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Buchkritik

KurzprosaDer Krieg als grausames Theater des Absurden
Ein US-Soldat von der 4. Infantriedivision patrouilliert am 24.8.2003 in Samarra nördlich der irakischen Hauptstadt Bagdad.

Verrohung, Verdrängung, Sterben und Töten. Die absurde Sinnlosigkeit des Krieges erzählen die Icherzähler in den zwölf Geschichten des Bandes "Wir erschossen auch Hunde". Ihr Verfasser Phil Klay war selbst als Presseoffizier der US-Armee im Irakkrieg.Mehr

SachbuchLässt sich Demenz verhindern?
Auf dem Bild ist ein an Demenz erkrankter Mann in einem Seniorenheim zu sehen. In der rechten Hand hält er eine Hantel. Der Rentner nimmt an der Morgengymnastik teil. 

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 21.06.2007

Wege zur Nachhaltigkeit

Friedrich Schmidt-Bleek: "Nutzen wir die Erde richtig?", Fischer Taschenbuch Verlag 2007, 256 Seiten

Ölpumpe
Ölpumpe (AP)

Unsere Gesellschaft ist eine Gesellschaft der Verschwendung. Für die Produktion von Waren und Dienstleistungen werden Unmengen von natürlichen Ressourcen verschleudert. Friedrich Schmidt-Bleek mahnt in seinem Buch "Nutzen wir die Erde richtig?" einen sparsamen Verbrauch an und fordert die Industriestaaten auf, die Ressourcen effizienter zu nutzen.

Spätestens seit Ernst Ulrich von Weizsäckers Buch "Faktor Vier - Doppelter Wohlstand - halbierter Naturverbrauch" gibt es auch hierzulande eine Diskussion um eine deutliche Verminderung des Verbrauchs von natürlichen Ressourcen für die Produktion von Waren und Dienstleistungen. In seinem Buch "Nutzen wir die Erde richtig?" geht nun der Chemiker Friedrich Schmidt-Bleek, Präsident des Factor 10 Institutes in Frankreich einen großen Schritt weiter. Er fordert, dass die Industriestaaten innerhalb der nächsten 30 bis 50 Jahre die natürlichen Rohstoffe mindestens zehnmal so effektiv wie bisher nutzen sollen, um deren Verbrauch drastisch zu verringern und damit auch kommenden Generationen den bisherigen Lebensstandard zu erhalten, insbesondere aber um auch den Entwicklungsländern noch eine Chance zu lassen, die Lebensqualität ihrer Bürger deutlich zu verbessern. Dann können die Entwicklungsländer ihren Verbrauch verdoppeln, ohne dass das Ökosystem Erde zusammenbricht.

Erreichen lässt sich dieses Ziel durch eine Entmaterialisierung der Wirtschaft. Die Idee ist so simpel wie überzeugend: Je weniger natürliche Ressourcen für ein Produkt verbraucht werden, desto mehr bleiben übrig, desto länger halten sie, desto weniger wird der Natur geschadet. Dazu muss man erst einmal den genauen Materialbedarf eines Produkts feststellen und zwar von der Wiege bis zur Bahre. In die Berechnung geht alles ein, was zu Herstellung, Transport, Nutzung und Entsorgung benötigt wird. Das sind die Material-Input Faktoren, die zusammen den sogenannten ökologischen Rucksack ergeben. So buckelt zum Beispiel ein Gramm Gold einen ökologischen Rucksack von 540.000 Gramm Rohstoffen, also gut einer halbe Tonne. Lange Listen am Ende des Buches zeigen erstaunlichen Materialverbrauch von Aluminium und Ziegelstein über Lack und Leder bis hin zu Radiergummi und Zahnbürste.

Umdenken ist gefragt. Was wir von einem Produkt wollen, konstatiert der Autor, ist ja nicht sein Besitz an sich, sondern die Dienstleistung. Er macht dies am Beispiel eines Rasenmähers deutlich. Braucht jeder Gartenbesitzer seinen eigenen oder könnte man sich einen mit seinen Nachbarn teilen? Es ließe sich auch ein Gärtner mit einem Firmengerät zum Mähen anheuern oder schafft sich Schafe an oder schneidet seltener, lässt alles blühen. Noch sind solche Überlegungen ungewohnt, weil man zum Beispiel gemeinsamen Besitz kaum kennt, ein Gärtner relativ teuer ist, Schafe fehlen oder englischer Rasen als gesellschaftliches "Muss" gilt. Bislang, das gibt Friedrich Schmidt-Bleek in seinem Buch auch zu, fehlt es in vielen Bereichen sowohl an verbraucherfreundlichen Angeboten als auch an realistischen Preisvergleichen. Was kommt mich billiger: ein eigenes Auto oder Car-Sharing? Außerdem hält der Autor die Arbeit für zu teuer. Sie billiger zu machen, gleichzeitig den Material- und Energieverbrauch teurer, würde ebenfalls helfen, den Ressourcenverbrauch zu senken. Auch Langlebigkeit erhöht die Ressourcenproduktivität. Friedrich Schmidt-Bleek führt hier als Maßstab für die Berechnung das MIPS ein, den Material Input pro Service, pro Dienstleistung.

Ausführlich beschreibt der Autor, wie eine solche Umorientierung sowohl in der Wirtschaft wie auch im Privathaushaltung ohne Wohlstandsverlust zu verwirklichen ist. Es wird ein langer Weg, der große Veränderungen im Denken von Wirtschaft, Politik und Bürger erfordert. Manchmal schwirrt einem der Kopf von den Abstraktionen, den theoretischen Berechnungen, hätte man sich mehr konkrete Beispiele gewünscht. Dennoch regt das Buch auch den einzelnen Leser zum Nachdenken an, ob wir wirklich alles brauchen, was wir besitzen, ob hohe Lebensqualität automatisch auch Besitz an Produkten bedeuten muss. Einen Grundirrtum räumt Schmidt-Bleek ebenfalls aus: Wirtschaftliches Wachstum hängt nicht von steigendem Materialverbrauch ab. Es geht im Prinzip darum aus weniger mehr zu machen.

Friedrich Schmidt-Bleek sieht hier Europas historische Chance, ernst zu machen mit dem sparsamen Umgang mit den natürlichen Ressourcen, Vorbild zu werden. Sein Buch ist ein sachlicher fundierter Appell, mehr Verantwortung für eine nachhaltige Entwicklung zu übernehmen. Es ist Teil einer auf zwölf Bände angelegten Taschenbuchserie, die von der privaten Stiftung Forum für Verantwortung herausgegeben wird. Sie will eine kritische Bestandsaufnahme der Situation vorstellen, Wege zur Nachhaltigkeit weisen. Das gelingt Friedrich Schmidt-Bleek zweifelsohne.

Rezensiert von Johannes Kaiser

Friedrich Schmidt-Bleek: Nutzen wir die Erde richtig? Die Leistungen der Natur und die Arbeit des Menschen
Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt a.M. 2007
256 Seiten, 9,95 Euro