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Politisches Feuilleton

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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 21.06.2012

Warum fragt mich niemand, woher ich komme?

Von Necla Kelek

Türkische und deutsche Fahnen hängen zwischen Häusern in Berlin.
Türkische und deutsche Fahnen hängen zwischen Häusern in Berlin. (AP)

Es sei nicht einfach, hierzulande heimisch zu werden - und das liege auch an den merkwürdigen Ängsten der Deutschen, meint die Autorin Necla Kelek im Rahmen unserer Reihe zum Nationalgefühl.

Wenn ich manchmal schnell spreche und man mich fragend ansieht, dann merke ich, dass ich auf Deutsch gedacht, aber Türkisch gesprochen habe. So geht es mir auch, wenn ich ein Buch lese. Oft weiß ich nicht: Lese ich gerade Deutsch oder Türkisch? Ich bin in beiden Sprachen Zuhause, wie ich Deutschland und die Türkei liebe und wie meine tscherkessische Tante in Anatolien mit ihren Kindern tscherkessisch spricht, aber die Türkei verteidigt. Mein Vater hat mir 1968 bereits in Istanbul einen Zettel mit der deutschen Nationalhymne in die Hand gedrückt und gesagt: "Wenn du die kannst, bist du drin in Deutschland!" Damals wollte sie aber niemand hören.

Was ist nötig, wenn man in einem Land ankommen und sich heimisch fühlen möchte? Zu allererst der Wille. Ich wollte ankommen, aber es wurde mir schwer gemacht, weil die Deutschen, die ich damals kannte (und manche von ihnen heute noch) ihr Land selbst nicht mögen.

Während die Konservativen die Gastarbeiterkinder nicht beachteten, sahen Gewerkschafter, die linken Studentenorganisatoren und die APO in uns natürliche Verbündete im Kampf gegen Kolonialismus und deutschen Nationalismus. Sie feierten in uns die PKK, Che Guevara und Al Fatah. Sie hielten die Freiheit, die ich persönlich mir so mühsam erkämpfte, für eine kleinbürgerliche Notwendigkeit: selbstverständlich, aber nicht systemrelevant. Sie identifizierten sich weder mit dem Land noch mit der Gesellschaft, sondern mit dem internationalen Proletariat.

Wie gesagt, es wird einem von manchen Deutschen schwer gemacht, sich mit diesem Land zu identifizieren. Vielleicht ist dies auch eine Antwort auf die Frage, warum es mit der Integration von manchen Zuwanderern so schwierig ist. Ich habe vor ein paar Tagen einen klugen Artikel des Pädagogen Eran Yardeni gelesen. Der stellt die Frage der Integration vom Kopf auf die Füße. Er schreibt: "Nicht die Sprache ist der Schlüssel zur Integration, sondern die Integration ist der Schlüssel zur Sprache." Will sagen: Nur wer in einem Land ankommen will, wer in und nicht von der Aufnahmegesellschaft leben will, wird sich um Verständigung und Spracherwerb bemühen. Wenn die Bereitschaft zur Integration und die Identifikation mit diesem Land tatsächlich ein Parameter für gelungenes Zusammenleben ist, dann sollten wir auch den Integrationsplan der Bundesregierung vom Kopf auf die Füße stellen.

Die Identitätskrise von Deutschen und Migranten treibt trotz nationalem Glücksgefühl beim Fußball seltsame Blüten. "Woher kommst du?" Diese harmlose Frage ist im Türkischen so gebräuchlich wie die Frage: "Wie geht’s?" Und doch: Wird sie von einem Deutschen gestellt, fühlt sich die Nobelpreisträgerin Herta Müller - wie sie in einem Essay schreibt - latent ausgegrenzt. Und manche Migrationsarbeiter halten diese Frage sogar für rassistisch. Sie hören richtig. Auch wenn sie den Namen Zaimoglu wie Zaimogglu aussprechen, also das türkische "g" nicht als stimmloses "h" erkennen, sind sie ein latenter Rassist. Ihnen fehlt der Respekt vor der fremden Kultur.

"Das ist Rassismus für mich", behauptet auch ein Berliner Projekt gegen Diskriminierung auf Postkarten und Plakaten, wenn man fragt: "Wo kommst du her?" Ich dagegen höre die Frage gern. Aber mich fragt niemand, woher ich komme.

Wie gern würde ich dann von unserem Dorf in Anatolien erzählen, wo jetzt noch Schnee auf den Bergen liegt und unten die Aprikosen reifen. Und wenn ich bald wieder dort bin, werde ich über Berlin berichten, wo auf der Fanmeile Hundertausende Mesut Özil zujubeln.

Ich muss mich von niemandem abgrenzen wie anscheinend die türkischstämmige Journalistin Mely Kiyak. Sie schreibt in einem wohl launig gemeinten Artikel: "In Deutschland wäscht man sich zu selten. Warum sonst riecht es in den öffentlichen Verkehrsmitteln so scheußlich? Wo doch ein Stück Seife wenige Cents kostet und wochenlang schäumt?" Das sind zwar Vorurteile pur, fast Rassismus, aber niemand protestiert, denn das kommt von einer Migrantin, einem vermeintlichen Opfer. Und wenn sich das Vorurteil gegen Deutsche richtet, fällt das hierzulande unter Toleranz.

Almanlari kim anliya bilir. Verstehe einer die Deutschen.


Necla Kelek, Soziologin und PublizistinNecla Kelek, Soziologin und Publizistin (WDR)Necla Kelek, geboren 1957 in Istanbul, kam mit zehn Jahren nach Deutschland und hat in Hamburg und Greifswald Volkswirtschaft und Soziologie studiert und über das Thema »Islam im Alltag« promoviert. 2005 bis 2009 ständiges Mitglied der Deutschen Islam-Konferenz. Mitglied des Senats der Deutschen Nationalstiftung. Kelek lebt und arbeitet als freie Autorin in Berlin.

Bücher: "Islam im Alltag" (2002), "Die fremde Braut" (2005), "Verlorene Söhne" (2006), "Bittersüße Heimat" (2008), "Himmelsreise" (2010), "Chaos der Kulturen" (2012). Das Buch "Hurriya heißt Freiheit - Die Revolte der arabischen Frauen" erscheint im September 2012.