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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 22.11.2012

Warum England in der EU bleiben sollte

Ein Plädoyer gegen die Europafeindlichkeit in Großbritannien

Von Anthony Glees

Viele Briten wollen raus aus der EU.
Viele Briten wollen raus aus der EU. (AP Archiv)

Bei vielen Engländern herrscht eine tiefe Skepsis gegenüber Europa. Doch ein Verlust der EU-Mitgliedschaft wäre ein schwerer Schlag für Großbritannien, meint der Politologe Anthony Glees. Denn politisch würde es um die Insel dann ziemlich einsam werden.

Genau vor vierzig Jahren, am 26. Oktober 1972, unterschrieb die Queen das Gesetz, das die Mitgliedschaft des Vereinigten Königreiches in der Europäischen Gemeinschaft ratifizierte. Der Jahrestag blieb unkommentiert. Es zu feiern, daran dachte kein Mensch.

Für niemanden ist die EU heute das, was sie erhofften, auch nicht für die Deutschen. Sie wollten ein europäisches Deutschland, damit keiner sagen könnte, es gäbe ein deutsches Europa. Gerade das ist aber jetzt oft zu hören - und nicht nur von Griechen.

Die britischen Medien sind seit Jahren fast einstimmig europafeindlich. In der konservativen Regierungspartei haben sich 100 Abgeordnete bestens organisiert - bereit, der eigenen Regierung Niederlagen wegen der EU zu bescheren. Sie forderten Kürzungen im Europahaushalt und setzten sich durch. London legte in Brüssel sein Veto ein.

Die Entfremdung der Briten hat ja nicht nur mit der jetzigen wirtschaftlichen Misere zu tun. Denn die EU-Mitgliedschaft hat das Vereinigte Königreich so tiefgreifend verändert, dass es in zwei Jahren vielleicht nicht mehr vereinigt sein wird. Von Westminster aus hat sich die Macht nicht nur nach Brüssel, sondern auch nach Edinburgh, Cardiff und Belfast verschoben, regionalisiert nach Schottland, Wales und Nordirland hin.

Die Schotten wollen in einem Referendum entscheiden, ob sie sich von Großbritannien lösen werden. In der Europäischen Union würden sie gern bleiben, müssten aber einen Neuantrag stellen. Weshalb Europa-Skeptiker die Chance sehen, dass England automatisch die EU los wäre, sobald die Schotten gehen.

Letzte Woche sagte Bundeskanzlerin Merkel in London, sie wolle ein starkes Großbritannien in der EU. Und auch der polnische Außenminister Sikorski schrieb kürzlich, dass die Stimme Großbritanniens in Europa unentbehrlich sei. Was wäre also die bessere Lösung für die Probleme des Kontinents: Frau Merkels 'Mehr Europa' oder Premier Camerons 'Weniger Europa'?

Außenminister Hague setzt sich dafür ein, die Rolle Großbritanniens – oder auch nur Englands - in der Europäischen Union neu zu verhandeln. Jedoch: Wie auch immer diese Verhandlungen ausgehen mögen, derzeit scheint es nicht vorstellbar, dass die Briten dem Ergebnis in einem Volksentscheid zustimmen würden. Die Entfremdung von der EU ist zu weit gegangen. In einer Demokratie kann man auf Dauer nicht gegen die öffentliche Meinung Politik machen.

Für das Vereinigte Königreich wäre der Verlust unserer Mitgliedschaft der schwerste Schlag seit 1940. Mehr als 40 Jahre intensive politische, diplomatische und wirtschaftliche Arbeit würden damit vernichtet. Wir Briten – besser wir Engländer, denn die Schotten wollen ja bleiben – hätten dann weder auf dem Kontinent noch auf der Insel einen Partner. Es würde politisch einsam um uns werden.

George Brown, britischer Außenminister in den 60er-Jahren, soll einst zu Willy Brandt gesagt haben: "Ihr müsst uns in Europa reinlassen, damit wir die Führungsrolle übernehmen." Vom Führen der Briten seit 1972 jedoch kann keine Rede sein. Und wenn, dann führte Großbritannien heute zum Ausgangstor.

Der britische Politikwissenschaftler Anthony GleesDer britische Politikwissenschaftler Anthony Glees (June Costard)Anthony Glees, geboren 1948 in Oxford, ist Professor für Politikwissenschafen an der Universität Buckingham. Er studierte in Oxford, Bonn und Göttingen, lehrte ebenfalls in Oxford, aber auch in Warwick und Brunel, beschäftigt sich wissenschaftlich mit den britisch-deutschen Beziehungen, der Europapolitik und nationalen Sicherheitsfragen (Terrorgefahren, Geheimdienstarbeit), und schrieb sechs Bücher sowie Artikel für Zeitungen und Hörfunk.