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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.11.2010

Weltliteratur von unten

Wolfgang Hilbig: "Werke 3. Die Weiber. Alte Abdeckerei. Die Kunde von den Bäumen", S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2010, 377 Seiten

Aufgeschlagenes Buch (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Aufgeschlagenes Buch (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Unten sein und Ausgrenzung sind zentrale Lebenserfahrungen, die sich in Wolfgang Hilbigs Werk widerspiegeln. Seine drei Erzählungen gehören zum Besten, was der 2007 in Berlin verstorbene Autor geschrieben hat. Beim Gebrauch von Superlativen ist es notwendig, Vorsicht walten zu lassen. Doch Hilbigs Erzählungen sind große Literatur und "Alte Abdeckerei" ist Weltliteratur.

Der 1941 in Meuselwitz bei Leipzig geborene Wolfgang Hilbig wohnte als Kind in der Rudolf-Breitscheid-Straße seines Heimatortes. Während des Zweiten Weltkriegs führte diese Straße zu einer Munitionsfabrik, zu der ein Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald gehörte. In seiner "Selbstvorstellung" anlässlich der Aufnahme in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung (1991) kommt Hilbig auf den Krieg zu sprechen, wobei er die Bombenangriffe auf seine Heimatstadt erwähnt. Der Enkel eines Bergmanns fand in den Kohlenschächten Schutz vor den Bomben. Als Zwei- bzw. Dreijähriger fuhr Hilbig unter Tage. Unten zu sein, ist eine Erfahrung, die Wolfgang Hilbig geprägt hat.

Von unten schaut der Protagonist in "Die Weiber" durch ein vergittertes Loch. Oben arbeiten die "Weiber", doch die kann er nur halb sehen. In den drei umfangreichen Erzählungen "Die Weiber" (1987), "Alte Abdeckerei" (1991) und "Die Kunde von den Bäumen" (1994, zuvor in kleiner Auflage 1992), die nun als dritter Band der Wolfgang Hilbig-Werkausgabe vorliegen, wird eine weitere, für Hilbig zentrale Erfahrung benannt: Ausgrenzung. Die im Zentrum stehenden Arbeiter, sie sind namenlos in "Die Weiber" und in "Alte Abdeckerei" – in "Die Kunde von den Bäumen" heißt der Protagonist Waller – sind eigentlich Schriftsteller. Doch in der DDR wird ihnen Öffentlichkeit verweigert.

Da die drei Protagonisten wissen, dass sie nur schreibend ihre Identität finden können, geben sie das Schreiben nicht auf. Vielmehr machen sie sich auf die Suche nach wahren Sätzen und müssen erkennen, dass sie in einem Land leben, in dem die Sprache krank ist. Diese prekäre Situation erweist sich als eine massive Bedrohung ihres Schreibens, denn ihnen kommt die Wirklichkeit abhanden. Ins Abseits gedrängt, geraten sie in die Nähe von Orten, die im Abseits liegen: eine Müllhalde in "Die Weiber" und "Die Kunde von den Bäumen" und eine "Germania II" genannte Abdeckerei in "Alte Abdeckerei". Man ordnet sie dem Müll zu. Doch im Müll stoßen sie auf verdrängte und entsorgte Geschichte, finden sie Hinweise auf jene, die in der Geschichte stigmatisiert und ausgegrenzt wurden.

Spuren solcher Ausgrenzung und Vernichtung sind zentrale Topoi der Erzählungen: das Haar in "Die Weiber", die Haut in "Alte Abdeckerei" und die Asche in "Die Kunde von den Bäumen". Die drei Erzählungen gehören zum Besten, was der 2007 in Berlin verstorbene Autor geschrieben hat. Hilbig gelingt es, labyrinthisch anmutende Erzählräume zu entwerfen, in denen ein auf sich selbst zurückgeworfenes Individuum versucht, der um sich greifenden Geschichtsamnesie zu entkommen. Umgeben von Lügen, suchen Hilbigs Schriftsteller nach wahren Sätzen. Dabei geraten sie in die geleugneten und mit Schuld angefüllten Keller der deutschen Vergangenheit. Beim Gebrauch von Superlativen ist es notwendig, Vorsicht walten zu lassen. Doch Hilbigs Erzählungen sind große Literatur und "Alte Abdeckerei" ist Weltliteratur!

Besprochen von Michael Opitz

Wolfgang Hilbig: Werke 3. Die Weiber. Alte Abdeckerei. Die Kunde von den Bäumen. Erzählungen
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2010
377 Seiten, 19,95 Euro

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