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Politisches Feuilleton

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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 26.06.2012

Warum Özil die Hymne nicht mitsingt

Fußball, Integration und Nationalgefühl

Von Martin Hyun

Der deutsche Nationalspieler Mesut Özil
Wenn die deutsche Nationalhymne ertönt, bleibt Spieler Mesut Özil stumm (picture alliance / dpa / Marcus Brandt)

Jeder wundert sich, warum ein Khedira, Özil oder Boateng bei der Nationalhymne im Fußballstadion nicht mitsingt. Dabei ist das gut nachvollziehbar. Denn sportliche Akzeptanz bedeutet in Deutschland noch keine gesellschaftliche Akzeptanz, meint Martin Hyun.

Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein. Doch egal wie glaubhaft ich versuche, dieses Bekenntnis rüberzubringen, halten es alle für einen dummen Aprilscherz. Wäre ich langschädelig, blond und hätte blaue Augen, würde mir rechtspopulistisches Gedankengut unterstellt. Doch wenn diese Worte aus dem Munde eines schwarzhaarigen, koreanischstämmigen mit Schlitzaugen kommen, dann nehmen diese Worte politische Neutralität an - wie die Schweiz.

Ich gehöre also zu jenen Migranten, die eine optisch erkennbare Zuwanderungsgeschichte vorweisen, und deshalb will man mir nicht glauben, mich nicht ernst nehmen. Meine Worte, meine Person werden unterschätzt. Und das obwohl ich den Einbürgerungstest mit null Fehlern bestanden habe und demnach ein Deutscher mit Bienchen sein müsste. Trotz der sechs Jahrzehnte nach dem verheerenden Weltkrieg ist ein gesunder Nationalstolz in Deutschland nicht möglich. Patriotismus auszudrücken, wird immer noch mit der dunklen Vergangenheit des Landes in Verbindung gebracht, der Shoah, der Ausgrenzung und Ermordung von Minderheiten.udem wird der Begriff von den rechtsextremistischen Organisationen missbraucht und so bleibt die negative Aufladung haften. Aber ich bin weder nationalistisch angehaucht noch ein Antisemit.

Und da kommen die Migranten ins Spiel. Denn Gastarbeiter und deren Kinder haben Nachkriegsgeschichte geschrieben, ebenso wie die deutsche Einheit. Beides gehört zum Konstrukt der deutschen Identität. Erst wenn wir als Gesellschaft soweit sind, dies anzuerkennen, mehr noch: den Migranten ihr Bekenntnis zu Deutschland als glaubhaft abzunehmen, aufhören ihre Loyalität zu bezweifeln, auch ihre Kritik aus Liebe zum Land akzeptieren, ohne wenn und aber, erst dann befreien wir uns von der Angst, in die rechte Ecke gedrängt zu werden. Doch davon sind wir noch weit entfernt.

Sportliche Akzeptanz bedeutet nicht gleich Inklusion

Jeder wundert sich, warum ein Khedira, Özil oder Boateng bei der Nationalhymne nicht mitsingt. Ich kann das gut nachvollziehen. Während meiner Zeit als Juniorennationalspieler Deutschlands war ich in ähnlicher Lage und auch ich blieb während der Hymne stumm. Sportliche Akzeptanz bedeutet nicht gleich gesellschaftliche Akzeptanz, geschweige denn Inklusion. Die Münder bleiben stumm, weil trotz des Bekenntnisses ein Einwanderungsland zu sein, sich die Gesellschaft immer noch schwer damit tut, sich mit Menschen wie meiner Wenigkeit zu identifizieren, klar und eindeutig zu bekennen, dass auch Migranten dazu gehören, egal aus welchen Schichten oder Wurzeln sie stammen.

Es erfordert eine neue Debatte darüber, wer oder was im 21. Jahrhundert, in einem multiethnischen Deutschland, einen Deutschen ausmacht. Nationalstolz benötigt eine nationale Identität. Die Fußballnationalmannschaft lebt es uns vor, von ihr können wir lernen. Als Multikultitruppe entwickelte sie neues Denken, eine andere Spielweise und schuf dadurch eine neue Identität. Das hat viele Migranten in diesem Land stolz gemacht. Die Kunst besteht darin, diese sportliche Seite in die Gesellschaft zu übertragen und diese neue Art das Spiel auszuüben, anzunehmen.

Fehlendes Lächeln im Gesicht

Was fehlt den Deutschen? Die Antwort ist einfach: ein Lächeln im Gesicht, das Vertrauen, die Courage zur Liebe und Nächstenliebe, die Lust zur Neugier, eine gesunde Portion Idealismus, das Aufeinanderzugehen - und der letzte Tick, das Begreifen, dass alle Bewohner dieses Landes aufeinander angewiesen sind.

Oder wie es Martin Luther King einst sagte: "Ich kann niemals so sein, wie ich eigentlich sein sollte, wenn du nicht bist, wie du sein solltest. Und umgekehrt ist es nicht anders." In diesem Zitat ist die Sehnsucht nach wirklicher Chancengleichheit, Teilhabe und Mitwirken an der Gesellschaft manifestiert, in der wir längst zuhause sind und doch muss das gemeinsame Ankommen erst noch erlernt werden.

Martin HyunMartin Hyun (privat)Martin Hyun, Politologe und Eishockey-Spieler, wurde 1979 in der nordrhein-westfälischen Samt- und Seidenstadt Krefeld geboren. Hyun ist Sohn koreanischer Gastarbeiter und studierte Politik sowie International Relations in den USA und Belgien. Er war der erste koreanischstämmige Bundesliga-Profi in der Deutschen Eishockey Liga sowie Junioren Nationalspieler Deutschlands. Seit 1993 ist er glücklicher deutscher Staatsbürger und lebt in Berlin.

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