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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 13.01.2013

Warum Pasta aus Italien bayerisch ist

Ministerin Aigner plant ein Heimatsiegel für Lebensmittel, das nicht so ganz schlüssig ist

Von Udo Pollmer

Pastateller: Hartweizen aus Italien wird bayerisch, wenn er in München zu Nudeln verarbeitet wird.
Pastateller: Hartweizen aus Italien wird bayerisch, wenn er in München zu Nudeln verarbeitet wird. (picture alliance / dpa)

Um den Absatz regionaler Produkte zu fördern, will Bundeslandwirtschaftsministerin Aigner das sogenannte Regionalfenster einführen - das ist ein Etikett, mit dem Produkte aus der "Heimat" gekennzeichnet werden. Nach dem, was bisher bekannt ist, kann eine Münchner Nudelfirma aber selbst Mittelitalien noch als regional deklarieren.

Frau Minister Aigner nutzt die Gunst der Stunde. Pünktlich zur Grünen Woche in Berlin will sie ihr jüngstes "Kind" präsentieren: Das Regionalfenster. Fürderhin soll dieses Fenster auf den Etiketten als neues Kennzeichnungselement für noch mehr Durchblick sorgen - ein "Heimatsiegel" für regionale Produkte.

Dabei gibt es längst in vielen Bundesländern staatliche Herkunfts- und Qualitäts-Siegel, wie in Bayern, Thüringen oder Baden-Württemberg. Wozu also noch ein Regional-Siegel für ganz Deutschland? So genau scheint das niemand zu wissen, aber Frau Aigner bekennt: "Regionale Produkte zu unterstützen, ist ein Schwerpunkt meiner Politik."

Das Ministerium gibt auf seiner Homepage Einblick in die Arbeit der bienenfleißigen Behörde: Zunächst hat sie ein "Forschungs- und Entwicklungsprojekt" finanziert, um dann ein "Prüf- und Sicherungssystem für die Nutzung der Regionalkennzeichnung" zu entwickeln. Nun soll das Projekt "unter wissenschaftlicher Begleitung" sogar in der Praxis erprobt werden. Es gibt ja so viel Regelungsbedarf. Zum Beispiel wie groß die Region sein darf: Das regionale Gebiet ist grenzüberschreitend, darf aber nicht größer sein als die Gesamtfläche Deutschlands. Angenommen eine Münchner Nudelfabrik will regionale Pasta verkaufen, bezieht ihren Hartweizen aber aus Italien. Dann ist Oberbayern über Tirol bis nach Mittelitalien flächenmäßig kleiner als Deutschland. So wird halb Europa eine deutsche Provinz im Sinne des Verbraucherschutzministeriums. Nur so als Beispiel für die grenzenlosen Möglichkeiten des Konzeptes.

Die bisher veröffentlichten Kriterien würden es erlauben, dass selbst Ware aus fernen Kontinenten noch als regionales Produkt vermarktet werden könnte. Brasilianisches Orangensaftkonzentrat, das wie bisher mit Leitungswasser verdünnt wird, wäre regional, da das heimische Wasser über die Hälfte des Produktes ausmacht. Ein Vorschlag zur Deklaration dieses exotischen Regionalsaftes: "In Hamburg auf Trinkstärke herabgesetzt." Auch die Verarbeitungsschritte sollen extra gekennzeichnet werden – damit man weiß, dass der Fisch – gefangen irgendwo in den Weiten der Weltmeere – auch tatsächlich in der Region Bremerhaven abgepackt wurde. Das schafft Vertrauen.

Das Regionalfenster wird nicht vom Ministerium betrieben, sondern nur finanziert. Die Durchführung obliegt einem Verein, genauer gesagt Personen, die selbst wirtschaftliche Interessen auf dem Lebensmittelmarkt wahrnehmen: Handelskonzerne wie Rewe oder Edeka, Hersteller und Bioverbände. Die machen nun die Regeln für den Markt. So hat der Handel einen weiteren Hebel, um Druck auf seine Lieferanten auszuüben. Und die beteiligten Hersteller können damit Wettbewerber auf Distanz halten. Hier wäscht eine Hand die andere. Und dafür gibt’s auch noch Seife vom Staat.

Auch das Prüf- und Sicherungssystem des Fensters ist nicht staatlich, sondern ein Verein – und der hat erst mal die Gardinen zugezogen. Immerhin ließ er verlauten, dass er die Verfahren für die bisherigen Siegel der Länder anerkennen will – dabei standen gerade die wegen mangelnder Nachvollziehbarkeit im Mittelpunkt heftiger Kritik. Ökotest sprach gar von einem "großen Schwindel". Genau diese Kritik hatte Ministerin Aigner übrigens zum Anlass genommen, das Regionalfenster zu lancieren. Der neue Prüfverein will durch Anerkennung fragwürdiger Siegel von anderen Prüfclubs nach eigenen Angaben natürlich nur Kosten sparen. Ein Schelm wer Böses dabei denkt.

Wenn Frau Aigner in ein paar Monaten wieder zurück in ihre bayerische Heimat geht, dann kann sie sich ja dort um die Regionalkultur des Fensterlns kümmern und Forschungsprojekte für bayerisches Brauchtum anschieben, undurchsichtige Prüfvereine gründen und jedem Burschen nach erfolgreichem Regionalfensterln im Umkreis von 500 Kilometern eine stärkende Brotzeit servieren lassen. So ließe sich auch der oft beschworenen Überalterung der Gesellschaft begegnen – durch (Er)zeugen regionalen Nachwuchses - mit einem Heimatsiegel verliehen von der bayerischen Familienministerin in spe, Frau Aigner. Mahlzeit!


Literatur.
- Ruppel U: Aigner: Heimatsiegel für Lebensmittel kommt. Berliner Zeitung vom 1. Januar 2013
- Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz: Regionalfenster: Kennzeichnung von regionalen Produkten. Pressemitteilungen auf der Homepage des Ministeriums
- Homepage des Vereins Regionalfenster.de: www.regionalfenster.de
- Pollmer U: Die Tücken der Ökobilanz – wie umweltfreundlich sind regionale Produkte? Radiofeuilleton Mahlzeit vom 29.1.2012 www.dradio.de/dkultur/sendungen/mahlzeit/1663496/