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Fazit / Archiv | Beitrag vom 16.05.2011

Was ist Glück, wie lange währt es?

Das 11. Kinder- und Jugendtheatertreffen in Berlin

Von Volker Trauth

Szene aus "Frühlings Erwachen" vom Theater Heidelberg (Markus Kaesler)
Szene aus "Frühlings Erwachen" vom Theater Heidelberg (Markus Kaesler)

Inszenierungen des Jugendtheaters unterscheiden sich nur wenig von denen des Erwachsenentheaters, sieht man von der Vermittlung des spezifischen jugendlichen Lebensgefühls ab. Im Kindertheater überwiegen kleine poetische Geschichten, die wie im Tautropfen die Welt erklären wollen.

Der 11.Durchgang des deutschlandweiten Kinder- und Jugendtheatertreffens ist von hoher Bandbreite im Thematischen und Formalen. Zu den von einer unabhängigen Gruppe von Kuratoren ermittelten zehn "bemerkenswerten" Inszenierungen kommen einige Veranstaltungsreihen hinzu. Internationale Koproduktionen werden vorgestellt sowie das Gemeinschaftsunternehmen vom Theater im Marienbad Freiburg und dem Iranischen Nationaltheater aus Teheran: ein Versuch, Motive aus dem persischen Epos "Schanameh" im Zusammenspiel unterschiedlicher theatralischer Mittel auf die Bühne zu bringen.

Vergleicht man die ausgewählten Inszenierungen des Kindertheaters mit denen des Jugendtheaters, fallen Unterschiede in mehrfacher Hinsicht auf. Im Kindertheater überwiegen kleine poetische Geschichten, die wie im Tautropfen die Welt erklären wollen. Ausgehend von diesen Geschichten geht es um große Dinge: Wem kann ich vertrauen, was bedeutet Freund sein, was ist Glück, wie lange währt es, wo kommen wir her, wie ist die Erde entstanden? Diese Frage stellt sich das Puppentheater Halle in seiner Inszenierung "Aller Anfang". In einer Mixtur verschiedener Genres und Theatertechniken, von Schauspielkunst, Schatten-und Objekttheater werden originelle Varianten der Schöpfungsgeschichte ins Spiel gebracht, die Geburt der Tiere beispielsweise mit Formungen einer Hand im Schattenriss anschaulich gemacht.

Inszenierungen des Jugendtheaters unterscheiden sich nur wenig von denen des Erwachsenentheaters, sieht man von der Vermittlung des spezifischen jugendlichen Lebensgefühls ab. Die Inszenierung von Nuran David Calis´ Fassung von Wedekinds "Frühlings Erwachen" durch das Kinder- und Jugendtheater aus Heidelberg ist in besonderer Weise durchlässig für heutige gesellschaftliche Verhältnisse. Eltern und Lehrer als Konfliktpartner der jugendlichen Protagonisten sind verschwunden, alles geschieht aus dem Blickwinkel der Jugendlichen; aus dem Austausch der Generationen wird ein ekstatischer schriller Protestschrei der Schüler, die ihre Welt nicht mehr verstehen.

Das Spiel beginnt mit einer im rasenden Tempo vorgetragenen Auseinandersetzung des Mädchens Wendla mit ihrer nicht vorhandenen Mutter. Die Protagonisten treten auf und setzen sich in Szene in den Formen heutiger Popgrößen wie Lady Gaga. Unübersehbar aber in dieser Inszenierung die wirkungssüchtige Suche nach dem Spektakulären, die in der Äußerlichkeit endet. Deutlich wird immer wieder der Versuch, Geschichten in unsere Gegenwart zu verlängern.

In besagter deutsch-iranischer Koproduktion ruft eine Schauspielerin in Teheran an und erkundigt sich nach dem Befinden ihres Mannes in Zeiten des Aufstands. Wir sehen auf der Leinwand Bilder von Demonstrationen in Teheran, und eine Beziehung stellt sich her zwischen den im persischen Epos beschriebenen Kreislauf der Gewalt und der Gegenwart. Eine direkte politische Aktion ist die Arbeit des Gripstheaters "SOS for Human Rights". Wir erleben den dramatischen Weg afrikanischer und asiatischer Jugendlicher hin zur rettenden Insel Lampedusa. Ihre Rettung aber erweist sich als Fata Morgana.

Ihren Wert gewinnt auch die Inszenierung von "Trollmanns Kampf" nicht in erster Linie aus dem Artifiziellen, sondern aus dem Authentischen. Auf der Bühne stehen cirka 20 junge Sinti aus Hannover und junge deutsche Schauspieler vom Staatsschauspiel. Die Sinti erinnern sich auf ganz unterschiedliche Weise an eine ihrer Identifikationsfiguren, den Boxer Rukeli Trollmann. Am Ende erscheint in leibhaftiger Gestalt der Enkel des Boxers und präsentiert den Meistergürtel von 1933, den die Nazis aberkannt und nun der Deutsche Boxverband wieder zuerkannt hat. Hier verschwinden die Grenzen zwischen Kunst und Politik.

Informationen des 11. Kinder- und Jugendtheatertreffens

Kulturpresseschau

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