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Feiertag / Archiv | Beitrag vom 20.10.2013

"Weitertragen, was wir begonnen haben“

Zum 70.Todestag von Willi Graf, "Weiße Rose"

Von Monsignore Stephan Wahl, Trier

Stephan Wahl in Trier in seinem Büro (picture alliance / dpa)
Stephan Wahl in Trier in seinem Büro (picture alliance / dpa)

Sie gelten als Vorbild für Mut und Zivilcourage: die Widerstandskämpfer der "Weißen Rose". Vor 70 Jahren wurde einer der führenden Köpfe der Münchener Widerstandsgruppe von den Nationalsozialisten erhängt. Monsignore Stephan Wahl gedenkt dieses Freiheitskämpfers.

"Angelegenheit wird am 12. Oktober um 17.00 Uhr erledigt.”

So stand es lapidar im Telegramm des Oberstaatsanwalts. Der Todeszeitpunkt wurde später mit 17.03 Uhr notiert. Vor 70 Jahren wurde Willi Graf vom Naziregime hingerichtet. Willi Graf gehörte zur Weißen Rose, jenem Widerstandkreis Münchner Studenten, die sich nicht abfinden konnten mit der braunen Willkür und der Apathie ihrer Zeitgenossen. Sie hatten den Mut, dem Tyrannen die Stirn zu bieten, brachten Flugblätter unter die Leute, um ihnen die Augen zu öffnen, nannten die Verbrechen beim Namen.

Das klang beispielsweise so:

"In einem Staat rücksichtsloser Knebelung jeder freien Meinungsäußerung sind wir aufgewachsen, SA, SS, haben uns in den fruchtbarsten Bildungsjahren unseres Lebens zu uniformieren, zu revolutionieren, zu narkotisieren versucht. ‚Weltanschauliche Schulung‘ hieß die verächtliche Methode, das aufkeimende Selbstdenken in einem Nebel leerer Phrasen zu ersticken. Eine Führerauslese, wie sie teuflischer und zugleich bornierter nicht gedacht werden kann, zieht ihre künftigen Parteibonzen auf Ordensburgen zu gottlosen, schamlosen und gewissenlosen Ausbeutern und Mordbuben heran, zur blinden, stupiden Führergefolgschaft."


Aber sie haben das Regime nicht stürzen können, ihre Flugblätter haben aufgerüttelt, aber keinen Sturm ausgelöst. Ihr Lohn war das Schafott. Heute sind wir stolz auf sie. Benennen Straßen nach ihnen, Häuser und Akademien.

Sie gelten als Vorbild für Mut und Zivilcourage.

"Sie sollen weitertragen, was wir begonnen haben.” Diesen Satz schrieb Willi Graf seiner Familie aus dem Gefängnis. Er meinte die Freunde, meinte seine Schwestern. Beide haben das ihr Leben lang ernst genommen.

Bis zu ihrem eigenen Tod erzählten sie immer wieder von ihrem Bruder, gingen in Schulen, waren Zeitzeugen, warnten aber auch vor heutigen Gefahren.

Studenten gegen einen gigantischen Unrechtsapparat

"Seid Gefolgschaft in der Tat, nicht nur im Hören des Wortes”, heißt es in einem anderen Brief ihres Bruders. Die Grafs stammten aus dem Rheinland. Willi Graf wurde am 2. Januar 1918 in Kuchenheim bei Euskirchen geboren und kam 1922 als Vierjähriger mit seiner Familie an die Saar. Der Vater war kaufmännischer Direktor und wechselte in den Saarbrücker Johannishof, damals ein großes kirchliches Begegnungszentrum.

Familie war für Willi Graf wichtig. Aber nichts war auffallend bei den Grafs. Nichts was auf Opposition hindeutete. Prägend war die selbstverständliche Art der Eltern, ihren Glauben zu leben. Darüber konnte man sprechen, über das politisch Bedrängende weniger.

Willi Grafs Schwestern, die ich beide noch kennenlernen durfte, haben immer sehr ehrlich darauf hingewiesen, dass ihr Bruder mit seinem inneren Widerstand zuhause allein dastand, dass über Politik nicht gesprochen wurde. Der Vater, Kaufmann und Realist, war zwar genauso gegen die Nazis wie sein Sohn, konnte ihn aber trotzdem nicht verstehen.

Was sollten ein paar Studenten schon ausrichten, gegen diesen gigantischen Unrechtsapparat. Mit dieser Meinung stand er nicht allein. Der Sohn konnte sich damit nicht abfinden. Seiner älteren Schwester Mathilde, die ihn drei Wochen vor seinem Tod im Gefängnis Stadelheim besuchen konnte, gab er die Botschaft mit:

"Sag dem Vater, das war kein dummer Jungenstreich. Er wird einmal stolz auf mich sein."

In meiner Schulzeit hörte ich zum ersten Mal von Willi Graf. Als Mitglied im ND, heute aufgegangen in der Katholischen Studierenden Jugend, war der NDer Willi Graf ein Vorbild. Der ND seiner Zeit versuchte als "neudeutsche" katholische Jugendbewegung dem braunen Zeitgeist standzuhalten. Gegen die übermächtige Hitlerjugend. Ihr beizutreten weigerte Willi Graf sich. Es gibt Belege in seinem Tagebuch, dass Freunde, die sich anders entschieden hatten, aus dem Verzeichnis gestrichen wurden. Die waren für ihn erledigt.

Nach dem Abitur begann er mit einem Medizinstudium, erst in Bonn, dann in München. Dort lernt er in der Studentenkompanie Hans Scholl kennen. Eine schicksalshafte Begegnung, die sein weiteres Leben verändern sollte. Und dass von Hans Scholl. Sie treffen sich in ihrer Zeitanalyse, ihren Fragen, ihren Ängsten, ihren Kriegserfahrungen, ihrer Wut. Diskutieren leidenschaftlich.

In einem seiner Briefe heißt es:

"Es ist ganz gut, wenn man ab und zu seine Fassung verliert, denn auch dadurch klärt sich manches. Schließlich muss man eben doch erst mal eine Fassung eben - eine gewisse Lebensform also -, wenn man sie schon verlieren kann."

Seine Leiche wurde verscharrt

In München formiert sich der Kreis der Freunde. Die Weiße Rose nimmt Gestalt an. Hans Scholls Schwester Sophie, Christoph Propst, Alexander Schmorell und Professor Kurt Huber bilden mit Willi Graf den geheimen Bund. Geheim, auch gegenüber der Familie. Die jüngere Schwester von Willi Graf, Anneliese, mit der er zusammen in München wohnt, erfährt nichts davon. Vom Schreiben der Flugblätter, von den konspirativen Treffen bekommt sie nichts mit. Er will sie schützen, ahnt was passieren könnte. Eine Andeutung machte Willi Graf bei seinem letzten Weihnachtsurlaub in Saarbrücken. Von "einigen Dingen", die in München geschehen, spricht er.

Der Vater bittet ihn sich da raus zuhalten - umsonst. "Ich kann nicht mehr, auch wenn es meinen Kopf kostet", war Willis Antwort. Als der Vater später im Radio von der Verhaftung revoltierender Münchner Studenten erfährt, weiß er sofort, dass sein Sohn dabei ist. Das Todesurteil folgt unmittelbar, Nazirichter Freisler statuiert ein Exempel. Lange quälende Monate folgen. Während die Geschwister Scholl und andere des Kreises sofort hingerichtet werden, hält man Willi Graf weiter in Haft. Erhofft sich zusätzliche Informationen - vergeblich.

Am 12.Oktober wird auch Willi Graf dem Henker übergeben. Man verscharrt seine Leiche. Niemand soll sich erinnern. Erst nach dem Krieg gelingt es der Familie sein Grab ausfindig zu machen und ihn in seine Heimatstadt zu überführen. Bis heute wird sein Grab in Saarbrücken immer wieder besucht.

Was bleibt ist sein Mut, was bleibt sind seine Briefe. Soviel er konnte hat er selbst aus dem Gefängnis geschrieben. Den letzten Brief an seine Schwester Anneliese diktiert er dem Gefängnisgeistlichen. Kurz vor der Hinrichtung:

"Ich habe am letzten Tag noch Deinen Brief bekommen und Deine Worte waren mir ein großer Trost. Nun musst Du den Eltern helfen, in diesem Leid und versuchen zu ersetzen, was ich nicht mehr sein kann. Die Gespräche unserer gemeinsamen letzten Wochen sollen Dir helfen und Inhalt für Dein künftiges Leben sein. Ich werde bei Dir sein, auch wenn ich nicht mehr im Leben an Deiner Seite stehen kann. Gerade in der Zeit meiner Einsamkeit habe ich an Euch alle gedacht und für Euch gebetet, und ich glaube und hoffe, daß Ihr alle Trost und Stärke in Gott und seinem unerforschlichen Willen findet. Du weißt, daß ich nicht leichtsinnig gehandelt habe, sondern aus tiefster Sorge und in dem Bewußtsein der ernsten Lage. Du mögest dafür sorgen, daß dieses Andenken in der Familie und bei den Freunden lebendig und bewußt bleibt. Für uns ist der Tod nicht das Ende, sondern der Anfang wahren Lebens, und ich sterbe im Vertrauen auf Gottes Willen und Fürsorge. Vieles möchte ich Dir noch sagen, aber es ist ja so schwer, in letzter Minute davon zu sprechen. Denke beim Anhören der Arie 'Ich weiß, dass mein Erlöser lebt', an die gemeinsam erlebte Aufführung des 'Messias'. Denn dieser Glaube ist mir Halt und Stärke. Vergiss mich nicht und bete, dass Gott mir ein gnädiger Richter sei. Auch gegenüber meinen Freunden sollst du bestimmt sein, mein Andenken und Wollen aufrecht zu erhalten. Sage ihnen allen meinen letzten Gruß. Sie sollen weitertragen, was wir begonnen haben…"

Kraft zum Widerstand

"Sie sollen weitertragen, was wir begonnen haben..." Das ist sein Vermächtnis. Und: "Seid stark und voller Gottvertrauen", wie es in einem anderen seiner Gefängnisbriefe heißt. Der Glaube war seine Kraftquelle. Für Willi Graf war der Psalm 90 einer der dafür entscheidenden Texte der Bibel. Er las ihn immer in der Übersetzung

"Herr Gott, du bist unsere Zuflucht für und für. Ehe denn die Berge wurden, und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist du Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit."

So fängt er an, der Psalm. Das ist der Hintergrund, der Rückhalt, die Kraft für alles. Aber der Psalm gibt den Ball an uns zurück, endet mit einer Bitte: "Der Herr, unser Gott, sei uns freundlich, und fördere das Werk unserer Hände bei uns, ja, das Werk unserer Hände wollest Du fördern".

In diesem Psalm fand sich Willi Graf wieder, wurde ihm die Spannung zwischen dem ewigen Gott und dem vergänglichen Menschen deutlich.

"Je härter die Zeit, um so näher sind wir bei Gott, in dessen Händen unser Leben und Sterben liegt …", schreibt er im August 1943 aus der Todeszelle.

Der Psalm 90 erzählte ihm davon, in ihm fand er den Mut, den er brauchte. Jahrzehnte später überträgt der Dichter Arnold Stadler diesen Psalm so:

"Herr, Du warst zu allen Zeiten und immer wieder unsere Rettung! Ehe die Berge geboren wurden, Erde und Weltall entstanden, bist du der Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Du machst die Menschen zu Staub und sagst: Kehrt zurück, Menschenkinder! Denn 1.000 Jahre sind soviel für dich. Wie der Tag der gestern vergangen ist – oder wie eine Woche in der Nacht. Von Jahr zu Jahr säst du sie aus, die Menschen. Sie gleichen dem Gras, wie es wächst: Am Morgen ist es grün und blüht. Am Abend wird es geschnitten und welkt. So vergehen wir vor dir, werden in deiner Gegenwart zu nichts. Du siehst unsere Vergänglichkeit im Licht deiner Unvergänglichkeit. Alle unsere Tage gehen vor dir dahin.

Unsere Zeit hauchen wir aus wie ein Aufstöhnen, das ist alles. Unser Leben dauert vielleicht siebzig Jahre, wenn es hochkommt sind es achtzig. Noch das Schönste daran ist nichts als Schmerz. Das Leben ist kurz und schmerzlich. Einmal das Dorf hinauf und hinunter: so sind wir unterwegs. Wer kennt deine Gewalt? Wer hat Angst vor dir? Lehre uns unsere Tage zu zählen, daraus werden wir gescheit – und unser Herz wird weise. Herr! Zeig dich doch endlich! Hab Mitleid mit uns nichtigen Menschen. Gleich am Morgen gibt uns von allem. Dann werden wir jubeln, uns unser Lebtag lang freuen! Ach erfreue uns! So viele Tage, die wir gelitten haben, genauso viele Jahre, wie unser Unglück dauerte! Zeig uns doch, dass du da bist, und unseren Kindern, dass du ein Gott bist, der hilft! Deine Güte begleite uns. Lass das, was wir mit unseren Händen tun, gedeihen! Ja, lass es gedeihen das Werk unserer Hände!"


Menschen wie Willi Graf sind so etwas wie unser Gewissen, zu oft unser gutes Gewissen, benutzt für die Ausrede: "… es waren ja nicht alle so schlimm …" Waren es ja auch nicht. Nur hatten viele nicht den Mut daraus die Konsequenzen zu ziehen. Nur von heute aus betrachtet, lässt sich das leicht sagen. Ich wüsste nicht, ob ich die Kraft zu diesem Widerstand gehabt hätte.

Vielleicht wäre ich nicht zum braunen Schwachsinn verführt worden, aber ob ich aufgestanden wäre, den Mund aufgemacht hätte, das gelebt, was ich so oft von der Kanzel lese: " … wer sein Leben verliert wird es gewinnen." Ich weiß es nicht. Was ich weiß ist, dass ich dankbar bin in einer anderen Zeit herangewachsen zu sein. In der mir den niemand den Mund verbietet, mich aufs Schafott schleift, wenn ich Kritisches zu sagen habe.

Für mich sind Menschen wie Willi Graf Vorbilder, vor denen ich mich verneige, die mir aber noch mehr Stachel sind selbst den Mund da aufzumachen, wo es auf mich ankommt. So wie ich es kann.

Mit Stolz den Namen Mensch tragen

Willi Graf’s ältere Schwester, hat immer gerne erzählt, dass ihre Mutter, wenn sie auf die Straße trat und pflichtgemäß mit Heil Hitler begrüßt wurde, im schönsten Rheinisch antwortete: " … und Ihnen auch einen schönen juten Tach". Das waren die kleinen Widerstände im Alltag. Ich habe seine Schwester mal gefragt, was Willi heute tun würde, gegen was er heute opponieren würde, und im Satz gemerkt, wie blödsinnig diese Frage ist - so als würde man als Berufswiderständler geboren.

Und doch frage ich, was ihm heute am Herzen liegen würde, was ihn heute zum Handeln drängen würde. Hypothetische Fragen, nicht zu beantworten. Willi Grafs Schwester Anneliese Knoop-Graf gab in ihren vielen Gesprächen mit Jugendlichen einen Hinweis:

"Weitertragen", so lautet das Vermächtnis meines Bruders. Was bedeutet das heute für uns? Ich versuche eine Antwort: Nur was ich selbst tue, wird mit Sicherheit getan – und sei das der kleinste Schritt im aufrechten Gang durch das Leben…Widerstehen im ursprünglichen Sinn stellt Anforderungen an jeden Einzelnen von uns: Hinsehen, wo andere wegsehen, politisch wachsam und sensibel sein, das Gewissen schärfen, sich nicht vereinnahmen lassen. Das heißt: Aufpassen, Erkennen, Nein sagen!"

Die Erinnerung an Willi Graf, die Mahnung seines Lebens, der Mut seines Glaubens gibt die Frage was er heute tun würde an mich zurück: Was tust du?

Was tust du, damit - wie es im Gebet der Vereinten Nationen heißt:

" … die Nachfolgenden einst immer noch mit Stolz den Namen Mensch tragen."


Musik und Literatur dieser Sendung:

CD: Glenn Gould, J.S. Bach The French Suites
• Flugblatt Nr.6, Harald Steffahn, Die Weisse Rose, Reinbeck 2002 6.Auflage
• Die letzten Worte…, Hrsg. Hildegard Vieregg/Jos Schätzler, Willi Graf’s Jugend im Nationalsozialismus im Spiegel von Briefen, München 1984
• Psalm 90, Arnold Stadler, Die Menschen lügen. Alle.,Frankfurt a.M. und Leipzig 2002, 8.Auflage
• Anneliese Knoop-Graf, Erinnerung an Willi Graf, www.weisse-rose-stiftung.de
• Gebet der Vereinten Nationen, Gotteslob , Trier 1974

Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag hat der katholische Senderbeauftragte für Deutschlandradio Kultur, Pfarrer Lutz Nehk.


Mehr über die "Weiße Rose" bei dradio.de:

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