau demokratischer Strukturen mit diesem Personal überhaupt möglich?

Spät kam sie, doch sie kam, die Antwort der Bundesregierung auf eine brisante parlamentarische Anfrage zur NS-Vergangenheit, die Jan Korte von der Fraktion Die Linke vor einem Jahr im Bundestag stellte.

Es ging um personelle Kontinuitäten in Ministerien und Behörden von Bund und Ländern, die Verfolgung nationalsozialistischer Verbrechen, um Wiedergutmachungsleistungen. Das Aufgabenpensum glich dem eines historischen Rigorosums zum Thema Vergangenheitsbewältigung, und die Bundesregierung wollte sich offensichtlich als Musterschülerin erweisen.

Die Ergebnisse des 85-seitigen Berichts sind ernüchternd, aber alles andere als überraschend: Im Auswärtigen Amt wurden lediglich drei Beamte aufgrund ihrer Vergangenheit im Dritten Reich wieder entlassen. Im Bundesjustizministerium sogar nur ein einziger. Dafür nahm man fleißig alte NS-belastete Fachkräfte wieder in die Behörden auf. Im neugegründeten Verteidigungsministerium machten diese Mitte der fünfziger Jahre mehr als drei Viertel der Neueinstellungen aus.

Der Bericht liest sich auch wie ein Befreiungsschlag. Insgesamt 41-mal fällt der Begriff "Aufarbeitung". Bund und Länder, schreibt die Bundesregierung, hätten diese Aufarbeitung von Beginn an nachhaltig unterstützt, Reparationen geleistet, Wiedergutmachung geübt. Naja. Deutschland ist Weltmeister, so klingt das. Nicht nur im Fußball und beim Autobauen, sondern auch in Sachen Vergangenheitsbewältigung.

Aber so stimmt das nicht. Die zwölf Jahre des "Dritten Reichs" mögen zu den besterforschten Epochen der deutschen Geschichte gehören. Doch das gilt nicht für den Umgang mit der NS-Zeit nach 1945, der allzu lange nur von einzelnen Lobbygruppen, Wissenschaftlern und den Medien ausging.

Nicht umsonst hat es Jahrzehnte gedauert, bis endlich Kommissionen zur Erforschung der Geschichte einzelner Behörden wie des Auswärtigen Amts, des BND oder des Verfassungsschutzes auf den Weg gebracht wurden. Eine amtliche Aufklärung scheint erst möglich geworden zu sein, seit auch der letzte betroffene Beamte pensioniert ist.

Da klingt es fast wie eine Beschwörungsformel, wenn die Bundesregierung fordert, man dürfe trotz aller personellen Kontinuitäten nicht vergessen, "dass die unbedingte staatlich-normative Abkehr vom Nationalsozialismus den Aufbau aller staatlichen Institutionen der Bundesrepublik Deutschland prägte."

Das späte Aufklärungsbemühen ist lobenswert. Doch der Bericht wirft dringliche Fragen auf: Wie konnte man mit so viel undemokratischem Personal erfolgreiche demokratische Institutionen aufbauen? War das lange Schweigen über Mitläufer und Mittäter, die auch nach 1945 in bundesdeutschen Behörden gutes Auskommen hatten, der Preis, den das junge Staatsgefüge zahlen musste? Und welche Rolle spielte die Generation der Flakhelfer, deren politische Nachkriegskarriere in den 50er Jahren begann?

Die Bundesregierung nennt 26 Bundesminister und einen Bundeskanzler, die vor 1945 Mitglieder der NSDAP oder anderer NS-Organisationen wie SA, SS oder Gestapo gewesen seien, darunter Politiker wie Horst Ehmke, Walter Scheel, Friedrich Zimmermann und Hans-Dietrich Genscher, an deren demokratischer Gesinnung es nach 1945 nie Zweifel gab.

Es sind unbequeme Fragen, denn sie rütteln an einem Grundpfeiler unserer demokratischen Vergangenheitspolitik: Am klaren Verhältnis von Gut und Böse, das in deutschen Sonntagsreden die ganze Geschichte aufteilt in eine Zeit vor und nach 1945, in Täter und Opfer, Naziverbrecher und Widerständler.

"Die Grundfarbe der Geschichte" aber, schrieb einst der Historiker Thomas Nipperdey, "ist grau". Wir Weltmeister werden uns noch die Augen waschen.

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Malte Herwig, Autor und PublizistMalte Herwig, Autor und Publizist (privat)Malte Herwig ist Journalist, Literaturkritiker und Auslandsreporter. Geboren 1972 in Kassel, studierte er in Mainz, Oxford und Harvard Literaturwissenschaften, Geschichte und Politik. Nach der Promotion in Oxford wurde er Journalist und schreibt seitdem unter anderem für die "New York Times", "Die Zeit", "Süddeutsche Zeitung", "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und im Kulturressort des "Spiegel".

Jetzt ist er Reporter des Magazins der "Süddeutschen Zeitung". Lebt in Hamburg. Für sein Buch "Bildungsbürger auf Abwegen" (Verlag Vittorio Klostermann) erhielt er 2004 den Thomas-Mann-Förderpreis. Zuletzt erschien im wjs-Verlag der Titel "Eliten in einer egalitären Welt". www.malteherwig.wordpress.com