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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 24.10.2012

Warum die Griechen zeitgemäß sind

Ein etwas anderer Blick auf die Krise in Hellas

Von Stefan Berkholz

Die Griechen unserer Tage sind also längst nicht mehr vorbildlich. Sie sind ganz einfach zeitgemäß. (AP / Thanassis Stavrakis)
Die Griechen unserer Tage sind also längst nicht mehr vorbildlich. Sie sind ganz einfach zeitgemäß. (AP / Thanassis Stavrakis)

Was im Südosten Europas geschieht, mag unverständlich erscheinen - und ist doch einfach zu verstehen, meint der Publizist Stefan Berkholz. Erst waren die Griechen ein Vorbild, später nahmen sich die Hellenen an der Raffgier der europäischen Nachbarn ein Beispiel.

Ja, die Geschichte, sagen die einen. Griechenland war schließlich ewig besetzt, vierhundert Jahre von den Osmanen, später kamen die Deutschen, die Briten, die Amerikaner, ein Bürgerkrieg noch dazu, und die Militärdiktatur ist ja auch erst seit knapp vierzig Jahren überwunden.

Kein Wunder, dass sich da manches eingeschlichen hat, was in demokratischen Strukturen nichts zu suchen hat: etwa die Korruption, das nicht funktionierende Steuersystem, der Klientelismus, die Günstlingswirtschaft also, die Abneigung gegen den Staat. Diese Abneigung allerdings gilt auch nur dann, wenn etwas abgegeben werden soll, wenn Vorschriften eingehalten oder Anordnungen hingenommen werden sollen.

Ansonsten? Gilt der Staat als Versorger. Der Staat soll es richten. Doch der Staat hat das Land zugrunde gerichtet. Das, was in den letzten dreißig Jahren in Griechenland passiert sei, sei ganz einfach kriminell, sagt der griechische Kriminalschriftsteller Petros Markaris. Und er meint damit die Selbstbedienungsmentalität der politischen Klasse und die Habgier ihrer Profiteure.

Nur: Warum lässt das Volk sich das bieten? Andererseits: Ist nicht mittlerweile fast die gesamte westliche Welt bis über beide Ohren verschuldet und sucht verzweifelt nach Auswegen aus der selbst verschuldeten Misere? Haben wir nicht alle gewaltig über unsere Verhältnisse gelebt? "Hellas sei Dank!", trompetet da der Althistoriker Karl-Wilhelm Weeber und legt in einer umfassenden Studie "eine historische Abrechnung" vor.

Europa schuldet den Griechen und das nicht zu knapp, behauptet der Akademiker. Denn die Hellenen brachten uns die Demokratie und die Olympischen Spiele; sie lehrten uns Philosophie und schenkten uns Dichtkunst; sie bescherten uns mit der Kunst der Rede und mit Heilmethoden, ja sogar dem Wissen über Liebe und Erotik.

Reichen diese Errungenschaften aus grauer Vorzeit, um über Steuerhinterziehung, Korruption im großen Stil und eine jahrzehntelange Misswirtschaft in der jüngeren Vergangenheit mit einem Schulterzucken zur Tagesordnung überzugehen?

Wie erklärt sich beispielsweise jenes seltsame Phänomen, das vor ein paar Wochen aufhorchen ließ? Auf der Prominenteninsel Hydra ging eine aufgebrachte Menschenmenge auf die Barrikaden, als Steuerfahnder einen Restaurantbesitzer der Justiz übergeben wollten, weil dieser keine Quittungen ausgestellt hatte.

Nein, das sollte und durfte nicht sein, und so schützte eine Menge einen von jenen, die für den Bankrott Griechenlands verantwortlich sind, einen Steuerhinterzieher. Ein Betrüger am Gemeinwohl also wurde in Schutz genommen. Kann man das noch verstehen?

Griechen sind ein Rätsel, sich selbst wohl auch. Der Philosoph Nikos Dimou schrieb seinen Landsleuten bereits vor 37 Jahren ins Stammbuch: Ein Grieche tue alles, was er könne, um die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit zu vergrößern.

Die Verführungskraft des Geldes ist das eine, der Profit als Kehrseite der Schulden das andere. Doch solange eine Gesellschaft den Nutznießern nicht die Kanäle kappt, solange wird das Gemeinwesen weiter austrocknen. Ist das so schwer zu verstehen? Oder sind Griechen etwa gar nur ein besonders auffälliges Abbild unserer zunehmend auf Raffgier und der Suche nach Sündenböcken gepolten Zivilisation? Warum sollte die "Leitkultur der Verschwendung", wie es der Sozialpsychologe Harald Welzer genannt hat, ausgerechnet in Griechenland nicht viele Befürworter finden.

Und dann vernimmt man, dass die außer Landes geschafften Milliarden bequem ausreichen würden, um Griechenland zu sanieren. So schließt sich ein Kreis, der in Mitteleuropa, genauer: in der Schweiz endet. Die Griechen unserer Tage sind also längst nicht mehr vorbildlich. Sie sind ganz einfach zeitgemäß.

Stefan Berkholz (privat)Stefan Berkholz (privat)Stefan Berkholz, Publizist, geboren 1955 in Berlin, Autor von Hörfunkfeatures, Kulturberichterstattung und Rezensionen für den ARD-Hörfunk, Beiträge für "Die Zeit" und "Der Tagesspiegel", Buchautor und Griechenlandreisender.

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