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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 21.08.2011

Was taugen Tierversuche?

Über die Notwendigkeit und Fehlbarkeit von Tests an Tieren

Von Udo Pollmer

Eine weiße Laborratte wird in einem Labor in Freiburg vorbereitet für eine genetische Immunisierung, eine Impfung mit kleinen Goldkügelchen, an die Genmaterial angekoppelt ist. (AP Archiv)
Eine weiße Laborratte wird in einem Labor in Freiburg vorbereitet für eine genetische Immunisierung, eine Impfung mit kleinen Goldkügelchen, an die Genmaterial angekoppelt ist. (AP Archiv)

Manche Menschen halten Tierversuche für notwendig, andere wiederum glauben, sie seien eine völlig unnötige Tierquälerei. Deshalb die Frage an unseren Lebensmittelchemiker Udo Pollmer: Was taugen die Tierversuche denn überhaupt? Wie zuverlässig sind solche Experimente?

Tierversuche sind die Grundlage unseres gesundheitlichen Verbraucherschutzes. Damit werden die Grenzwerte für Pflanzenschutzmittel, die Unbedenklichkeit von Zusatzstoffen und die Höchstmengen für Acrylamid oder Dioxine ermittelt. Wer strengere Grenzwerte fordert, tut dies zwangsläufig auf der Grundlage von Tierversuchen. Vielfach liefern Tests an Zellen erste Hinweise. Wenn in den Medien vor "krebserregenden" Stoffen gewarnt wird, dann meist aufgrund solcher Zelltests.

Doch Zelltests sind vielfach so ungenau, dass ihre Ergebnisse an Kaffeesatzdeuterei erinnern. Beispielweise werden diesen Prüfungen – die bekannteste ist der Ames-Test – drei bis vier von zehn Stoffen als krebserregend eingestuft. Dabei ist es gleichgültig, ob es sich um eine Chemikalie oder einen Naturstoff handelt. Aber wenn vier von zehn natürlichen Inhaltsstoffen eines Bioapfels oder einer Tasse Kaffee kanzerogen sind, dann spricht das nicht gegen den Biobauern oder Kaffeeröster sondern gegen die Aussagekraft der Tests. Deshalb genießen Tierversuche mehr Glaubwürdigkeit.

Aber auch sie sind nicht unfehlbar. Der amerikanische Krebsspezialist Bruce Ames, Erfinder des vorhin genannten Ames-Tests, vermeldet, dass von knapp 400 Stoffen, die an Nagern geprüft wurden, jeweils ein Viertel entweder nur bei der Maus oder nur bei der Ratte kanzerogen wirkte. Die Folge: Sie werden dennoch allesamt als krebserregend für den Menschen eingestuft. Sicher ist sicher. Allein bei Nagern gibt es Unterschiede in der Empfindlichkeit, die bis zu einem Faktor von 107 reichen. Die eine Art reagiert dann Zehnmillionen mal empfindlicher als die andere. Da kommt man ins Grübeln.

Dafür gönnen wir uns erst mal ein Tässchen Kaffee! Doch wie "gesund" mögen die Röststoffe sein? Verbranntes gilt ja als ungesund. Im Tierversuch erwiesen sich von 21 getesteten Stoffen stolze 16 als "krebserregend". Damit wäre Kaffee eine einzige Giftplörre. Kämen solche Ergebnisse bei Pestiziden oder Umweltgiften ans Licht, gäbe es einen Aufschrei und die Forderung nach einem rigorosen Verbot. Aber wie krebserregend ist der Kaffee nun für den Menschen? Um es rundheraus zu sagen: Gar nicht. Im Gegenteil, er schützt den Kaffeetrinker sogar vor Krebs in Leber, Galle und Prostata.

Nicht viel anders liegen die Daten beim Acrylamid. Was der Laborratte schadet, hat für den Menschen, der Acrylamid vespert wie Knäckebrot, Pflaumensaft, Oliven oder grünen Tee keine nachteiligen Folgen. Warum soll ein Stoff für Ratten krebserregend sein und für Menschen harmlos? Ganz einfach: Weil das Acrylamid erst von der Leber in das giftige Glycidamid umgewandelt werden muss. Und das passiert beim Nager, aber praktisch nicht beim Menschen.

Noch kurioser ist die Lage beim Methylimidazol, ebenfalls ein Röststoff. Auch der trägt heute das Etikett "kanzerogen". Im Tierversuch erhöhte er die Rate einer seltenen Krebsform – vermutlich reiner Zufall. Nun wäre diese Einstufung nicht weiter bemerkenswert, wenn das Methylimidazol die Krebsrate nicht insgesamt gesenkt hätte, Brustkrebs sank bei der höchsten Dosis sogar um den Faktor 25! Würde man das Ergebnis auf den Menschen übertragen, gäbe es keine bessere Prävention als 5 mal am Tag Toastbrot, Chips und Grillwürstchen. Dennoch wird der Schutzstoff als Kanzerogen eingestuft.

Und was soll dieser Unfug? Naja, die die Forscher brauchten halt Erfolge bei der Fahndung nach Krebsgiften. Trotzdem: Tierversuche geben wichtige Hinweise, sofern man die Physiologie und den evolutionären Hintergrund von Tier und Mensch berücksichtigt. Für den Menschen sind Stoffe, die beim Erhitzen seiner Speisen entstehen – völlig egal ob durch Backen, Kochen oder Frittieren – weit harmloser als für Versuchtiere.

Denn der Mensch hat sich im Verlaufe seiner Evolution das Feuer zu Nutze gemacht, um damit sein Essen zuzubereiten. Erst mit dem Feuer wurde aus dem rohköstelnden Affen ein richtiger Homo sapiens. Damit konnte, ja musste sich unser Stoffwechsel im Laufe von hundertTausenden von Jahren an Röststoffe anpassen - im Gegensatz zu Mäusen oder Ratten, die ja eher selten zündeln. Lassen Sie sich also Ihren Kaffee, Ihren Krustenbraten oder Ihre Pommes munden. Mahlzeit!

Literatur:
Ames BN: Ranking possible carcinogenic hazards. In: Glickman T, Gough M (Eds): Readings in Risk. Resources for the Future, Washington 1990; 76-92
Ames BN: Falsche Annahmen über die Zusammenhänge zwischen der Umweltverschmutzung und der Entstehung von Krebs. Angewandte Chemie 1990; 102: 1233-1246
Leberkrebs: cochrane-Quelle
Murray FJ: Does 4-methylimidazole have tumor preventive activity in the rat? Food & Chemical Toxicology 2011; 49: 320-322
Mizukami Y et al.: Analysis of Acrylamide in Green Tea by Gas Chromatography-Mass Spectrometry. Journal of Agricultural and Food Chemistry 2006; 54: 7370-7377
Rice JM: The carcinogenicity of acrylamide. Mutation Research 2005; 580: 3-20
Fuhr U et al: Toxicokinetics of acrylamide in humans after ingestion of a defined dose in a test meal to improve risk assessment for acrylamide carcinogenicity. Cancer Epidemiology, Biomarkers & Prevention 2006; 15: 266-271
Thulesius O, Waddell WJ: Human exposures to acrylamide are below the threshold for carcinogenesis. Human & Experimental Toxicology 2004; 23: 357-358
Wilson KM et al: Dietary acrylamide and cancer risk in humans: a review .Journal für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit 2006; 1: 19-27
Wilson KM: Coffee consumption and prostate cancer risk and progression in the Health Professionals Follow-up Study. Journal of the National Cancer Institute 20111/ epub ahead of print
Larsson SC, Wolk A: Coffee consumption and risk of liver cancer: a meta-analysis. Gastroenterology 2007; 132: 1740-1745

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