Seit 19:05 Uhr Oper
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 19:05 Uhr Oper
 
 

Fazit / Archiv | Beitrag vom 11.06.2012

Was noch gesagt werden muss

Podiumsdiskussion in Hamburg über Antisemitismus-Vorwürfe gegen Günter Grass

Von Verena Herb

Schrifsteller Günter Grass fühlt sich missverstanden, vorsätzlich missinterpretiert und als Antisemit verunglimpft.  (dapd / Sebastian Willnow)
Schrifsteller Günter Grass fühlt sich missverstanden, vorsätzlich missinterpretiert und als Antisemit verunglimpft. (dapd / Sebastian Willnow)

Als vor zwei Monaten Günter Grass Gedicht "Was gesagt werden muss" erschien, wurde ein Aufschrei der Empörung laut: Der Dichter bediene antisemitische Klischees, hieß es, andere nannten ihn einen Antisemiten. Das ging dem israelischen Historiker Moshe Zimmermann, dem PEN-Präsidenten Johanno Strasser sowie dem Pastor Ulrich Hentschel zu weit. Die drei analysierten Grass' Gedicht in der Katholischen Hamburger Akademie ausführlich.

Dass das Publikum in der Katholischen Akademie an diesem Abend größtenteils aus Damen und Herren jenseits der 60 besteht, mag sicherlich zum einen der europameisterlichen Fußball-Konkurrenz geschuldet sein. Sicherlich aber auch der Tatsache, dass so mancher glaubt: Die Debatte um das Grass-Gedicht "Was gesagt werden muss" sei abgeschlossen, warum rund zwei Monate danach noch einmal das Günter-Grass-Fass öffnen? Wurde nicht schon alles dazu gesagt – nur noch nicht von jedem?

Es mag gerade die zeitliche Distanz sein, die die Ausführungen des israelischen Historikers Moshe Zimmermann und des Präsidenten des deutschen P.E.N., dem Schriftsteller Johano Strasser sowie dem evangelischen Pastor Ulrich Hentschel umso hörens- und bedenkenswerter erscheinen lassen. Besonders Moshe Zimmermann und Ulrich Hentschel analysieren tatsächlich den Text, die einzelnen Worte des Grass-Gedichts selbst, ohne tiefer auf den politischen Inhalt Israel versus Iran einzugehen.

Und so erneuert Moshe Zimmermann seine Kritik an Günter Grass. Der Dichter habe genau gewusst, welche Wirkung er mit seinem Gedicht hervorrufen würde:

"In diesem Gedicht versucht der Dichter selbstverständlich bestimmte Assoziationen hervorzurufen, von denen er Bescheid weiß, dass sie vorprogrammiert sind."

Zimmermann, Direktor des Richard-Koebner-Zentrums für Deutsche Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem, erläutert, Grass benutze die Sprache, die typisch sei für jemanden, der mit seiner eigenen Vergangenheit von 1945 zurechtkommen wolle.

"Wenn man ein Wort wie Überlebende hier benutzt, assoziiert sich das auch mit etwas, was aus der Geschichte bekannt ist. Wenn ein Volk ausgelöscht werden sollte, sind wir bestimmt dort, wo man in Deutschland vor ´45 war. "

Ist Grass deshalb ein Antisemit? Sind in seinem Gedicht antisemitische Stereotype zu erkennen? Pastor Ulrich Hentschel, Leiter des Arbeitsbereichs Erinnerungskultur an der Evangelischen Akademie der Nordkirche in Hamburg, ist zumindest teilweise dieser Meinung:

"Dass er mit seinem Text, mit seinem Gedicht - wie immer man es bezeichnen möchte – antisemitische Klischees bedient und dass er das nicht unwissentlich getan hat, das habe ich bei Günter Grass immer gelernt und wahrgenommen, dass er seine Worte wohl wählt."

Dass Günter Grass seine Worte in der Regel wohl wählt, dem wird der Präsident des PEN Deutschland, Johano Strasser, kaum wiedersprechen können. Doch wehrt er sich gegen den Vorwurf, Günter Grass sei ein Antisemit. Der 73-Jährige warnt davor, den Vorwurf des Antisemitismus willkürlich einzustreuen. Antisemitismus sei Rassismus –

"... und ich halte es für eine Verharmlosung, dessen, was Antisemitismus ist - und den gibt es nach wie vor auch in Deutschland -, wenn man bei jeder Gelegenheit ruft: Antisemitismus. Ich glaube, dass man damit der Sache überhaupt nicht dient."

Zur Untermalung seiner Aussage zitiert Johano Strasser aus der "Berliner Erklärung zum Antisemitismusdiskurs", den die Historiker Wolfgang Benz und Reinhard Rürup, der Rabbi und Publizist Andreas Nachama sowie der Schriftsteller und Filmemacher Gerhard Schönberner vor knapp zwei Wochen veröffentlichten. Darin warnen die Autoren ebenfalls vor einer leichtfertigen Verwendung der Worte Antisemit und Antisemitismus, die inzwischen für alles und jedes als Pauschalvorwurf benutzt werden:

""Willkürliche Vergleiche mit Personen und Parolen werden immer wieder benutzt, um dem eigenen Standpunkt Nachdruck zu verleihen, und den Kontrahenten moralisch zu erledigen. Die Debatte verkommt zur Polemik. Argumente werden durch persönliche Diffamierung und Denunziation ersetzt..."

Und so erkennt Moshe Zimmermann in Günter Grass auch keinen rabiaten Antisemiten –

"Also es gibt hier nicht irgendwelche Aufrufe, die man klar, eindeutig als Antisemitismus im herkömmlichen Sinn bezeichnen kann. Aber die Assoziationen, die hervorgerufen werden beim Lesen dieses Gedichts, haben mit der Geschichte des Antisemitismus etwas zu tun. Ganz bestimmt mit der Geschichte der Beziehung zwischen Juden und Deutschen, zwischen Deutschland und Israel."

Und genau diese gemeinsame Geschichte führe dazu, dass Kritik am Staat Israel oftmals gleichgestellt wird mit Kritik an den Juden, was sogleich – unglücklicherweise - zu dem Vorwurf des Antisemitismus führt. Moshe Zimmermann nimmt auch in Hamburg kritisch Stellung zur Politik seiner Heimat:

"Israel ist nicht automatisch der Repräsentant der Juden. Der Anspruch auf Alleinvertretung der jüdischen Geschichte, des jüdischen Volkes oder der jüdischen Kollektividentität wurde erhoben von Seiten Israels. Und wurde auch so sehr häufig akzeptiert. Deshalb ist es sehr leicht, antiisraelische Haltungen und antisemitische Haltungen gleichzusetzen. "

Kritik an der israelischen Politik darf, muss sogar weiter geübt werden – und der Vorwurf des Antisemitismus darf nicht missbraucht werden, um Israel automatisch vor Kritik zu schützen. Doch Deutschland und die Deutschen müssten sich ihrer Historie erinnern, wenn sie das tun – davon ist Pastor Ulrich Hentschel nach wie vor überzeugt:

"Ich meine, dass wir im Kontext unseres Landes hier in Deutschland – und das gilt vermutlich für die meisten, die jetzt hier in diesem Saal versammelt sind, dass wir antisemitisch konnotiert sind. Und erzogen worden sind. Wir sollten uns daran erinnern. Bevor wir dann in eine Debatte und einen Streit gehen. "

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsWoody Allens Amazon-Debüt erntet Verrisse
Woody Allen als Schriftsteller Sidney J. Munsinger in seiner Amazon-Serie "Crisis in Six Scenes". (Amazon Studios 2016)

Woody Allens Sitcom "Crisis in Six Scenes" sei die erste Fernsehserie "nur für Senioren", urteilt Verena Lueken in ihrem Verriss für die FAZ. "Vorwärtsschleichend im Bewegungstempo eines Gletschers. Voller Witze mit langem Anlauf, Witzen auch, in denen Hörgeräte, Ersatzhüften, schlechte Augen und Vergesslichkeit weiten Raum einnehmen." Mehr

weitere Beiträge

Fazit

"Comeback" an der Staatsoper BerlinMit nicht nachlassendem Sog
Plakat zum 1929/30 gedrehten Film "Der blaue Engel" mit Marlene Dietrich und Emil Jannings (dpa / picture alliance / Nestor Bachmann)

Oscar Strasnoy erzählt in "Comeback" an der Staatsoper Berlin die Geschichten der Schauspieler Tilla Durieux und Emil Jannings, deren beider Karrieren durch das Dritte Reich eingeschränkt wurden. Eine gelungene Inszenierung, die das Publikum mit lang anhaltendem Applaus belohnte. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur