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Fazit / Archiv | Beitrag vom 22.01.2013

Was tun mit Big Data?

Konferenz Digital Life Design in München debattiert über das wachsende digitale Volumen

Von Vera Linß

Alle zwei Jahre verdoppelt sich weltweit das Volumen an Daten, das digital erzeugt wird. (AP)
Alle zwei Jahre verdoppelt sich weltweit das Volumen an Daten, das digital erzeugt wird. (AP)

Alljährlich treffen sich in München auf Einladung des Burda-Verlags die Größen der Internetwelt bei der Veranstaltung Digital Life Design (DLD). Die rund 800 Teilnehmer diskutierten darüber, wie die ungeheuren Datenmengen, die digital produziert werden, so vernetzt werden können, dass sie im Alltag von Nutzen sind.

Auch wenn die ganz großen Namen in diesem Jahr fehlten: An ihrem Geist hat die DLD nichts verloren. Wie gewohnt blickte man nach vorn und feierte diesmal die bevorstehende Daten-Revolution. Alle zwei Jahre verdoppelt sich weltweit das Volumen an Daten, das digital erzeugt wird – Big Data ist das Stichwort für diese Entwicklung. Die Chancen, die darin liegen, beschrieb der amerikanische Fotograf Rick Smolan. Big Data macht aus dem Internet ein Nervensystem für die Welt, meint er. Darüber könne er zum Beispiel mit seiner 90-jährigen Mutter in Kontakt bleiben. Lange habe er nach einer Lösung für das Problem gesucht, ihr im Krankheitsfall schnell helfen zu können, so Smolan:

"Und dann habe ich herausgefunden, dass man an einem Teppich arbeitet, den man sich zu Hause hinlegen kann und der die Schritte von Menschen registriert. Zwei Tage, bevor meine Mutter wieder fällt, sagt der Teppich zum Beispiel: Achtung sie verliert die Balance. Oder sie läuft langsamer. Oder: Meine Mutter macht sich früh um neun immer einen Kaffee. Und wenn sie bis um elf nicht über den Teppich gelaufen ist, um Kaffee zu machen, dann kann ich das auch erfahren. Dann schickt mir das System eine Nachricht und sagt: Du solltest deine Mutter anrufen!"

Etwa 100 Milliarden Dollar schwer ist der Markt, auf dem aus personalisierten Daten Services geschaffen werden können, die den Alltag erleichtern. Die Zukunft des Internets sehen die Experten denn auch als ein personalisiertes Netz, das jedem Einzelnen einen ständigen Strom an relevanten Informationen bietet. Klassische Internetportale werden es demnach schwer haben, Nutzer an sich zu binden. Gerade für Online-Auftritte von Qualitätsmedien ist das eine große Herausforderung, meint der Journalistikdozent Jeff Jarvis:

"Das Internet erlaubt es Gemeinschaften, Informationen selbst zu teilen. Und das geschieht mit oder ohne die Medien. Und das ist gut so. Es beschleunigt den Informationsfluss. Wir Journalisten müssen herausfinden, wie wir diesen Prozess bereichern können. Wie wir Inhalte hinzufügen und einen Kontext herstellen können. Das sind die Dinge, die Journalisten sich fragen müssen, um ihren Wert zu steigern."

Wie allerdings Journalisten im Internet Geld verdienen können, wusste auch Jarvis nicht vorherzusagen. Wesentlich klarer dagegen waren die Prognosen darüber, wie die Internetsuche der Zukunft aussehen könnte. Auch hier wird Big Data große Veränderungen bringen. Suchmaschinenentwickler Wolf Garbe ist sich sicher: Die Dominanz von Google gehört bald der Vergangenheit an. Die Nutzer wollten mehr Vielfalt und mehr Komplexität in der Suche.

Wolf Garbe: "Und der zweite Entwicklungsschwerpunkt ist sicherlich, dass wir die direkte Suche, die es heute gibt, ergänzen durch eine implizite Suche. Wenn man an Google Glass denkt, also die Kybernetikbrille, die man sich aufsetzt, dass man irgendwo vorbeigeht, jemanden trifft und automatisch gesucht wird nach dem Profil des Gesprächspartners ... oder auch, das gibt es heute schon in Ansätzen: Die Suchmaschine sitzt im Hintergrund und lauscht meiner Konversation und gibt Suchmaschinen- und Hintergrundinformationen dazu aus."

Für den Internetkritiker Andrew Keen sind solche Szenarien deutlich zu viel des Guten. Big Data erinnert ihn an Überwachung. Auch der soziale Aspekt, den Internetpioniere immer wieder hervorheben, wenn es um die Vernetzung im Internet geht, hält er für Heuchelei. Das Wort sozial werde missbraucht für kommerzielle Zwecke.

Andrew Keen: "Das Wort sozial hatte seine Bedeutung völlig verloren. Was wir heute in der digitalen Welt haben sind schwache, fragmentierte Individuen, die eine schwache Gesellschaft bilden. Ich bin nicht gegen das soziale. Aber ich bin gegen den Missbrauch des Wortes. Gegen die Art und Weise, wie es von Unternehmen wie Facebook genutzt wird, um großen Reichtum anzuhäufen und uns und unsere Gemeinschaften zu zerteilen."

Zwar kann sich Keen auch vorstellen, dass Daten intelligent vernetzt und zum Nutze der Menschheit eingesetzt werden könnten. Mit Blick auf die DLD kritisiert er jedoch, dass die Datenflut im Internet viel zu euphorisch betrachtet und Gefahren weitgehend ausgeblendet werden:

"Das ist eine Cheerleading-Konferenz. Burda Media feiert hier die Ideen der digitalen Revolution. Ich respektiere das, das sind Freunde von mir. Aber wir brauchen auch Konferenzen, die kritischer sind und mehr nach den Auswirkungen der Digitalisierung fragen. Auf denen auch Historiker und Soziologen zu Wort kommen. Deren kritische Stimme fehlt, dabei gibt es in Europa genügend Akademiker die etwas zu sagen hätten über die Folgen von Big Data und der digitalen Revolution."

Links bei dradio.de:

Versachlichung der Diskussion über das Netz <br> Kathrin Passig, Sascha Lobo: "Internet - Segen oder Fluch", Rowohlt Berlin 2012, 304 Seiten

Flüchtige Überlieferungen - Die Schwierigkeiten der Geschichtswissenschaften im digitalen Zeitalter

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