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Zeitreisen / Archiv | Beitrag vom 11.07.2007

Wege nach Persepolis

Das Politische im Comic

Von Christian Schiller

Die iranische Comic-Künstlerin und Autorin Marjane Saprani, Schöpferin von "Persepolis". (AP Archiv)
Die iranische Comic-Künstlerin und Autorin Marjane Saprani, Schöpferin von "Persepolis". (AP Archiv)

"Persepolis" von Marjane Satrapi, Joe Saccos "Palästina" oder Art Spiegelmanns "Maus" sind die berühmtesten Vertreter eines neuen Genres, das Journalismus und Comic verbindet: Die Comicreportage versucht erst gar nicht, Objektivität vorzugaukeln, sondern stellt den subjektiven Standpunkt des Erzählers in den Vordergrund. So können die Autoren aber auch Zusammenhänge erklären und Perspektiven einnehmen, die im schnellen Nachrichtengeschäft sonst untergehen.

"In der Schule mussten wir uns zweimal am Tag aufstellen und um die Opfer des Krieges weinen. Die Schulleitung spielte traurige Musik, und wir schlugen uns auf die Brust. (..) Bald nahm niemand diese Klageveranstaltungen mehr ernst. Ich als erste: ich ging nach vorn und machte den Clown. 'Märtyrer! Märtyrer! Erlöst mich!' - Satrapi, was tust du am Boden? - Leiden, was denn sonst ... !"

So lässt Marjane Satrapi sich selbst als kleines Mädchen in ihrem Comic "Persepolis" berichten. Persepolis, benannt nach der alten persischen Hauptstadt, lässt den Betrachter die einschneidenden Veränderungen nach dem Sturz des Schah und der Revolution von 1979 im Iran miterleben. In einfachen, fast scherenschnittartigen schwarz-weißen Bildern sehen wir mit dem Blick des kleinen Mädchens, wie sich in der Schule die Lesebücher ändern, Verwandte ins Gefängnis wandern und man plötzlich Kopftuch tragen muss.

Christine Gundermann: "Ich finde, das ist ein ganz besonders stilistischer Trick, denn es erlaubt ihr tatsächlich die Geschichte des Irans aus der Perspektive eines Kindes zu erzählen, es erlaubt ihr sehr starke Unterscheidungen zwischen gut und böse, falsch und richtig zu treffen."

Die Historikerin Christine Gundermann arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der FU Berlin. Sie ist aktiv in Comicsalons und hat das Buch "Jenseits von Asterix" veröffentlicht, in dem sie die pädagogische Wirkung von Comics im Geschichtsunterricht untersucht.

Der Comic "Persepolis" betont in seiner bewussten Einfachheit den scharfen Kontrast von öffentlichem Leben und privatem Erleben im Iran.

"Es ist schrecklich. Jeden Tag kommen Busladungen von Jungen an der Front an. Sie kommen aus der Unterschicht. Man verspricht ihnen das Paradies im Jenseits und lässt sie singen, bis sie in Trance fallen. Sie werden fanatisiert und in die Schlacht geworfen. - Zu der Zeit ging ich auf meine erste Fete. Mama hatte mir nicht nur erlaubt hinzugehen, sie machte mir auch einen Pulli mit Löchern und ein Halsband aus Ketten und Nägeln. Punk war gerade in."

Das Mädchen, das aus einer Intellektuellenfamilie stammt, benimmt sich widerspenstig altklug. Der Leser begleitet es von seinem zehnten bis zu seinem vierzehnten Lebensjahr. Er spürt, wie Marjane erwachsen wird - und dass ihr pubertäres Aufbegehren immer gefährlicher wird. Die humorvollen Zeichnungen betonen noch die seltsame Logik, der sich das Mädchen ausgesetzt sieht: Das Tragen von westlichen Turnschuhen und das Hören von Kim Wilde kann ins Gefängnis führen, der ehemalige Fensterputzer entscheidet nun als strenggläubiger Krankenhausdirektor über Leben und Tod.

"Mama hatte eine Panne. Wir holten sie ab. - Zwei Typen ... Bärtige ... Diese Scheiß-Bärtigen! Sie haben... mich ... mich beschimpft. Sie sagten, Frauen wie mich sollte man durchficken und dann auf den Müll schmeißen. Wenn ich das nicht wolle, müsse ich den Schleier tragen. - Mama war wegen der Geschichte mehrer Tage krank. Um die Frauen vor potentiellen Vergewaltigern zu schützen, wurde das Tragen des Schleiers Pflicht."

Persepolis, dessen Verfilmung in diesem Sommer in die europäischen Kinos kommt, ist nur der erfolgreichste Vertreter eines scheinbar neuen Genres: des Comicjournalismus.

Das Medium Comic selbst ist nicht neu. Eine wirkliche Geburtsstunde des Comics ist nicht festzumachen, da man zahlreiche frühe Vorformen in der Kunstgeschichte findet. Zu Ihnen zählen antike griechischen Vasemalereien, bei denen einigen Figuren die Worte "aus dem Mund fallen", oder mittelalterliche Kunstwerke wie den Teppich von Bayeux, der auf ca. 70 Metern von der Eroberung Englands durch die Normannen erzählt.

Christine Gundermann: "Comics gibt es seit 120 Jahren, grob gesagt. Die waren ursprünglich für Erwachsene wie für Kinder - wurden dann aber sehr schnell in der gesamten westlichen Welt als ausschließliches Medium für Kinder wahrgenommen."

Doch die Bilderwelten, auf die sich berühmte Karikaturisten und Comiczeichner bezogen, waren oft nicht gerade jugendfrei. So nennt der Comiczeichner Robert Crumb die mittelalterlichen Maler Hieronymus Bosch und Pieter Breughel sowie William Hogarth und James Gillray als Väter seiner Werke. Mit Pieter Breughel zog der Alltag einfacher Menschen in die Bilderwelt des 15. und 16. Jahrhunderts ein. An Breughel ist für Comiczeichner bis heute faszinierend, mit welchem Detailreichtum und mit welcher Genauigkeit der Maler die Gesichter und Gesten seiner Figuren festhielt. Bosch bildet mit seinem Reichtum an apokalyptischer Symbolik und seiner Verfremdung und Überzeichnung menschlich-tierischer Mischwesen ein weiteres Vorbild für den modernen Comic.

William Hogarth, geboren 1697 in England, wurde ein eher unfreiwilliger Wegbebereiter des Comics. Mit seinen moralischen Zeichnungen und Kupferstichen setzte er auf ein damaliges Massenmedium. In seinen Geschichten kommen rechtschaffene Protagonisten vom Pfad der Tugend ab. Um seinen Bildern die nötige Deutlichkeit und Deftigkeit zu verleihen, griff der begabte Zeichner zu Übertreibungen - und wurde so zu einem der ersten weit verbreiteten Karikaturisten seiner Zeit. Mit dem Seriellen seiner Bilder nahm er die Erzählstrukturen der Comics vorweg.

Ende des 19. Jahrhunderts beginnt der Siegeszug des neuzeitlichen Comics. In den USA wurden in Zeitschriften das Prinzip der europäischen Bildergeschichten übernommen - und diese gelangten als "Comics" in die Sonntagsbeilage. Comic bedeutete "komisch" und bezog sich auf den Inhalt der Bildergeschichten. Über die Comics, die sich schnell einer großen Fangemeinde erfreuten, versuchten die Zeitung eine familien-übergreifende Bindung an ihr Blatt zu erreichen - so dass immer mehr dieser Comics in fast allen Zeitungen auftauchten.

Zeichnung von Heinrich Zille (AP Archiv)Zeichnung von Heinrich Zille (AP Archiv)In Deutschland erfreute sich zur selben Zeit der Berliner Zeichner Zille mit seinen derben Motiven und seinen Geschichten, die dem Volk aufs Maul schauten, großer Beliebtheit.

Ulli Lust: "Ich mochte die Sympathie, mit denen er seine Protagonisten beobachtet hat. (...) Ich mag auch seinen Humor. Zeichnerisch finde ich die Zeichner vom Simplicissimus spannender. Es gibt in Deutschland so eine alte Karikaturenschule; Simplicissimus ist ein Satiremagazin, das aber nicht nur Brachialhumor geliefert hat, sondern einen sehr feinsinnigen poetischen und auch kritischen Hintergrund hatte, und diese Tradition finde ich sehr interessant."

Die Comiczeichnerin Ulli Lust ist nicht nur Illustratorin und Gründerin der größten deutschen Internetplattform für Comics. Im Internet betreibt sie auch den deutschen Comicverlag Electrocomics, der Comics speziell für die Ansicht am Computer veröffentlicht.

Während in den USA Comics als Ausdrucksmittel schon immer zur Alltagskultur gehörten, hatte in Deutschland der Comic mit schwereren Vorurteilen zu kämpfen als in jedem anderen westeuropäischen Land.

Christine Gundermann: "In den fünfziger Jahren gab es massive Protestbewegungen von Pädagogen, von Psychologen, auch von kirchlichen Vertretern, die meinten, Comics wären Schund - sie würden Kinder verderben, sie zu Verbrechen verleiten. Sie würden sie sexuell frühreif werden lassen, eventuell sogar zu Homosexualität verleiten, wie das bei 'Batman und Robin' der Fall sein sollte. Deswegen galten Comics fortan als Schund und Schmutz - auch in Deutschland - in der Bundesrepublik wie in der DDR. Wer Comics las, galt dementsprechend als zurückgeblieben."

Amerikanische Superhelden galten in Deutschland als suspekt. Der Diskurs wurde von der Interpretation des faschistoiden Übermenschen beherrscht und verhinderte einen offenen Umgang mit der Tatsache, dass die Hefte zu Millionen gelesen wurden.

Jakob F. Dittmar: "Bis weit in die 70er Jahre hinein hatte man sich zu verteidigen, wenn man Comics zum Beispiel in der Schule thematisieren wollte. Comichändler mussten sich immer mit Schund- und Schmutzliteraturvorwürfen auseinandersetzen von Leuten, die vielleicht in einer älteren Denktradition von '33 bis '45 geprägt waren. ( ... ) Das hat aber auch damit zu tun, dass viele halt Bilder und deren direkten Inhalt als gefährlich ansehen. Gefährlicher als geschriebenen Text."

Der Medienwissenschaftler Dr. Jakob F. Dittmar habilitiert an der TU Berlin über Comic und entwickelt in seiner Arbeit den ersten allgemeingültigen Analyseapparat für historische und zeitgenössische Comics.

In Anlehnung an den von den Regisseuren der Nouvelle Vague geprägten Begriff des "Autorenfilms" entstand der Begriff des "Autorencomics", der im Gegensatz zu den arbeitsteilig entstehenden konventionellen Mainstreamcomics eigenständig entsteht. In den 60er Jahren wurde der Autorencomic zum Ausdruck der Gegenkultur in den USA.

Amerikanische Zeichner wie Robert Crumb erweiterten den Comic auf das Alltagsleben. Crump ließ in "My troubles with woman" den Leser an seinen sexuellen Neurosen teilhaben und zeichnete unter dem Einfluss von LSD Comics, die den Horror des Alltäglichen mit mystischen Erfahrungen vermischten. In den frühen 90er Jahren provozierte der Altmeister des autobiographischen Comics die amerikanische Gesellschaft mit "When the Niggers take over America" und "When the goddam Jews take over America!". In einer Art Katalog zeichnete er rassistische Klischeevorstellungen des weißen Amerika - ohne sie zu kommentieren.

Doch erst das "Mauscomic" von Art Spiegelmann bedeutet den Durchbruch der Comicreportage für das große Publikum. Art Spiegelmann verfremdete die Holocausterlebnisse seines Vaters, in dem er die Juden als Mäuse und die Nazis als Katzen darstellte. Für den Berliner Comiczeichner Kai Pfeiffer war Art Spiegelmann eine Initialzündung.

Kai Pfeiffer: "Das ist so eine Mischform, ein dokumentarischer Comic über seinen Vater, der Auschwitz überlebt hat, und es handelt also erstmal nicht von Art Spiegelmann, dem Autor selber, sondern eben von dem, was er über seinen Vater erfährt. Und zusätzlich recherchiert er zu den Aussagen seines Vaters, so dass man das also durchaus Reportage nennen kann, weil er selber dann auch nach Polen fährt, um sich die Orte anzuschauen. Und er bezieht in diesem Comic dann auch schon wieder Reaktionen auf den Comic durch die Vorveröffentlichung mit ein."

Der Pulitzerpreis von 1992 für Art Spiegelmann stellte die konservative deutsche Literaturwissenschaft vor ein Definitionsproblem. Die als trivial eingestuften Comics konnten nicht plötzlich aufgewertet werden.

Christine Gundermann: "Man hat sehr lange noch darüber gestritten, ob man jetzt überhaupt noch von einem Comic sprechen kann, ob man es nicht lieber 'Tragic' nennen sollte, denn es gibt ja ganz tragische Inhalte in diesen Comics."

Blickt man aktuell in die Buchhandlungen, so kann man in den "Comicecken" seit ein paar Monaten aufregende Neuigkeiten entdecken. Neben "Asterix" oder "Tim und Struppi" liegen plötzlich Comics mit ernsthaften und politischen Themen. Da verarbeitet der Amerikaner Steve Mumford im "Bagdad-Journal" Erlebnisse aus dem Irakkrieg, berichtet der Franzose David B. in der "Heiligen Krankheit" von der Epilepsie seines Bruders, erzählt der Schweizer Frederik Peeters von der Aidserkrankung seiner neuen Freundin und deren Tochter.

Vorreiter für diese Comicreportagen war der in Malta geborene Amerikaner Joe Sacco. Er "erfand" den Comicjournalismus mit Reportagen aus Palästina während der zweiten Intifada oder aus dem Bosnienkrieg. Dabei erfüllte Sacco, dessen Band "Palästina" erst 2004 in Deutschland erschien, ein neues Grundbedürfnis an journalistischer Information.

Christine Gundermann: "Wenn wir für gewöhnlich die Zeitung aufschlagen und einen Zeitungsartikel lesen, dann erfahren wir nichts darüber, woher diese Information stammt. Wir erfahren nichts darüber, wer da eigentlich da war, wir erfahren nicht, wie der an seine Informationen gekommen ist. Der Comicjournalismus hat, meiner Meinung nach, gegenüber den normalen Artikeln einen unglaublich starken Vorteil. Er macht die Perspektive des Journalisten und die Entstehungsgeschichte eine Artikels oder einer Reportage deutlich."

In seinem Reportagebuch "Palästina" begleiten wir den dickbebrillten und mit Vorurteilen beladenen Journalisten Joe Sacco durch Dauerschlamm und Dauerregen. Die Bilder sind voll gepackt, die Strassen und die Geschichten quellen über. Wie sehen, wie der Journalist Sacco seine Arbeit macht - und wie er zu seinen Ergebnissen kommt.

"Eine kleine Menge schart sich um uns. Alle denken wie üblich, dass ich Japaner bin. Der Milchmann greift sich einen der Umstehenden. Einen Jungen, um die 16. Er ist fünfmal geschossen! (sic!) - Der Junge mit den fünf Schusswunden hakt mich unter und schleppt mich praktisch mit! Keine Formalitäten! Treppauf! Vorbei an Ärzten und Schwestern! In eine Station! Familienangehörige machen Platz! Ein wichtiger japanischer Würdenträger ist gekommen! Ein Mann aus meinem Gefolge tritt ans erste Bett, hebt eine Decke an ... Beinverletzung! Gips! Siehst du! Wir haben ihn geweckt.., Nächstes Bett! Der Mann ist schon wach! Und munter! Er bindet eine Keffiyeh um! Für Palästina! Und ich mache ein Foto von ihm ..."

"Es ist doch vermessen zu denken, dass westliche Reporter in einer derartigen Situation objektiv sein können."

- erklärte Joe Sacco bei der Verleihung des American Book Awards. Als Konsequenz daraus tritt er in seinen Reportagen -

Jakob F. Dittmar: "- als eigene Figur des Journalisten auf, der recherchiert dabei, und persönliches Feedback reinsteuert, wo er selber sagt: Eh, hab ich Probleme mit, fand ich furchtbar oder: Ich bin eklig, dass ich davon lebe, dass ich die Geschichte von diesen Leuten absauge."

Gerade dieses Sichtbarmachen der inneren Widersprüchlichkeit macht den Comic zum ernstzunehmenden Comicjournalismus, der aufklärerisch wirken kann.

Christine Gundermann: " Ich finde es insofern auf jeden Fall glaubwürdiger, weil gerade die Zufälligkeit der Information sehr deutlich werden und weil der Journalist zeigen kann: 'Jetzt übernehme ich die Perspektive derer, die ich interviewe'. Also, bei Joe Sacco kann man sehr gut nachvollziehen, an welcher Stelle er am liebsten selbst zum Stein gegriffen hätte, weil er so viele Palästinenser interviewt, denen es sehr schlecht geht. Gleichzeitig schafft er es aber auch, diese Wendung zu vollziehen und zu sagen 'Ich biete euch hier ein Erlebnis an. Ich biete euch mein Erlebnis an'."

"Fahrer Sami hat etwas Besonderes zu bieten: Sie haben Glück. Siedler haben das Dorf heute Nacht überfallen! Im Haus überall Scherben, eine Axt, getrocknetes Blut ..."

Während Sacco herumgeführt wird, erzählt ihm ein Sohn die Geschichte vom Überfall auf sein Haus und führt dem Journalisten seine traumatisierte Mutter vor. Doch Sacco hat ganz andere Probleme.

"Inzwischen bereitet seine Mutter, die unser Englisch nicht versteht, das Essen vor ... und ich sage euch, ich brauch bald was in den Magen, der viele Tee oder vielleicht auch der Zucker macht mich ganz hippelig ... . Aber sie lässt sich Zeit ... mit den Fingern dreht sie das Brot um und schiebt die Kohlen zusammen ... Herrje, muss die eine Hornhaut haben, um diese Glut zu ertragen."

Das Genre arbeitet in solchen Momenten mit einem Verfremdungseffekt. Der Reporter weist den Leser deutlich darauf hin, dass er nicht als Figur in der Geschichte aufgeht - sondern das Geschehen reflektiert.

Jakob F. Dittmar: "Wir kennen es ja aus der normalen Literatur, aus den alten Romanen, dass es durchaus diese Ich- Erzähler gibt. Das hat es im Comic auch gegeben, dass zum Teil irgendwelche Helden sich dem Publikum zuwenden. Vorher war es quasi eine Abenteuererzählung und plötzlich ist es eine Reportage. Ich wüsste nichts vor den 90ern im Comic, wo das wirklich so explizit passiert."

Der Comicjournalismus ist tatsächlich eine Neuerfindung der 90er Jahre. Vorher gab es nur Autorencomics von Leuten, die ihr eigenes Leben in Comicform erzählten, ohne eine gesellschaftspolitische Ebene mit zu thematisieren. Doch ist eine Neuerung in der Form nie allein der Grund für den Erfolg. Immer spielt der Inhalt die entscheidende Rolle. Und in diesem Fall ist der Inhalt ein politischer.

Jakob F. Dittmar: "Ich glaube, die Vorbilder für den Comicjournalismus liegen eher im Filmjournalismus und im Fernsehjournalismus als etwa bei Zille oder so, da wir dort einfach die entsprechende Erzählweise haben. Und das sind einfach Leute, die Themen aufgreifen, die sich im Film-, Fernsehjournalismus so von ihnen nicht hätten bewerkstelligen lassen."

Für in die Tiefe gehende Darstellungen ist in den amerikanischen News-Sendungen, die Informationen nach ihren Nachrichten- und Neuigkeitswert beurteilen, kaum Platz. Doch gerade News-Sender sind es, die fast ausschließlich Journalisten in Krisenregionen schicken. Der Reporter wird dafür bezahlt, dass er nutzbare Ware liefert, die ins aktuelle Programmschema passt.

Der Zeichner hat noch einen praktischen Grund, sich bewusst für ein großes Thema zu entscheiden, das über den Moment hinaus wichtig ist.

Christine Gundermann: "Das Problem bei Comicjournalismus ist einfach: etwas zu zeichnen, grafisch zu gestalten dauert wesentlich länger, als einen Text zu schreiben. Das heißt, Comicjournalismus wird immer etwas unaktuell bleiben, wenn er gut sein soll, gut durchgestylt sein soll."

In der aktuellen Geschichtswissenschaft setzt sich immer deutlicher die angloamerikanische Tradition durch, in der der Autor sich in seinem und durch sein Werk kenntlich macht, und sich nicht hinter einer angeblichen Objektivität versteckt.

Christine Gundermann: "Das sind zwei unterschiedliche Auffassungen von Objektivität. Es gibt da die klassische, historistische Meinung: Der Autor muss eigentlich hinter seinem Text verschwinden. Er schreibt nur, wie es gewesen war - da hat der Autor aktuell einfach nichts zu suchen. Und es gibt eine andere Auffassung von Objektivität, die meint: Egal was der Autor tut, er ist immer da und er beeinflusst immer das, was er schreibt schon allein dadurch, dass er sich einen bestimmten Anfangspunkt für seine Geschichte wählt. Da der Historiker also schon immer eine Wertung, einen Sinn in die Geschichte hinein bringt, muss er auch deutlich werden. Meine Einstellung zu Objektivität ist auch, dass sich der Historiker oder die Historikerin sichtbar machen müssen. Eben gerade, weil sie nicht von einer objektiven Wahrheit sprechen können. Sie zeigen immer nur eine bestimmte Geschichte zu einer bestimmten Fragestellung in mehreren Perspektiven auf. Aber nie eine objektive Wahrheit."

In den USA ist die Comic-Avantgarde längst Bestandteil des Literaturbetriebes. Seit dem 11. September spiegelt sich die Unsicherheit Amerikas in den Comics wieder. Spiderman steht in den Trümmern des Ground Zero und eine Welle von Comics über den Irakkrieg füllt die Regale. So berichtet Joe Sacco in "Complaceny kills" von seinen Erlebnissen im Irak, wo verwirrte und verunsicherte US-Soldaten versuchen zu überleben.

Im Jahr 2000 fanden sich unter dem Label Monogatari auch in Deutschland Zeichner zusammen, die in dem Band "Alltagsspionagen" erste Reportagen aus Berlin sammelten. Zu den ehemaligen Gründern dieser Gruppe gehören die gebürtige Österreicherin Ulli Lust und der Berliner Kai Pfeiffer.

Kai Pfeiffer: "Der Plan war, dass wir sozusagen als artist in residence knapp einen Monat verbringen in Halle-Neustadt und gleichzeitig den Kunststudenten die Möglichkeiten der Comicreportage näher bringen."

Ulli Lust: "Ich wusste nur, wir fahren irgendwohin in den tiefen Osten in eine Plattenbausiedlung, und ich war dann sehr überrascht, als ich merkte, das ist nicht nur irgendeine Plattenbausiedlung, sondern es ist eine ganz besondere, es ist ein Vorzeigeobjekt der DDR, und man hatte das Gefühl in einem Geschichtslabor zu sein."

Halle-Neustadt gehört zu den "shrinking cities", den schrumpfenden Städten. Viele der Neubauten stehen leer und werden rückgebaut. War zu DDR Zeiten die Bevölkerungsstruktur noch stark durchmischt, so überwiegt heute der Anteil von sozial Benachteiligten.

Ulli Lust: "Meine bevorzugte Methode ist, mich irgendwohin zu setzen mit dem Skizzenblock und zu zeichnen, und in Halle-Neustadt war das quasi ein Lockmittel, weil ganz viele Leute sich dann berufen gefühlt haben, mich zu fragen, was ich denn tue, und zwei Sekunden später haben sie angefangen, zu monologisieren. Also sie haben mir, wie gesagt, die Geschichte von Halle-Neustadt erzählt und wie es ihnen selber dabei ging und all diese Dinge. Die Texte sind authentisch."

In ihrer Comicreportage lässt Ulli Lust die Protagonisten sprechen. Ihr alter ego auf dem Papier spielt dabei den Part des neugierigen Zuhörers, dem die Zusammenhänge fremd sind.

Ulli Lust: "Was diese Halle-Neustadt-Geschichte betrifft, denke ich, dass es von Vorteil gewesen ist, dass ich aus Österreich komme und in diesen Ost-West-Konflikt nicht involviert war. Das hat Vertrauen geschürt bei den Leuten. Möglicherweise jemand aus der DDR würde ganz viele dieser kleinen Nebenbei-Aussagen als alltäglich und normal und nicht wichtig hinnehmen, während mir auffällt, wie extrem krude manche von diesen Vorstellungen sind. Also wenn dieser eine Mann mir erzählt, dass sich der Westen die DDR unter den Nagel gerissen hat, weil sie so scharf auf die Hallorenschokolade waren ... Also, er war der Meinung, dass im Westen eigentlich überall DDR-Schokolade verkauft wurde, die umetikettiert worden ist. Und weil die so gut war, deswegen hat letzten Endes die arme DDR dran glauben müssen."

Ulli Lust zeichnet die Betonsilos und Menschen mit betont weichen Linien. Inhaltlich fällt die Parallele zu den internationalen Comicreportagen auf. Das Beobachtete wird notiert - und mit einem Fragezeichen versehen, auf das der Leser und Betrachter selbst reagieren kann und soll. Die beiden Zeichner versuchen dabei, auch die Irrationalität des Momentes zu greifen.

Kai Pfeiffer: "Eine Frau hatte mich mal angesprochen im Treppenhaus des Plattenbaus, wo wir gewohnt haben. Und dann plötzlich angefangen zu erzählen und gesagt: na gut, sie war stolz auf die Chemieindustrie und ihre Errungenschaften und war Technikerin in den Chemiewerken. Gleichzeitig hat sich aber auch immer wieder gesagt, wie marode das Ganze war. Sie hat das aber irgendwie nicht zusammengebracht. Sie hat immer gesagt, der Westen wollte und die USA wollten die DDR kaputt machen und deswegen musste man die Mauer haben, sonst hätte die USA den Plan durchgesetzt, dass man die gesamte DDR in ein einziges Kartoffelfeld umwandelt. Ja, das war ihr Dilemma, dass sie die heutigen Umstände und ihr Bild der Welt nicht mehr zusammenbringen konnte."

Kai Pfeiffer setzt Themen, die ihn politisch bewegen, in Form von Zeichnungen um. Aktuellstes Projekt für den Gegner von Castortransporten ist eine Auftragsarbeit über den Reaktorunfall in Tschernobyl.

Kai Pfeiffer: "Also ich werde in Comicform die wichtigsten Aspekte oder den Hergang der Katastrophe in Tschernobyl darstellen anhand der Dokumente, die zugänglich sind. Wobei das auch dann meine Interpretation oder meine Entscheidung für eine bestimmte Sicht der Dinge sein wird, weil es gibt keine wirklich objektive Darstellung der Katastrophe."

Dabei geht Pfeiffer wie ein Dokumentarfilmer vor. Doch statt der "realen" Interviewpartner sind in seiner Comicreportage die gezeichneten Short Cuts einzelner Menschen zu sehen.

Kai Pfeiffer: "Also ich möchte eben mit dieser Geschichte einerseits die Faszination dieses maximalen katastrophalen Ereignisses rüberbringen, und andererseits aber auch verhindern, dass es zu exotisch wirkt. Dass man sagt, okay, das war weit entfernt in der Ukraine in diesem unverantwortlichen Sowjetreich. Das könnte uns nicht passieren."

Comicreportagen spiegeln Weltgeschichte wieder - im Großen und im Kleinen. Neben den Berichten aus Krisenregionen gibt es auch den Boom von autobiographisch gefärbten Aufzeichnungen, die von Krebserkrankungen, dem Umgang mit Aids, bis hin zu Weltkriegserlebnissen reichen.

Für den aktuellen Boom von Biographien und den Zeitzeugenaufzeichnungen "einfacher" Menschen - die ja nicht nur im Comic, sondern im ganzen Buchmarkt präsent sind - gibt es schlüssige Erklärungen.

Jakob F. Dittmar: "Vielleicht bietet es sich als stabiles Thema an. Weil unheimlich viel im Umbruch ist und wir zum Teil doch auch damit beschäftigt sind, permanent zu erklären, wer wir sind und was wir tun. (...) Wir haben hier in Berlin zum Beispiel den Umbruch, dass unheimlich viel Architektur verschwindet, dass Lebensräume, Arbeitsfelder verschwinden, Kulturen plötzlich weg sind. (...) Und deshalb wird dann geguckt, was passiert mit dem, wo ich groß geworden bin. Für jemanden, der in Plattenbauten groß geworden ist, ist das entscheidend. Die Heimat verschwindet."

Möglicherweise ist es in Zeiten, wo jedes Foto und jede Nachricht manipulierbar ist, erfrischend, eine Geschichte mit einer klaren Haltung zu lesen. Auch wenn natürlich die Journalisten ein Ziel verfolgen. Marjane Satrapi spricht das offen aus, wenn sie über die islamische Revolution spricht:

"Seither wird diese traditionsreiche Zivilisation fast ausschließlich mit Fundamentalismus, Fanatismus und Terrorismus in Verbindung gebracht. Als Iranerin weiß ich, dass diese Bild falsch ist."

Marjane Satrapi will mit Persepolis aufklären - aber sie gibt sich dabei zu erkennen. In den Beitexten spricht sie auch von einer Autofiktion statt von einer Autobiographie. Und genau dieses "sich zu erkennen geben" hebt die Comicreportage über viele andere Meldungen heraus. Persepolis hat bei den Filmfestspielen von Cannes in zweierlei Hinsicht auf sich aufmerksam gemacht: Einerseits gewann der Film den Preis der Jury, anderseits protestierte die iranische Regierung offiziell gegen seine Ausstrahlung.

In der Darstellung der Wirklichkeit kann es keine tatsächliche Objektivität, keine hundertprozentige Wahrheit geben. Das subjektive Erzählen der Comicjournalisten, die Stellung beziehen, kann eine solche Wahrheit - für einen bestimmten Moment und für einen bestimmten Betrachter - enthalten. Der Leser und Betrachter bleibt jedoch aufgefordert, für sich selbst zu entscheiden.

"Nicht nur die Regierung hatte sich geändert, auch die Leute änderten sich. - Schau sie an: vor einem Jahr zeigt sie ihre dicken Knie unter einem Minirock. Heute trägt Madame Tschador. Steht ihr wirklich gut. Und der Sohn sagt, er bete jeden Tag. - Wenn er dich jemals fragt, was du tagsüber so tust, sagst du, du betest! Verstanden! - Am Anfang war es schwierig, aber ich lernte das Lügen schnell."

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