Seit 05:07 Uhr Studio 9
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 05:07 Uhr Studio 9
 
 

Religionen / Archiv | Beitrag vom 06.06.2009

Was vom Reformator übrig blieb

Johannes Calvin und die Bilder

Beat Wyss im Gespräch mit Ralf Bei der Kellen

Johannes Calvin war es an der Alphabetisierung der Menschen gelegen - vor allem in seiner Idealstadt Genf.  (AP)
Johannes Calvin war es an der Alphabetisierung der Menschen gelegen - vor allem in seiner Idealstadt Genf. (AP)

Nach Einschätzung des Kunsthistorikers Beat Wyss haben sich die Bilderstürmer im 16. Jahrhundert zu Unrecht auf Johannes Calvin bezogen. Calvin habe sich lediglich in seiner Kritik gegen die Art des Gebrauchs von Bildern gewandt, so Wyss.

Ralf Bei der Kellen: Das Thema des Gesprächs im Deutschen Historischen Museum in dieser Woche war ja Calvin und Bilder. Nun war Calvin ja ein ausgesprochener Gegner von Bildern in der Kirche. Herr Dr. Wyss, worauf ist denn Calvins Abneigung gegen Bilder zurückzuführen?

Beat Wyss: Es ging ihm nicht um die Bilder, sondern deren Gebrauch. Also Bilder förderten nach Calvin den Aberglauben, oder der Umgang mit diesen für wundertätig gehaltenen Statuen und Ikonen, das war natürlich ein Dorn im Auge für den Aufklärer und Humanisten. Deswegen, er setzte auf das Wort. Sein Ziel war ja auch eine völlig flächendeckende Alphabetisierung seiner Idealstadt Genf, nicht, weil für ihn es klar war, nur wer lesen kann, kann Gott verstehen. Und das geht nicht übers Bild.

Bei der Kellen: Die Bilderstürmer kommen ja eigentlich erst nach Calvins Tod, berufen sich aber ganz bewusst ja auf Calvin. Haben die Calvin missverstanden?

Wyss: Sie haben ihn sicher missverstanden darin, dass sie quasi gegen das Gesetz gehandelt haben. Man darf nie vergessen, Calvin war ja gar kein Theologe, er war Jurist. Er hat Recht studiert, und das geht wirklich durch sein ganzes Denken hindurch. Also das legalistische Element ist bei ihm ganz stark ausgeprägt. Man kann ihn nennen als der Paulus der Reformation. Er hat ja einen unglaublichen Briefverkehr gehabt. Er hat ja dann versucht, also die Bewegung, die sich wie ein Lauffeuer ausbreitete, brieflich zu steuern. Und als Anfang der 60er-Jahre, als die ersten Bilderstürmer vorkamen, da wollte er da quasi durch Ermahnungen ermäßigend einschreiten. Aber die wirklich großen Bilderstürme ab 1566 hat er nicht mehr erlebt, und das hätte er sicher nicht gebilligt.

Bei der Kellen: Wie hat sich denn die reformatorische Bilderkritik dann eigentlich in der Entwicklung der Kunst niedergeschlagen? Hat die einen Einfluss gehabt?

Wyss: Ich glaube wirklich, der Bildersturm kulturgeschichtlich war eine Notwendigkeit. Systemtheoretisch kann man das begründen. Das Bild zur Zeit um 1500 war einfach überkomplex. Es war so befrachtet mit ja noch mittelalterlichen Repräsentationsvorstellungen, die ganze Frage, ist jetzt Gott oder das Göttliche oder die Botschaft in diesem Bild real anwesend oder ist es nur eine Illustration, das alles blieb immer sehr unklar. Und die Bilderstürme haben damit mal reinen Tisch gemacht, und das war gut so. Es war gut für die Kunst. Erst nachdem dieser Druck weg war, quasi dass man etwa das Göttliche repräsentieren müsse, wurde Kunst quasi säkularisiert, sie wurde verweltlicht und entwickelte sich zu dem, was sie heute ist. Es konnte dann Stillleben geben, einfach das Schöne, einfach Augenweide. Und die Menschen konnten sich daran gewöhnen, dass Bilder einfach sind zum Vergnügen. Und es war ja ausgerechnet in Holland des 17. Jahrhundert, ein Jahrhundert nach Calvin, wo die Malerei eine unglaubliche Blüte entwickelt hat für eine bürgerliche Kundschaft, welche ihre Häuser ausstattete mit Stillleben, mit lustigen Genre-Szenen. Das war quasi ein ungewollter Effekt des Bildersturms. Kunst konnte dann einfach nur noch unterhalten.

Bei der Kellen: Sie haben ja die provokante These aufgestellt, Calvin könne man auch als Vater der Popkultur sehen. Können Sie das mal erläutern?

Wyss: Ja, das ist natürlich dann ein sehr weiter Weg, aber er hängt natürlich mit seinem Erfolg in der angelsächsischen Kultur zusammen. Das ist natürlich eine große Volte, die ich jetzt machen soll, aber ich kann’s vielleicht kurz skizzieren. Also wie ich gesagt habe, im 17. Jahrhundert entsteht gerade im calvinistischen Holland ein Kunstmarkt, also eben diese bürgerliche Welt entwickelt einen Umgang mit Bildern als Ware. Und das ist natürlich ein ganz neues Phänomen, welches wir in den katholischen Ländern gleichzeitig in der wirklich erfolgreichen und effizienten Weise lange nicht finden. Der Kunstmarkt ist sehr stark ausgeprägt in protestantischen Kulturen. Und da kann ich vielleicht einen Sprung machen dann ins 20. Jahrhundert in die angelsächsische Welt: Also die Unterhaltungskultur gedeiht vor allem in Amerika. Die Populärkultur, diese Abspaltung der visuellen Kultur, die nicht mehr quasi ja überfrachtet ist mit hohen intellektuellen Ansprüchen, sondern einfach Hollywood-Kitsch und Massenartikel, Konsumkultur, nicht? Auch wieder das eine unbeabsichtigte Folge des calvinistischen Bildersturmes. Es reduziert Komplexität.

Bei der Kellen: Also sozusagen Andy Warhol als Spätcalvinist?

Wyss: Ja, er war ja selber orthodoxer Katholik, aber er reflektiert natürlich diese Welt. Man kann sagen, Andy Warhol hat genau diese angelsächsische Warenwelt in ihrer verstörenden Fremdheit so akkurat porträtieren können, weil er sich als Emigré da natürlich auch besonders versuchte, damit mimetisch zu identifizieren.

Bei der Kellen: Wenn Calvin sehen könnte, wie heute die Bilderflut über uns hereinbricht und eigentlich ja jedes kleinste Eckchen unseres Lebens penetriert, eben durch die Massenmedien, was würde er sagen? Er wäre doch wahrscheinlich entsetzt, oder?

Wyss: Ja, er würde schon sagen, also ich hab’s ja immer schon gesagt. Und ich glaube, in jedem Medienkritiker heute steckt ein kleiner Calvinist. Und das ist auch gut so. Also ich meine, diese Sicht à la rigueur, die ist immer auch wieder nötig. Also man muss die Wechsler aus dem Tempel treiben, man muss irgendwie mal die Bilder entfernen, also man muss sie mal runterholen und dann die Augen wieder an das kahle Weiß gewöhnen, damit sich quasi das Sehen selber reflektieren kann dadurch, dass es gerade mal was nicht sieht. Und man kann ja auch sagen, die Kunst der Moderne ist eine Abfolge von kleinen Ikonoklasmen. Kleine Bilderstürme sind immer wieder Sehgewohnheiten, die verstört werden, die unterbrochen werden. Und ich glaube diese negative Botschaft, in dieser Weise ist Calvin für uns immer wieder aktuell.

Bei der Kellen: Wenn Sie Calvin heute noch treffen könnten, was glauben Sie, wäre er Ihnen sympathisch oder könnten Sie eher nichts mit dem Menschen Calvin anfangen?

Wyss: Ich bin natürlich ein eher epikureischer Mensch und er war doch ein großer Asket. Wobei ich weiß, er hatte doch einen Weinkeller, wenn wir uns über Weine unterhalten hätten können, das wäre sicher gut ausgegangen. Aber ich muss sagen, ich hege einfach eine ganz große Bewunderung für ihn als Gestalt und für ihn auch als Gelehrten. Seine Pflege der Sprache ist so außerordentlich, auch seine Schriftkultur ist bewunderungswürdig. Ich würde ihm einfach vor allem meine unumschränkte Verehrung zukommen lassen, wie ich das allen großen Humanisten zueigne.

Bei der Kellen: Vielen Dank, Herr Dr. Wyss, fürs Gespräch, schön, dass Sie Zeit für uns hatten.

Wyss: Ja, danke!

Religionen

Die Malereien des Paris BordoneMadonnen, Mägde und Mätressen
Eine Frau betrachtet am 23.02.2017 in Hamburg in der Kunsthalle das Bild "Jupiter und Io" von Paris Bordone. Die Ausstellung zeigt unter anderem Werke von Paris Bordone, Palma il Vecchio und Tizian und ist vom 24.02. bis 21.05. 2017 zu sehen. (picture alliance / dpa / Axel Heimken)

Paris Bordone ist bekannt für seine Altar- und Madonnenbilder. Doch nicht alle Frauen malte er so keusch verhüllt wie Maria: Auch mehr oder weniger vollständig entblößte Damen finden sich auf den Gemälden, die zurzeit eine Ausstellung in der Kunsthalle Hamburg zeigt.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur