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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 12.02.2013

Warten auf die Katastrophe

Nick Dybek: "Der Himmel über Green Harbour", Mare Verlag, Hamburg 2012, 320 Seiten, 19,90 Euro

Junaeu, die Hauptstadt von Alaska
Junaeu, die Hauptstadt von Alaska (dpa/Hinrich Bäsemann)

Wie immer im Herbst brechen die Männer zum Krabbenfang nach Alaska auf. Doch dann stirbt der Flottenbesitzer. Wer kann ihn beerben? Dieser Roman über Väter und Söhne, das Ende einer Kindheit, über Verantwortung und Loyalität wurde von der amerikanischen Presse stürmisch gefeiert.

Ein starkes Debüt. Eine spannende Erzählung über Schuld, Gewissen und Verantwortung, zugleich ein Buch über die poetische Kraft von Bildern. Ein Text wie ein Film, der Szenen regelrecht ausleuchtet und seine Dialoge mit einem Soundtrack unterlegt. Musik spielt, wie auch das Kino, eine wichtige Rolle. Die Songs kommen meist aus einem Kellerstudio. Das birgt allerdings auch Geheimnisse.

Dabei soll in der kleinen Fischergemeinde Loyalty Island alles am besten so bleiben wie es ist. Das klingt nach verschworener Gemeinschaft, Tradition und nicht gestellten Fragen. Vor allem sind es die vielen Geschichten, die man sich erzählt, die Loyalty Island zusammenhalten. Die unerhörteste von ihnen trug sich zu, als der alte John Gaunt, der mehr oder weniger alles hier besessen hatte, starb und sein Sohn Richard ihn beerbte.

Wie immer im Herbst brechen die Männer auch in jenem Jahr zum Krabbenfang nach Alaska auf. Zurück bleiben die Frauen, die alle auf eigenartige Weise Schaden an der Seele genommen zu haben scheinen, die Krüppel, die der Kampf gegen die Elemente hervorbringt, und die Kinder. Zu denen gehören Cal und Jamie mit ihren vierzehn Jahren gerade noch. Nach diesem Winter werden sie erwachsen sein. Denn diesmal haben die Väter nicht alle düsteren Geheimnisse mitgenommen ins sagenumwobene Alaska, von dem es heißt, es ist "kein Ort. Es hört nie auf. Es ist einfach nur endlos." Geschichten über Alaska, so scheint es, sind wie Geschichten über Moral und Verantwortung: "unbegreiflich und entsetzlich".

Nick Dybek, Jahrgang 1980, erzählt versiert und eigenwillig, indem er Bilder beschwört. Es verbietet sich, zu viel von der spannenden Handlung preis zu geben, die zahlreiche überraschende Wendungen bereit hält, sich fast schleichend fortentwickelt, unvorhersehbar, bis sie schließlich monströs wird und unglaublich. Glaubwürdigkeit aber ist hier weniger eine Frage der Psychologie oder der Logik als eine der Überzeugungskraft von Bildern.

"Wenn sich Familien auflösen, passiert dasselbe mit ihren Geschichten", schreibt Cal, während er rückblickend versucht zu verstehen, warum er in jenem dramatischen Winter gehandelt hat, wie er gehandelt hat. Seine Einsichten in das Wesen der Erwachsenen und das der Welt sind niederschmetternd: "Ich hätte wissen müssen, dass jedem Geheimnis allein dies zugrunde liegt: dass nämlich Menschen anderen Menschen unaussprechliches Leid zufügen."

Das ergibt sich alles erstaunlich unaufdringlich, ohne großes Pathos, nahezu wie selbstverständlich. Das Unausweichliche ist Triebkraft und Thema dieses Romans. Und das Unausweichliche folgt keiner Logik, es folgt einer Dramaturgie. Es wirkt schon fast lakonisch, wie sich diese Erzählung ihren Katastrophen annähert: "Er wehrte sich dagegen, das einzig Vernünftige zu tun - so wie man sich dagegen wehrt, aus einem interessanten Albtraum zu erwachen." Am Ende steht die Sehnsucht, jemandem nah zu sein "ohne die Last eines Geheimnisses". Aber das scheint es nicht zu geben. Zumindest nicht auf Loyalty Island.

Besprochen von Hans von Trotha

Nick Dybek: Der Himmel über Green Harbour
Aus dem Amerikanischen von Frank Fingerhuth
Mare Verlag, Hamburg 2012
320 Seiten, 19,90 Euro