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Fazit | Beitrag vom 22.01.2016

"Warten auf die Barbaren" von J.M. CoetzeeNeuer Versuch mit dem Folter-Roman

Von Michael Laages

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Demonstranten in Johannesburg, die Plakate mit Folter-Opfern hochhalten (picture alliance / dpa / epa Kim Ludbrook)
Demonstranten in Johannesburg, die Plakate mit Folter-Opfern hochhalten (picture alliance / dpa / epa Kim Ludbrook)

In der Inszenierung des Folter-Romans "Warten auf die Barbaren" des südafrikanischen Schriftstellers J.M. Coetzee bemüht sich die polnische Regisseurin Maja Kleczewska um eine Art Gleichgewicht zwischen realem Schock und Abstraktion. Allerdings bleibt das Ensemble am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg merkwürdig unterspannt und kühl.

Als der Roman 1980 erschien, war völlig klar, worum es ging in "Warten auf die Barbaren" vom südafrikanischen Schriftsteller John Maxwell Coetzee – da wartete die weiße Herrenrasse von Coetzees Heimatland auf die schwarzen "Barbaren", die das Land der Mütter und Väter zurück erobern wollten. Ein Lokal-Politiker in einer Grenz-Gemeinde entdeckt im Augenblick der Krise die Wahrheit – mit immer radikaleren Folter-Methoden versuchen sich um seine private Idylle herum die Soldaten der weißen Herrscher der Bedrohung zu erwehren, die überall lauert. Und ohne dass er das will, wird der Politiker in die Schlacht gezogen – bekundet zunächst im kleinen Kreise die eigene oppositionelle Haltung, lässt dann eine gefolterte Gefangene zunächst aus Mitleid im eigenen Haus arbeiten, um sie dann zurück zu ihrem Volk zu bringen. Er wird für diesen Hochverrat peinigenden Verhören durch die Staatssicherheit unterzogen und selber beinahe bis zum Tode gefoltert; überlebt aber, weil die "Barbaren" wirklich kommen und die Macht zusammenbricht. In Südafrika war es 14 Jahre nach dem Roman soweit.

Der Musiker Blixa Bargeld hatte vor ziemlich genau zehn Jahren eine Spielfassung des Romans erstellt für die Salzburger Festspiele – als Solo mit Stimmen aus dem "off". Thomas Thieme zeigte den selbstquälerischen Monolog auch damals als Gastspiel im Malersaal vom Hamburger Schauspielhaus. Die polnische Regisseurin Maja Kleczewska will beim neuen Versuch jetzt auch das Personal zeigen, dass die Passionsgeschichte des Politikers umgibt: den coolen Folter-General, den grenzdebilen Offizier, das leidend-unterwürfige Folter-Opfer und die ahnungslose Freundin. Deren Darstellerin wird später auch die Verhöre führen gegen den Hochverräter, etwa so "kafkaesk", wie Coetzees Roman insgesamt häufig eingeschätzt worden ist.

Unerwartet optimistisches Finale

Um das karg möblierte Zimmer mit dem blutroten Fußboden herum hängen edle blaue Vorhänge. Die fallen, und der Raum verwandelt sich zum Folterkeller, mit Videos von prügelndem Militär, einem Haufen schwarzem Sand rechts hinten, in dem der Politiker fast lebendig begraben wird, und Ketten, die von der Decke herab gelassen werden, um ihn kurz vor Schluss kopfüber daran aufzuhängen.

Nur für kurze Momente zwingt die Regisseurin aktuelle Assoziationen herbei – zu Abu Ghuraib und Guantanamo, den Folter-Sündenfällen der amerikanischen Weltpolizei, aber auch zu heimischen Gedankenspielen über die Nützlichkeit von Folter im Ernstfall, bei Kindesentführungen etwa oder bei der Jagd auf Terroristen … ein ziemlich geschmackloser Anmacher wie von der Reeperbahn provoziert diesen Diskurs kurz vor Schluss, zeigt uns auch, wie "Water Boarding" wirklich geht – und lächelt wölfisch dazu mit einem Gebiss aus Silberstahl. Zwei Prozent der Bevölkerung auch in Deutschland, so zitiert er eine Studie, hätten durchaus das Zeug zum Folterer …

All das macht natürlich gar keinen Spaß, zu spielen nicht und auch nicht anzusehen. Merkwürdig unterspannt und kühl bleibt das Ensemble neben Markus John in der zentralen Partie. Und ob das polnische Regie-Team wirklich rundum harmonierte mit allen und jedem, ist durchaus nicht klar. Maja Kleczewska, einst Assistentin des europaweit erfolgreichen Krakauer Kollegen Krzysztof Warlikowski, bemüht sich um eine Art Gleichgewicht zwischen realem Schock und Abstraktion. Eine Mutter Gottes verkündet das Ende mit Schrecken, und dazu sausen ein Dutzend Kinder herein, farbig und nach Herkunftsländern bunt gemischt, und spielen Fangen oder Fußball, lassen Polizei-Autos per Fernbedienung über den Boden flitzen und Spielzeug-Helikopter gen Bühnenhimmel aufsteigen.

Viel Optimismus steckt in diesem Finale. Der war zuvor kaum zu ahnen in der harten Arbeit (auch für's Publikum) mit diesem schmerzhaften Text.

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