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Kommentar / Archiv | Beitrag vom 09.02.2013

Was ist ein deutscher Doktortitel wert?

Der Fall Schavan und seine Folgen

Von Kate Maleike

Bildungsministerin Annette Schavan (CDU): Ihr höchster Abschluss ist das Abitur.  (picture alliance / dpa / Martin Schutt)
Bildungsministerin Annette Schavan (CDU): Ihr höchster Abschluss ist das Abitur. (picture alliance / dpa / Martin Schutt)

Die Aberkennung des Doktortitels von Annette Schavan ist ein weiterer Fall in einer unsäglichen Reihe. Das Vertrauen in die Wissenschaft und in deutsche Universitäten ist erschüttert. Die Hochschulen müssen etwas unternehmen - aber was?

"Natürlich gibt es Momente, in denen ich sage: In welchem Film bin ich hier überhaupt" – das waren die Worte von Annette Schavan in einem der wenigen Interviews, die sie zu den Plagiatsvorwürfen in den letzten Monaten gegeben hat.

Ja, genau Frau Schavan, in welchem Film sind wir hier überhaupt?! Das fragen sich auch viele andere in unserer Bildungsrepublik, denn die Affairen um die Doktorarbeiten hochrangiger Politiker haben inzwischen zweifellos Spuren hinterlassen und große Fragezeichen gleich mit. Wie viel ist denn noch faul und was ist ein Doktortitel eigentlich noch wert, wenn reihenweise Aberkennungen erfolgen? Der öffentliche Vertrauensverlust in die Wissenschaft, in die Entstehung von Doktorarbeiten, dürfte nicht zu unterschätzen sein.

Deshalb ist der Wissenschaftsbetrieb jetzt gefordert, er muss handeln und darf nicht zulassen, dass die "Promotion made in Germany" unter Generalverdacht gerät. Dafür leisten zu viele Doktoranden, Betreuer, Gutachter und Kommissionen redliche und hochwertige Arbeit und dürfen auf keinen Fall mit Plagiatoren und Pfuschern in einen Topf geworfen werden.

Aber wie stellt man es an? Soll jetzt jede Hochschule eine Clearing-Stelle einrichten, also eine zentrale Kontrollinstanz für wissenschaftliche Arbeiten, um Plagiate zu verhindern bzw. aufzudecken? Das wäre sinnvoll - meinen viele Experten. Doch käme das einer Selbstprüfung gleich, vor der viele Hochschulen zurückschrecken dürften. Schließlich sind Plagiatsfälle auch peinlich und eine Schlappe für die jeweilige Universität.

Sie muss sich unangenehme Fragen gefallen lassen, wie etwa: Wer hat die Doktorarbeit betreut und warum ist den Gutachtern das unkorrekte Arbeiten nicht aufgefallen? Liest der zweite Gutachter – zwei Gutachter sind der Regelfall – also, liest dieser wirklich die gesamte Dissertationsschrift nochmal durch oder reicht ihm die Beurteilung seines Vorgängers, um sich dem anzuschließen?

Hier stellt sich eine heikle Systemfrage, auf die es keine einfachen und schnellen Antworten gibt. Aber ausblenden und warten, bis sich der Trubel wieder gelegt hat, das wäre die falsche Reaktion. Gemeinschaftlich mit den Doktoranden für mehr Transparenz und Kontrolle zu sorgen schon die bessere. Wie wäre es, wenn grundsätzlich jeder Doktorand mit den Regeln für korrektes Arbeiten und Zitieren in seinem jeweiligen Fach vertraut gemacht würde und dies eidesstattlich bescheinigen müsste? Ebenso die Betreuer. So könnten Missverständnisse oder Informationsdefizite ausgeschlossen werden und auch Jahre später wäre dokumentiert, auf welcher Basis die Arbeit entstanden ist. Doktorandenvertreter wünschen sich das jedenfalls und fordern zudem eine bessere Betreuung durch die Hochschulen.

Die nämlich haben oft gar keinen Überblick darüber, wer auf ihrem Campus gerade einen Doktortitel anstrebt und bekommen so auch kaum mit, wenn eine Promotion abgebrochen wird. Was leider häufig der Fall ist, nach Aussagen des Doktorandennetzwerkes Thesis in über 60 Prozent der Fälle.

Trotz alledem, der Doktorgrad in Deutschland bleibt hoch im Kurs, im vergangenen Jahr gab es 27.000 neue Dissertationen. Ob es darin immer korrekt zuging, kann man natürlich nur erahnen. Ebenso wie es bei Hausarbeiten, Examen und Klausuren zugeht . Wer hier vorbeugen will, der muss wissenschaftliches korrektes Arbeiten bereits im Studium zum Thema machen, in Seminaren behandeln.

Wie nötig das ist, zeigt eine Studie der Universitäten Würzburg und Bielefeld. Abschreiben und Fälschen gehören demnach bereits ins Repertoire vieler Studenten. Fast jeder fünfte, heißt es, hat schon ein Plagiat abgegeben. Das Kopieren von Internet-Texten, das Verwenden ohne Zitathinweis hat Konjunktur und reicht sogar bis in die Schulen.

Machen wir uns nichts vor, technische Möglichkeiten schaffen auch solche Möglichkeiten. Negative Vorbilder sind da nur Wasser auf die Mühlen, die eh schon kräftig laufen. Natürlich, schummeln und abschreiben, das hat es immer gegeben und wird es immer geben. Wer täuschen will, findet einen Weg. Sauberes und korrektes Arbeiten sollte jedoch das attraktivere Ziel sein – für alle.

Während also Annette Schavan sich vermutlich gerade weiter fragt, in welchem Film sie ist, läuft im Internet die Suchmaschine – auf der Jagd nach dem nächsten Plagiat.

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