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Lesart / Archiv | Beitrag vom 03.10.2013

"Was passiert, wenn wir das Vertrauen in unser Geld verlieren?"

Frederick Taylor: "Inflation"

Rezensiert von Rolf Schneider

Berlin 1931: Die Menschen stehen Schlange, um ihr Geld abzuheben.
Berlin 1931: Die Menschen stehen Schlange, um ihr Geld abzuheben.

Der britische Historiker Frederick Taylor befasst sich hauptsächlich mit Deutschland, so auch in seinem neuen Band über Inflation. Kenntnisreich schreibt er über "das deutsche Trauma" und zieht auch immer wieder Vergleiche zur Gegenwart - eine anregende Lektüre.

Wer oder was profitiert eigentlich von jenem geldpolitischen Vorgang, den wir Inflation nennen?

"Durch fortgesetzte Inflation können Regierungen sich insgeheim und unbeachtet einen wesentlichen Teil des Vermögens ihrer Untertanen aneignen. Auf diese Weise konfiszieren sie nicht nur, sondern sie tun es auch willkürlich, und während viele arm werden, werden einige in der Tat reich. Der Anblick dieser willkürlichen Verschiebung des Reichtums vernichtet nicht nur die Sicherheit, sondern auch das Vertrauen auf die Gerechtigkeit der bestehenden Verteilung des Reichtums."

Dies schrieb der liberale britische Ökonom John Maynard Keynes. 1919 nahm er teil an Verhandlungen der Siegermächte im Ersten Weltkrieg, betreffend die Auflagen für das unterlegene Deutschland. Da er diese Auflagen als zu hart und in ihren Konsequenzen als beunruhigend empfand, zog er sich aus der britischen Delegation zurück und brachte seine alternativen Gedanken zu Papier. Die Verhandlungen gingen weiter. Sie führten zum Vertrag von Versailles, der sämtliche Negativerwartungen von Keynes erfüllte. Dass die Deutschen, falls sie gesiegt hätten, ihren Gegnern ganz ähnliche Lasten zugemutet hätten, ist inzwischen erwiesen.

Frederick Taylor - Inflation: Der Untergang des Geldes in der Weimarer Republik und die Geburt eines deutschen Traumas (Lesart) (Promo)Frederick Taylor - Inflation: Der Untergang des Geldes in der Weimarer Republik und die Geburt eines deutschen Traumas (Lesart) (Promo)Das Keynes-Zitat ist eines von fünf Motti, die Frederick Taylor seinem Buch über die Inflation in Deutschland vorangestellt hat. Deren Höhepunkt war der galoppierende Währungsverfall zwischen Sommer 1922 und Herbst 1923. Begonnen hatte die Geldentwertung bereits früher, nämlich 1914. Damals hob das Kaiserreich die bis dahin verbindliche Golddeckung der Mark-Währung auf, das Edelmetall wurde benötigt, um im Ausland kriegswichtige Waren zu kaufen. Zusätzlich nahm man Kredite auf, auch bei den USA, die erst 1917, provoziert durch deutsche U-Boot-Attacken, in den Krieg eintraten.

Frederick Taylor, 1947 geboren, ist ein britischer Historiker, dessen Veröffentlichungen sich fast ausschließlich mit Deutschland befassen. Er schrieb über das Bombardement Dresdens 1945, über die Berliner Mauer, über die Entnazifizierung, er hat die Tagebücher von Josef Goebbels ins Englische übersetzt. Seine Bücher erschienen auch hierzulande. Seine jüngste Veröffentlichung widmet sich, so der Untertitel, der "Geburt eines deutschen Traumas". Gelegentlich zieht er Vergleiche zur unmittelbaren Gegenwart.

"Nach sechzig Jahren politischer Stabilität und mehr oder weniger stetigem Wirtschaftswachstum wird das Nachkriegseuropa, einst ein solides Gebäude, nachgerade baufällig und steht vor einer Identitätskrise, die hässlich zu werden droht. Damit sind wir nach vielen Jahren wieder bei der Kernfrage angelangt, die wir längst für gelöst hielten: Was passiert, wenn wir das Vertrauen in unser Geld verlieren?"

Vertrauensverlust war eine der Ursachen für die rasante Geldentwertung 1922/23, die Zahlungsverpflichtungen des Reichs intern wie nach außen hin waren eine andere. Im Inland hatte der Staat ab Kriegsbeginn massenhaft Staatsanleihen ausgereicht, deren Summe sich im November 1918 auf mehr als 150 Milliarden Mark belief. Fünf Jahre später, im November 1923, als die neue Währung Rentenmark eingeführt wurde, schrumpften diese Milliardenschulden über Nacht auf 15,4 Pfennige.

Die Reparationsverpflichtungen aus dem Versailler Vertrags schrumpften nicht. Um ihnen nachzukommen, musste Deutschland neue Kredite aufnehmen, abermals von den USA. Die Gelder gingen vornehmlich nach Frankreich, das damit seine von den USA bezogenen Kriegskredite bediente. Vergleiche zu den EU-Rettungsaktionen für Griechenland bieten sich an.

In Taylors Buch finden sich eine Menge Fakten, die vergleichsweise wenig bekannt sind und die Lektüre anregend machen. Etwa dass die deutsche Geldentwertung 1920 vorübergehend zum Stillstand kam und sogar eine Wiederaufwertung begann. Dass es empfindliche Inflationsschübe ebenso in England und Frankreich gab. Dass die deutsche Arbeitslosenquote im Januar 1922 bei erstaunlichen 0,9 Prozent lag, während sie bei der Siegermacht Großbritannien 17 Prozent betrug.

Der relative Wirtschaftsaufschwung Deutschlands endete mit der französischen Ruhrbesetzung, mit der permanenten innenpolitischen Instabilität, mit der Ermordung des angesehenen Außenministers Rathenau. Die Arbeitslosenquote stieg auf ein Viertel der Beschäftigten. Waren wurden zurückgehalten oder waren häufig bloß noch auf dem Tauschweg oder gegen Devisen erhältlich. Die Mark verfiel zuletzt im Stundentakt. Taylor zitiert die hübsche Anekdote von einem Mann, der seine Riesenmenge Inflationsgeld in einem Korb bei sich trug. Den Korb stellte er ab, verlor ihn kurz aus dem Blick, hernach war der Korb gestohlen. Der Korb war gestohlen, die Geldscheine lagen auf der Straße.

Taylor erzählt mit vielerlei Beispielen, Zeugnissen und Porträts. Er erzählt es für ein britisches Publikum, dessen Interesse für Deutschland, wie man weiß, so gering ist wie die einschlägige Kenntnis. Entsprechend geht er vor.

"Dieses Buch handelt nicht von Ökonomie im engeren Sinn. Die Darstellung enthält zwar Elemente einer ökonomischen Erklärung, ohne die sie keine reale Grundlage hätte. Zugleich aber handelt sie von Krieg, Politik, Gier, Wut, Furcht, Trotz, Verlangen und dem Schlüsselelement Hoffnung."

Rekapituliert werden die Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs und der Kriegsverlauf. Taylor stellt die Akteure vor, erzählt von militärischem Zusammenbruch und Revolution, vom Kapp-Putsch, von der beginnenden Karriere Hitlers. Die Geldpolitik kommt da bloß gelegentlich oder überhaupt nicht vor. Den einigermaßen gebildeten deutschen Lesern, Zielgruppe der Übersetzung, sind diese Dinge vertraut. Bei Historikern wie Michael Stürmer, Heinrich August Winkler oder Hagen Schulze lesen sie darüber entschieden genauer. Die reichlichen zitierten Aufzeichnungen Sebastian Haffners und Harry Graf Kesslers kennen sie außerdem. Informativ wird für sie das Buch erst nach mehr als einem Drittel, wenn es um die wirtschaftspolitischen Einzelheiten geht.

Dem Autor wollen wir dergleichen nicht anlasten. Auch seine arg kritiklose Beurteilung Gustav Stresemanns habe er für sich. Taylor gehört zu der gar nicht so kleinen Riege angelsächsischer Historiker, die sich gründlich in die deutsche Geschichte vertiefen und manchmal, wie Gordon Craig, John Röhl oder Christopher Clark, zu den bemerkenswertesten Resultaten gelangen.

Frederick Taylor: Inflation
Der Untergang des Geldes in der Weimarer Republik und die Geburt eines deutschen Traumas

Siedler Verlag, München 2013
400 Seiten, 24,99 Euro

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