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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.02.2008

Warum Geschichte keinen Sinn macht

Heinz Dieter Kittsteiner: "Weltgeist, Weltmarkt, Weltgericht". Fink Verlag, München 2007. 273 Seiten

Kittsteiner sieht Zivilisationsgeschichte in der Konkurrenz begründet an - ein Ziel hat sie gleichwohl nicht. (Stock.XCHNG / Joseph Zlomek)
Kittsteiner sieht Zivilisationsgeschichte in der Konkurrenz begründet an - ein Ziel hat sie gleichwohl nicht. (Stock.XCHNG / Joseph Zlomek)

Die Aufklärung wird gern als eine Epoche dargestellt, in der die Menschheit gelernt habe, ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen zu können und auch zu sollen. Tatsächlich kommt um 1780 der Gedanke auf, die Geschichte sei von sinnvollen Fortschritten bestimmt. Zugleich aber entstehen Theorien, die solche Fortschritte als das Resultat unabsichtlichen Handelns darstellen. Der Markt, sagt man in Großbritannien, als die moderne Wirtschaft auf Touren kommt, lässt aus schlimmen, egoistischen Absichten gute Folgen, nämlich Wohlstand hervorgehen.

Der Weltgeist, sagt man etwas später in Deutschland, als das historische Denken auf Touren kommt, setzt Vernunft in der Geschichte durch. Und noch Karl Marx, der im Weltgeist wieder den Markt, die Wirtschaft und den Kampf der ökonomischen Klassen entdeckt, stellt sich ein gutes, vernünftiges Ende der Weltgeschichte vor.

Heinz Dieter Kittsteiner, Professor für Neuere Geschichte an der Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder, ist seit 30 Jahren der beste lebende Kenner dieser Tradition geschichtsphilosophischen Denkens. Auch für ihn ist die Zivilisationsgeschichte eine Geschichte der Arbeit und Industrie, der Konkurrenz, der Warenproduktion und des Kampfes um Einkommensanteile. Doch dass dieser Geschichte ein Auge eingesetzt ist, dass sie auf ein, noch dazu moralisch schätzenswertes Ziel hinausläuft, das glaubt er nicht.

In seinem Buch versucht er stattdessen eine vollkommen illusionslose Darstellung aller Versuche, der Weltgeschichte Sinn abzugewinnen. Das hat er auch schon in anderen Büchern getan. Hier aber tut er es auf eine völlig singuläre und völlig verblüffende Weise. Sie macht das Buch zu einem abenteuerlichen Ritt durch Geistesgeschichte, Zeitungslektüre, Wirtschaftstheorie, Staatengeschichte, Klimawandel und Kulturkritik - gelehrt, witzig, schimpfend, parodistisch und philosophisch zugleich. Seine Materialien sind Theorien, Leitartikel, Comics, Arbeiterlieder, der Film "Pretty Woman", politische Manifeste sowie Autokataloge. Ein buntes Buch.

Zunächst erzählt Kittsteiner in ihm die Ideengeschichte der geschichtsphilosophischen Hoffnungen und Argumente nach. Besser kann man in dieses Gebiet nicht eingeführt werden. Adam Smith gegen Rousseau, Kant zwischen beiden, Hegel ganz bei Preußen, also nur halb bei der Wirtschaft und mehr beim Staat, Karl Marx ganz auf der Höhe der Wirtschaft, aber verstrickt in Probleme beim Umrechnen von Werten in Preise - wer das alles für schwere Kost hält, der lese es hier nach. So einen Professor möchte man gehabt haben!

Wie das Opium nach China kam, erfährt man bei Kittsteiner ebenso wie den Zusammenhang zwischen dem Aufschwung der europäischen Arbeiterbewegung um 1880 mit dem damaligen Imperialismus. Denn letztlich handelt er vom Aufstieg der alles umfassenden Macht des Weltmarktes, die - trotz John Maynard Keynes und der SPD, um die es auch geht - jeden Glauben an Vernunft in der Geschichte objektiv komisch aussehen lässt.

Und das Weltgericht, der Weltuntergang gar, die den dritten Teil des Buches ausmachen? Hier lässt Kittsteiner die Zügel los und sein Witz schießt quer durch die Landschaft. Das Weltgericht über Deutschland erzählt er anhand der Akten des Prozesses gegen Josef Ackermann, Klaus Zwickel ("das Würstchen") und die anderen Mannesmann-Aufsichtsräte als Schauspiel nach, das ein Land mit der "objektiven Gier" des Weltmarkts vertraut gemacht hat.

Anschließend entwickelt der Autor eine Soziologie des "Prolls" als der zeitgenössischen Nachfolgefigur von Bürger und Arbeiter, illustriert an den Besitzern von Geländewagen. Und zuletzt prüft er anhand einer Betrachtung aller politischen Kräfte in Deutschland, was man derzeit vom Staat erwarten darf. Wir verraten nicht zu viel, wenn wir sagen: Nichts.

Auf diese Weise mündet die Vorlesung über Geschichtsdenken in eine geschichtsphilosophische Polemik auf der Grundlage von Zeitungslektüre. Hier wird ein Stil gepflegt, der in Deutschland zuletzt um 1848 herum üblich war. Bestimmt werden Rezensenten kommen, die ihn unwissenschaftlich und undiszipliniert finden. Unakademisch ist er auf jeden Fall. Und zum Nachdenken geben diese gelehrten Tiraden und kulturgeschichtlichen Selbstgespräche am Stammtisch der Geschichtsphilosophie mehr Stoff als das allermeiste aus der seriösen Produktion unserer Universitäten.

Rezensiert von Jürgen Kaube


Heinz Dieter Kittsteiner: Weltgeist, Weltmarkt, Weltgericht
Fink Verlag, München 2007
273 Seiten. 29,90 Euro

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