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Fazit / Archiv | Beitrag vom 17.06.2012

Wege zur ökologischen Stadt

Rundgang der Bundesstiftung Baukultur durch das Hamburger Münzviertel und St. Georg

Von Axel Schröder

Von Autos und Menschen: Nicht alle Straßen in Hamburg sind besonders wohnlich.
Von Autos und Menschen: Nicht alle Straßen in Hamburg sind besonders wohnlich. (dpa/Malte Christians)

In Hamburg diskutieren Architekten, Planer und Wissenschaftler, wie der Autoverkehr und das Leben der Stadtbewohner in Einklang gebracht werden kann. Die Bundesstiftung Baukultur lud aus diesem Anlass zu einem Spaziergang durch zwei Viertel ein - und warb für eine bessere Stadtplanung.

Uwe Carstensen moderiert, erklärt und interviewt direkt am Fahrbahnrand. Der Stadtentwickler führt den Rundgang an, in der Hand ein Mikrofon, neben ihm Oberbaudirektor Jörn Walter, hinter ihm ein Tross von drei Dutzend Zuhörerinnen und Zuhörern, Kopfhörer auf den Ohren hören sie Carstensen zu, als er die vorbeirauschende Masse an Autos, LKW und Motorrädern beziffert:

"Hier ein paar Zahlen, die sind zehn Jahre alt - aber die werden sich gesteigert haben: Über diese Straßen-Wege-Beziehung sind es über die Brücke 30.000 bis 40.000 Fahrzeuge am Tag. Entlang dieser ganzen Bündelung sind es weit über 100.000."

Sogar heute, am ruhigen Sonntag donnert der Verkehr in die und aus der Stadt. Motorgetriebene Masse zu ebener Erde, auf Fahrbahnen getragen von mächtigen Betonpfeilern oder das Rauschen verschwindet unter der Erde, um 200 Meter weiter wieder aufzutauchen. Wie ein Fremdenführer führt Carstensen durch diese unwirklichen Ecken Hamburgs, eingeladen hat die Bundesstiftung Baukultur. Ein Ortstermin an Plätzen in Hamburg, an denen Autoverkehr und das Leben von Menschen nur schwer zusammenpassen.

Amsinckstraße, Ecke Spaldingsstraße. Kaum ein Tourist würde sich je hierher verirren, obwohl der Bahnhof ganz nah ist. Bürobauten stehen neben vier- und fünfstöckigen Altbauten, hier war von November bis April das Winternotquartier der Hansestadt untergebracht. Der Tross zieht weiter. Rein ins alte Münzviertel. Zwei Hamburger Studenten, angehende Stadtplaner warten dort, im Lärm, in zwei bequemen alten Sesseln, geben Auskunft:

"Dieser Ort beherbergt 1.000 Menschen ungefähr. Die hier leben, wohnen, arbeiten. Auf der einen Seite haben wir das Münzviertel, und auf der anderen Seite haben wir das Münzviertel, beides vor allem durch diese Hochstraße markiert. - Was bewegt Menschen, hier zu wohnen? - Die Menschen wohnen hier, vor allem, weil sie geringe Mietpreise haben. Das ist einfach günstiges Wohnen, das dadurch generiert ist und auch geschützt ist durch die Verkehrstrassen. Das sind oft freischaffende Künstler, soziale Einrichtungen, die sich hier ansiedeln."

Lärm und Gestank bieten einen hervorragenden Schutz gegen die Gentrifizierung des Viertels, erklärt der Student. Schon die Erwägung, dagegen etwas zu unternehmen, für Schallschutz zu sorgen, würde die Mieten rasant steigen lassen. Es geht weiter durch die Peripherie der Hamburger Innenstadt, vorbei an Grünbrachen, die Park sein könnten, am futuristisch designten und hochgelobten Busbahnhof der Hansestadt. Ein hohes, luftiges Dach, das den Bahnhof weit überspannt, Licht hindurchlässt, den Blick nicht versperrt.

Der zweite sogenannte Konvent der Bundesstiftung Baukultur trägt den Titel "Statt Verkehr Stadt", man könnte es lesen als: "Statt des ganzen Verkehrs entdecken wir die Stadt, die in den Ruß- und Lärmschwaden kaum noch erkennbar ist." Zwei Tage lang treffen sich die 300 handverlesenen Mitglieder des Konvents in Hamburg, um das Thema Stadt und Verkehr zu diskutieren. Der heutige Spaziergang führt sehr plastisch ins Thema ein, morgen findet ein Plenartag statt. Stadtplanerinnen, Architekten und Baudirektoren und Professorinnen aus der ganzen Republik, aus der Schweiz und den Niederlanden wollen Probleme des Status quo aufzeigen und Lösungen diskutieren. Mitdebattieren wird auch Bertram Weishaar, Spaziergangforscher aus Leipzig:

"Die Spaziergangswissenschaft beschäftigt sich eben mit der Wahrnehmung der Stadt: Wie nehmen wir Stadt wahr? Wie erleben wir das? Und welche Bilder entstehen dann auch bei uns in unseren Köpfen?"

Der Rundgang führt weiter zum Hamburger Hansaplatz - bekannt durch Drogenhandel und Drogenprostitution - über die lärmgeplagte Lange Reihe und den Bahnhofsvorplatz. Für den Spaziergangforscher Weishaar bestätigt die Tour seine Sicht auf das Verhältnis zwischen Verkehr und Gesellschaft:

"Ich möchte behaupten, dass wir im Alltag gar nicht mehr wahrnehmen, wie die Stadt für das Auto hergerichtet ist, weil wir in diese Welt hineingeboren wurden oder sie seit 30 Jahren nur so sehen und erleben und es schon gar nicht mehr hinterfragen: Wie könnte sie den anders sein? Ist das normal, was wir uns hergerichtet haben als Lebensraum oder ist das einfach komplett pervers?"

Ganz eindeutig will Weishaar diese Frage nicht beantworten. Sicher gibt es genug Orte auf dem Hamburger Rundgang, die gezeigt haben: das normale Maß ist überschritten, so der Forscher. Ziel der Tour ist der prachtvolle Bau des Chile-Hauses vis-á-vis der historischen Speicherstadt. Ein wunderschöner Platz, gesäumt von gleich vier denkmalgeschützten vier-, fünf, sechsstöckigen Gebäuden, alle mit dem typischen Hamburger dunkelrotbraunen Klinker. Auf dem Platz stehen aber weder Bäume noch Bänke, sondern Autos und Parkscheinautomaten.

Hamburgs Oberbaudirektor Jörn Walter. Trotz angespannter Haushaltslagen will er solche Plätze, solche Beispiele für mangelnde Baukultur umgestalten:

"Da müssen wir wieder auf ein Niveau kommen, was wir an vielen Stellen heute nicht mehr erreicht haben. Und wir müssen ehrlicherweise auch gestehen: Wir haben Bereiche mit besonderer Abwesenheit von Baukultur. Und dazu zählt ganz ohne Frage der Gewerbebau. Wenn sie an unsere alten Fabrikanlagen denken - da waren wir schon mal besser! Da müssen wir wieder besser werden!"

Hamburgs Oberbaudirektor Jörn Walter. Und auch hier und da könnten Parkbuchten an den vielbefahrenen Straßen wegfallen und so Platz für Fußgänger geschaffen werden. Konkreter will Walter beim Thema Verkehr und Stadtleben nicht werden. Für Jürg Sulzer ist gerade dieser Mangel an Konkretheit ein ganz typisches Phänomen der deutschen, der Hamburger Stadt- und Verkehrsplaner. Der Professor kommt aus der Schweiz, lehrt an der Technischen Universität in Dresden:

"Dieser Rundgang ist sehr schön. Aber er ist eigentlich dafür da, dass einem all das wieder bewusst wird, was man alles schon an Problemen diskutiert hat und wo man auch schon Lösungen hatte. Und deshalb ist der Rundgang sehr schön."

Sulzer rät zu einem Blick in die Schweiz: Dort hätte man nicht nur Pläne geschmiedet und blumige Reden über breitere Gehsteige und mehr Stadtgrün gehalten, sondern gehandelt.

"Wenn sie beispielsweise nach Zürich gehen, dann sehen sie, dass das Auto assimiliert ist in der Stadt. Und das hier noch nicht so ganz erreicht, das assimilierte Auto, der assimilierte Autofahrer."

Bis Montagabend diskutieren die Konventsmitglieder über Wege zu mehr Baukultur in der Verkehrsplanung, zu einer besseren Balance zwischen den Fußgängern, Radfahrern, Autos und Lastern. Dann soll der Konvent eine "Hamburger Erklärung" beschließen. Vielleicht findet ja Professor Sulzer und seine Idee vom assimilierten Autofahrer Eingang in das Dokument.

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