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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.11.2006

Warum Luthers Bibel-Übersetzung unverständlich war

Peter Burke: "Wörter machen Leute", Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2006. 272 Seiten

Rezensiert von Jörg Plath

Die Geschichte der Sprache macht der Autor auch am Beispiel des Reformators deutlich.
Die Geschichte der Sprache macht der Autor auch am Beispiel des Reformators deutlich. (AP Archiv)

Die Sprache liegt heute jedem am Herzen. Die Rechtschreibreform wird so eifrig debattiert wie einst die Atomkraft, und die Allgegenwart von Anglizismen erregt viele Deutsche so heftig wie sonst nur noch das Wetter. Die Vorgeschichte dieser Aktualität betrachtet Peter Burke in seinem Buch "Wörter machen Leute". Er untersucht die sich wandelnden Beziehungen zwischen Sprachen und Gemeinschaften in Europa zwischen der Erfindung des Buchdrucks und der Französischen Revolution. Vor 1500 schrieb die Welt Latein, und 1789, so Burke, beginne die Politisierung der Volkssprachen durch ihre Verbindung mit der Idee der Nation.

Die 300 Jahre dazwischen sind durch den Niedergang des Lateins, das der katholischen Kirche und der Gelehrtenrepublik als lingua franca diente, und den Aufstieg der Volkssprachen charakterisiert. Die zuvor meist nur in mündlicher Form existierenden Volkssprachen entwickeln sich stark: Sie werden durch Wörterbücher, Grammatiken und Buchdrucker standardisiert. Lokale Varianten - in Italien etwa das Toskanische - oder eine Mischung von Dialekten werden zur allgemeinen Norm erklärt und durch Verwaltung, Buchdruck, Armee und Schule verbreitet.

Die Sprachen treten in Wettstreit miteinander, sie entlehnen einander Wörter und werden von einigen wieder gereinigt. Der in Cambridge lehrende Burke, einer der bedeutendsten Kulturhistoriker Europas, bietet das uferlose Thema leicht lesbar, mit ungemein vielen Zitaten und in einer erstaunlichen Breite dar. Von den 40 bis 70 Sprachen, die die 80 Millionen Europäer um 1500 sprachen, bleiben, so scheint es, nur wenige unerwähnt.

Dass Sprachen eine Gemeinschaft zum Ausdruck bringen und sie zugleich konstituieren helfen, ist eine der wenigen Thesen von Peter Burke. Die Aufsätze sind als Vorlesungen entstanden. Sie stellen die Forschungspositionen knapp, mit wenigen Fachtermini und stets relativierend dar: Burke lässt sich seine Gelassenheit durch nichts und niemanden nehmen. Bei ihm wirken selbst die Sprachstandardisierer und die Sprachreiniger, deren Argumente oft gar nicht harsch genug klingen konnten, recht entspannt, während notorischen Sprachmischern wie Martin Luther die Ehre schöner Zitate zuteil wird: "Bellum nimbt simpliciter als hin weg, was Got geben kan, religionem, politiam, coniugium, opes, dignitatem, studia, etc."

Das Buch ist eine Fundgrube. Staunend erfährt der Leser, dass das Toskanische, von den Medici und einzelnen Protagonisten als Standardsprache durchgesetzt, 1860, kurz vor Italiens Einigung, nur von 2,5 Prozent der Bevölkerung beherrscht wird. In Deutschland ist der sprachliche Flickenteppich zu Luthers Zeiten so kleinteilig, dass seine Bibel-Übersetzung weithin unverständlich ist. Und Englisch war damals unwichtig: Die Sprache importierte Wörter, statt sie wie heute zu exportieren. Es galt Wissensrückstände aufzuholen. Nur das Deutsche überflügelte das Englische bei den Entlehnungen.

Peter Burkes Leichtigkeit und Entspanntheit sind angesichts des einen weiten Horizont erfordernden Themas nicht genug zu bewundern. Dennoch erschöpft die Menge der vielsprachigen Zitate schon bald, weil diese mit Hilfe weniger ordnender Thesen bloß aneinandergereiht werden. Die sozialgeschichtlichen Phänomene der Sprachentwicklung werden nur knapp erwähnt: etwa, dass zur neuen, nachhumanistischen Wissensgemeinschaft auch die das Latein nicht beherrschenden Handwerker gehören, oder dass das Wachstum der Städte und ihre Anonymität die Bedeutung von Sprache und Kultur als Statusindikatoren steigen lässt. Unklar bleibt Burkes Hauptthese, wie genau Sprache und Gemeinschaft zusammenhängen: Mehrmals heißt es lediglich, bewusste und unbewusste Prozesse, Einzelkämpfer und Bewegungen würden zusammenwirken.

In einigen Imperien, so ist dem Buch zu entnehmen, steigen die Volkssprachen schon ab dem 9. Jahrhundert zur Schriftlichkeit auf, und ab 1100 werden Französisch und Spanisch zur Amtssprache. Wenn die historischen Prozesse teilweise so lange vor dem von Burke angesetzten Zeitraum 1500 bis 1789 beginnen, stellt sich die Frage, warum die Nation und damit die Politisierung der Sprachenfrage erst nach 1789 ins Spiel kommen soll. Zumal die Sprachreiniger in den Jahrhunderten zuvor andere Sprachen und Völker mit kräftigen Invektiven herabsetzen: Man solle doch das "normannische Joch" abschütteln, wandten sich Engländer gegen Entlehnungen aus dem Französischen. "Wörter machen Leute" lässt viele Fragen unbeantwortet.


Peter Burke: Wörter machen Leute. Gesellschaft und Sprachen im Europa der frühen Neuzeit
Aus dem Englischen von Mathias Wolf.
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2006, 272 Seiten, 24,50 Euro