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Interview / Archiv | Beitrag vom 03.11.2011

Weitere Kettenreaktionen befürchtet

Nukleartechniker kritisiert schlechtes Krisenmanagement in japanischen Atomkraftwerk Fukushima

Christian Küppers im Gespräch mit Nana Brink

Bauarbeiten am havarierten Atommeiler 1 von Fukushima (AP)
Bauarbeiten am havarierten Atommeiler 1 von Fukushima (AP)

Nach den jüngsten Meldungen aus der im Frühjahr havarierten Atomanlage hält der Atomexperte Christian Küppers weitere Kettenreaktionen für denkbar. Die jetzt mitgeteilten Messwerte würden auf eine erneute Kernspaltung hindeuten.

Nana Brink: Während uns der G20-Gipfel und die Griechenlandkrise in Atem halten und wir manchmal auch schon gar nicht mehr hinhören mögen, rückt zum Beispiel die Atomkatastrophe in Japan in weite Ferne. Bis gestern: Die Lage im beschädigten Atomkraftwerk Fukushima ist auch nach fast acht Monaten nicht unter Kontrolle, eher im Gegenteil. Nach Angaben der japanischen Atomaufsichtsbehörde und des Betreibers Tepco wurden im Reaktor zwei Gase gefunden, die normalerweise bei einer Kernspaltung auftreten. Das lässt die Frage aufkommen: Ist etwa ein Teil der geschmolzenen Brennstäbe noch aktiv, und wie fragil ist denn der Atommeiler überhaupt? Fragen, die ich jetzt besprechen möchte mit Christian Küppers vom Ökoinstitut Darmstadt. Er ist Experte für Nukleartechnik und Anlagensicherheit. Einen schönen guten Morgen, Herr Küppers!

Christian Küppers: Guten Morgen!

Brink: Wie schätzen Sie denn die Möglichkeit einer erneuten Kernspaltung ein?

Küppers: Ja, zunächst mal kann man schon sagen, wenn diese Messwerte, die aus Japan gemeldet wurden, tatsächlich zutreffen, dann ist es ein starkes Indiz dafür, dass hier tatsächlich auch noch eine Kernspaltung stattgefunden hat vor nicht allzu langer Zeit, einfach wegen der Halbwertszeit dieser Isotope. Die Möglichkeit, dass so eine Kettenreaktion wieder in Gang gekommen ist, besteht durchaus, denn es ist ja normalerweise so, dass so ein Kern mit seinem Spaltmaterial sich in einem Reaktordruckbehälter befindet, wo alles in einer genau definierten geometrischen Anordnung sich befindet und ausreichend auch neutronenabsorbierende Stoffe vorhanden sind, die dann verhindern, dass diese Konstellation kritisch werden kann. Also kritisch heißt, dass eine Kettenreaktion eintreten kann. Jetzt ist aber bei dem zerstörten Reaktor so, dass ja Kernbrennstoff ausgetreten ist, der irgendwo außerhalb des Behälters sich befindet, ohne dass man genau weiß, wo er sich befindet, in welchen Längen er wo liegt. Und wenn dann noch Wasser zutritt – was ja auch der Fall sein kann in Fukushima –, dann können sich eben tatsächlich Situationen ergeben, wo in bestimmten Bereichen eine Kettenreaktion wieder in Gang kommt. Es wäre aber dann lokal auf jeden Fall begrenzt und es kann auch von alleine wieder zurückgehen, wenn sich schon durch die Kettenreaktion die Situation wieder ändert. Es muss aber nicht …

Brink: Also wenn ich Sie richtig verstanden habe – Pardon –, ist eine Kernspaltung ja im Prinzip beherrschbar, solang sie in einem Rahmen stattfindet, der nicht beschädigt ist. Was bedeutet denn das für die Sicherheit des Reaktors jetzt, was fürchten Sie denn?

Küppers: Also ich denke, das Hauptproblem besteht natürlich für die Beschäftigten vor Ort, weil die einer erhöhten Strahlung dadurch ausgesetzt werden können, dass es dadurch zu größeren Freisetzungen kommt, die also jetzt noch mal irgendwelche Maßnahmen außerhalb der schon evakuierten Gebiete nötig machen würden, das, denke ich, kann man eher ausschließen.

Brink: Der Betreiber Tepco sagt ja, die Lage ist stabil. Trauen Sie dieser Aussage?

Küppers: Ja, also dass man den Reaktor unter Kontrolle bekommt bis zum Jahresende, so wie es immer angekündigt war, denke ich, eine hundertprozentige Kontrolle kann damit nicht gemeint sein, die wird man nicht erreichen, denn dieses Problem des möglichen Wieder-Kritisch-Werdens, das wird man noch lange Zeit haben, nämlich solange man dort noch nicht endgültig aufgeräumt hat. Was Tepco jetzt gemacht hat, ist, einen Neutronenabsorber, ein Neutronengift, wie man auch sagt, dieses Bor, in den Reaktor einzuspeisen. Das ist natürlich eine schon richtige Maßnahme, aber es ist schwierig, jetzt weil man ja eben nicht genau weiß, wo sich diese Bereiche befinden, in denen die Kettenreaktion eingetreten ist. Es ist auch schwierig, zu sagen, ob dieses Bor dann tatsächlich diese Bereiche erreicht und damit auch endgültig eine weitere Kettenreaktion verhindert.

Brink: Wie wird denn die Katastrophe aus Ihrer Sicht bislang gemanagt?

Küppers: Ja, also man hat da schon aus Sicht von der Ferne schon einige Defizite von Anfang an gesehen, die sich weiter fortgesetzt haben, sowohl was technische Maßnahmen anging, als auch, was die ganze Messtechnik anging, die man dort eingesetzt hat. Ich denke, es ist kein gutes Management, was da bisher gelaufen ist, das kann schon sagen.

Brink: Was kritisieren Sie denn am meisten? Was kritisieren Sie am meisten?

Küppers: Ja, gut, ich komme ja eher vom Strahlenschutz, und da ist es auf jeden Fall sehr auffällig gewesen, dass man, was die Messtechnik angeht, also die Messung von Radionukliden in der Umgebung, was ja zum Schutz der Bevölkerung ein wichtiges Instrument ist, dass man da starke Defizite hatte, also viele Messungen gar nicht gemacht hat, die man eigentlich erwartet hat, für die man auch in Deutschland entsprechende Kapazitäten vorrätig hält für solche Fälle. Da war man offensichtlich auf so eine Situation gar nicht so vorbereitet, wie man das hierfür schon lange für nötig gehalten hat.

Brink: Nun haben die in Japan ja eine komplett andere Philosophie, auch mit Atomenergie umzugehen. Japan ist ja weiter auf Atomkurs, hat einen abgeschalteten Reaktor wieder ans Netz genommen. Ist das aus Ihrer Sicht zu verantworten?

Küppers: Tja, ich denke, das ist schon ein Problem, denn ein so starkes Erdbeben, wie es jetzt in Japan aufgetreten ist, das kann ja auch wieder auftreten. Japan ist, was Erdbeben angeht, ein sehr stark gefährdetes Land, und die Auslegung der Reaktoren in Fukushima hat ja eigentlich gezeigt, dass man da bei der Auslegung weit von dem entfernt war, was möglich ist, und da werden die Anlagen in Fukushima nicht die Einzigen sein, die diese Defizite haben.

Brink: Christian Küppers vom Ökoinstitut Darmstadt, Experte für Nukleartechnik und Anlagensicherheit. Schönen Dank, Herr Küppers, für das Gespräch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.



Links auf dradio.de:

"Aktuell" vom 26.8.2011: Ortstermin in der Evakuierungszone - Beiträge zur Lage um das AKW Fukushima

"Aktuell" vom 17.4.2011: Tepco will Fukushima in sechs bis neun Monaten stabilisieren - Betreiberfirma legt Krisenplan für havariertes Atomkraftwerk vor

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