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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 18.06.2013

Was Deutschland von Obama lernen kann

Der US-Präsident demonstriert politische Führung

Von Günther Lachmann

US-Präsident Barack Obama (picture alliance / AP Images)
US-Präsident Barack Obama (picture alliance / AP Images)

Verantwortung übernehmen, Entscheidungen fällen - und dabei die Menschen mitnehmen: US-Präsident Obama ist jemand, der das kann. Deshalb werden die Deutschen ihm auch bei seinem heute beginnenden Berlin-Besuch wieder zujubeln. Für die deutschen Politiker sollte das ein Denkanstoß sein, meint der Journalist Günther Lachmann.

Wenn Barack Obama heute nach Berlin kommt, werden ihn die Bürger der Hauptstadt herzlich empfangen. Obwohl der US-Präsident längst nicht alle Erwartungen erfüllen konnte, genießt er in Deutschland eine Sympathie wie zuletzt vielleicht nur John F. Kennedy.

Wie groß die Begeisterung für ihn ist, belegten überdeutlich Umfragen anlässlich seiner Wiederwahl im vergangenen Jahr. Als er daheim durchaus um eine zweite Amtszeit zittern musste, gaben 87 Prozent der Deutschen an, sie würden Obama wählen, wenn sie denn könnten. Und 79 Prozent sagten, sie seien keineswegs von ihm enttäuscht, obwohl das Gefangenenlager Guantánamo noch nicht geschlossen und die Finanz- und Wirtschaftskrise nach wie vor ungelöst sei.

Was immer Kritiker als Ausweis einer schlechten Regierungsbilanz anführen, beeinflusst die deutsche Wahrnehmung des US-Präsidenten nicht. Seit seiner Rede im Jahr 2008 vor über 200.000 Menschen an der Berliner Siegessäule ist Obama für die Bundesbürger vor allem eines: das Versprechen eines anderen, eines guten Amerikas, das keine Kriege beginnt, sondern beendet.

Obama hat die USA stärker verändert als viele Präsidenten vor ihm

Obama holt die US-Truppen aus dem Irak und Afghanistan nach Hause. Er zieht Verhandlungen einer ausweglosen Konfrontation mit dem Iran und Nordkorea vor. Es fällt schwer, ihm vorzuwerfen, im Nahen Osten keinen Frieden geschaffen zu haben. Denn das ist bisher schließlich noch niemandem gelungen. Zweifellos musste Obama in den vergangenen Jahren Niederlagen einstecken. Seine größte ist vielleicht die gegen die Wall Street.

Aber er hat – gegen alle Kritik aus Israel und daheim aus den Reihen der Republikaner – in der Nahost-Politik einen neuen Akzent gesetzt. Er hat gegen eine beispiellose Kampagne, die auch vor übelsten Diffamierungen und sogar rassistischen Angriffen nicht zurückschreckte, sein größtes politisches Projekt umgesetzt: die Gesundheitsreform. Barack Obama wollte Amerika verändern. "Change" war der Slogan seines ersten Wahlkampfes. Mit der Gesundheitsreform hat er Amerika am Ende stärker verändert als viele Präsidenten vor ihm.

Was Obama ausmacht, ist seine Botschaft, für die er mutig eintritt. Und er ist bereit, für seine Ziele Verantwortung zu übernehmen. Das ist es wohl auch, was ihn bei den Deutschen so beliebt macht. Genau das ist es aber auch, was wir Deutschen von ihm lernen können. Wir sind das wirtschaftlich stärkste Land Europas. Und diese wirtschaftliche Potenz zwingt uns – gerade in Zeiten der Finanzkrise – zu einer besonderen politischen Verantwortung über die nationalen Grenzen hinaus.

Wir Deutsche sind uns unserer Rolle noch nicht sicher

Verantwortung zu übernehmen heißt, die Folgen des eigenen politischen Handelns zu bedenken. Das gilt für die drakonischen Sparprogramme in den Ländern Südeuropas ebenso wie für die Milliarden schweren Hilfspakte, die der Norden finanziert. Welche Belastungen sind den Bürgern zumutbar? Und welche ruinieren vielleicht das Haus Europa dauerhaft?

Wer solche Entscheidungen zu fällen hat, muss sich seiner selbst sicher und seiner Rolle in Europa und der Welt bewusst sein. Die USA sind es. Wir Deutschen sind es – noch – nicht. Wir wollen vor allem nicht gern die Bösen sein. Aber auch den US-Bürgern ist dieses politische Rollenverständnis nicht in die Wiege gelegt. Die amerikanische Nation muss es sich immer wieder neu erarbeiten.

Das ist Aufgabe der Politik. Dazu bedarf es Frauen und Männer an der Spitze des Staates, denen die Menschen vertrauen können. Sie müssen in der Lage sein, Menschen mitzunehmen. Barack Obama ist so einer. Einer, dem auch die Deutschen zujubeln.

Günther Lachmann (Marion Hunger)Günther Lachmann (Marion Hunger)Günther Lachmann, Jahrgang 1961, ist Journalist und Buchautor. Er arbeitet als verantwortlicher Redakteur für Politik bei der "Welt"-Gruppe. Im Piper-Verlag erschienen von ihm die Bücher "Tödliche Toleranz – Die Muslime und unsere offene Gesellschaft", "Von Not nach Elend – Eine Reise durch deutsche Landschaften und Geisterstädte von morgen" sowie die Biografie über die frühen Jahre Angela Merkels, "Das erste Leben der Angela M.", das er gemeinsam mit Ralf Georg Reuth schrieb.

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