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"We need to talk about Kevin"

Die Geschichte einer tragischen Mutter-Sohn-Beziehung mit Tilda Swinton

Von Patrick Wellinski

Was macht einen Jungen zum Attentäter? Wer ist schuld? Die britische Regisseurin Lynne Ramsay versucht in ihrem Film "We need to talk about Kevin" diesen Fragen auf den Grund zu gehen. Dabei nimmt sie die Perspektive der Mutter eines Amokläufers ein.

Rot, rot, rot – überall rot. Eva (Tilda Swinton) wird regelmäßig von Albträumen gequält. In einem befindet sie sich während der alljährlichen Tomatina im spanischen Buñol und versinkt in der dortigen traditionellen Tomatenschlacht. Sie ringt nach Luft, wird fast erdrückt. Am nächsten Morgen findet Eva ihr Auto mit roter Farbe beschmiert. Passanten und Arbeitskollegen reagieren aggressiv auf die stumme Frau. Aber was ist passiert? Dies ist die Ausgangsfrage von Lynne Ramsays preisgekrönten Familiendrama "We need to talk about Kevin".

In wohlkomponierten Rückblenden erzählt die britische Regisseurin, die hier den gleichnamigen Roman von Lionel Shriver verfilmt, von einer schockierend missratenen Mutter-Sohn-Beziehung. Eva bringt Kevin (Ezra Miller) zur Welt, doch schon die Geburt ist für die Mutter eine Last. Sie empfindet keine Liebe für den Säugling, kann keine emotionale Verbindung zu ihm herstellen. Schlimmer noch: Das langsam heranwachsende Kind zeigt einen erstaunlichen Hass auf die eigene Mutter und entwickelt die ganze Kindheit durch immer perfidere Methoden, Eva zu zeigen wie wenig er sie achtet.

Kevin wird später eine schrecklich Tat begehen. Etwas Unvorstellbares, so grausam, dass sich Eva ständig Vorwürfe machen wird, keine gute Mutter gewesen zu sein. Aber wie viel Schuld tragen die Eltern von Amokläufern? Macht der elterliche Liebesentzug ein Kind zum Mörder? Ramsay verhandelt diese Fragen, indem sie ihr Familiendrama mit Elementen aus dem Thriller und Horrorfilm mischt. Lautes Zischen und Knacken auf der Tonspur verweisen bereits auf Kevins grausame Tat. Seine Figur erinnert nicht von ungefähr an Damian, das Teufelskind, aus dem Horrorklassiker "Omen" von 1976.

Wirklich überzeugend ist "We need to talk about Kevin” allerdings, weil er niemals versucht billige Antworten auf seine drängenden Fragen zu geben. Damit umgeht Ramsay geschickt unnötige Psychologisierungsversuche, die im Kino fast immer einen unguten Beigeschmack von Vereinfachung bekommen. Diese Weigerung macht aus ihrem Film eine hochspannende Reflexion über die Ursachen des Bösen im Menschen.

USA,GB 2011. Regie: Lynne Ramsay. Darsteller: Tilda Swinton, John C. Reilly, Ezra Miller. 110 Minuten, ab 16 Jahren.

Filmhomepage "We need to talk about Kevin"

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"We need to talk about Kevin" - Literaturverfilmung über die seelischen Höllenqualen einer Mutter



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