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Filme der Woche / Archiv | Beitrag vom 20.10.2010

"Wall Street - Geld schläft nicht"

Ein properer Fortsetzungsstreich

Gesehen von Hans-Ulrich Pönack

Der Börsen-Hai Gordon Gekko ist wieder da - als alter Zausel, der es noch einmal allen zeigen will. Angesichts der globalen Finanzkrise hätte der Film aber durchaus härter, zynischer und politischer ausfallen dürfen.

Er ist 64 Jahre alt, wurde bislang insgesamt elfmal für den "Oscar" nominiert, ist dreifacher "Oscar"-Preisträger, zweimal als Regisseur ("Platoon"/1986; "Geboren am 4. Juli"/1989), einmal als Drehbuch-Autor ("12 Uhr nachts – Midnight Express"/1978).

Oliver Stone ist das bessere politische Gewissen Hollywoods. Weil er es immer wieder geschickt, wuchtig und explosiv verstanden hat, US-Verhältnisse und heimatliche "Zustände" politkritisch wie unterhaltsam-kontrovers anzuprangern.

Mit Werken wie "J.F.K. – Tatort Dallas" (1991); "Natural Born Killers" zum Thema Gewalt (1994); "Nixon – Der Untergang eines Präsidenten" (1995) und zuletzt mit dem kantigen Schnellschuss "W. – Ein missverstandenes Leben" über den Kriegs-"Präsi" Bush Junior.

Vor 23 Jahren, 1987, setzte Oliver Stone, als Mit-Drehbuch-Autor und Regisseur, einen faszinierenden Kotzbrocken in die Welt: Gordon Gekko. In dem Film "Wall Street". Gekko war ein übler, smarter Finanzhai und Dollar-Player ohne Gewissen. Der ununterbrochen kaufte, verkaufte, ständig profitabel unterwegs war und den gigantischen Erfolg sowie seine Macht – auf Kosten von vielen (Menschen wie Arbeitsplätzen) – sichtlich genoss.

"Wall Street" beschrieb die damals aufkommende Raubritter-Mentalität der 80er-Reagan/Thatcher-Jahre. Durch Banker und Aufkäufer. Als gnadenlose Profitgeier. Seltsamerweise, oder auch nicht, wurde ein Gordon Gekko nicht verdammt, sondern "kultig". Als Ikone. Entwickelte sich zu einer Figur, die nie ganz aus dem Bewusstsein der Kultur verschwand.

Auch durch diese unvergessen gebliebenen, heftigen wie legendären Gekko-Anreden, Sprüche, Alibi-Salven wie "Gier ist gut und richtig. Gier funktioniert. / Gier ist gut für die USA! / Die Gier klärt die Dinge, durchdringt sie und ist der Kern jeden fortschrittlichen Geistes. / Geld schläft nicht. / Ich erschaffe nichts, ich besitze. / Eine freie Marktwirtschaft ist keine Demokratie!"

Als die exzessive Show vorbei war, musste Gordon Gekko in den Knast. Man kann vermuten, dass er darüber weniger sauer war als über die Tatsache, dass er sich bei seinen üblen Insider-Geschäften hatte erwischen lassen. Michael Douglas, damals forsche 43 und mit diesem eklig-spaßigen Dynamit-Grinsen Gekkos ausgestattet, bekam für seine vorzügliche Darstellung dieses Power-Brokers seinen zweiten "Oscar" (den ersten erhielt er 1976 als Produzent von "Einer flog über das Kuckucksnest" in der Kategorie "Bester Film").

Acht Jahre war Gordon Gekko im Knast. Jetzt kommt er raus. "Wall Street 2" beginnt. Aus dem Premium-Player ist ein alter Zausel geworden. Mit grauem Zottel-Haar, unrasiert und dem "Pflasterstein"-Handy von damals im Gepäck. Während eine Stretchlimousine nicht ihn, sondern einen farbigen Rapper abholt, wartet auf ihn niemand.

Seine Tochter Winnie hat sich von ihm abgewandt, von den einstigen Kollegen und Mitverdienern ist niemand zu sehen. Gordon Gekko ist 2001 ein Lonesome Cowboy-Außenseiter. Niemand rechnet (mehr) mit ihm, und darauf setzt er. Gekko hat ein Buch geschrieben: "Ist Gier gut?" Er ist auf Werbetour, hält Vorträge, die sich mit der modernen Kreuzzug-Gier von heute befassen. Wo "Gekkos" längst Normalität sind ("Die Gier heute ist Gesetz"), ungehemmt an der Wall Street sprießen. Als Investmentbanker. Als riskant spekulierende Global-Player. Und mit Fast-30 schon Millionen umsetzen.

Wie Jacob "Jake" Moore (Shia LaBeouf). Der Gekko bewundert. Und der mit dessen Tochter Winnie verbandelt ist. Also hört Gekko ihn erst an und ihm dann zu. Wenn er, Jake, ihm, Gekko, wieder den Kontakt zur geliebten Tochter herstellt, ist er, Gekko, durchaus bereit, für ihn, Jake, etwas zu tun. Denn Jake steckt in Schwierigkeiten. In großen finanziellen Schwierigkeiten.

Eben noch stolzer Besitzer des Millionen-Bonus-Schecks, droht jetzt plötzlich der Absturz. Seiner Firma und ihm. Denn seinem alteingesessenen Finanz-Unternehmen ist übel mitgespielt worden. Von einem ganz gewinnstrebenden Kontrahenten, vom Investment-Banker Bretton James (neutral-glatt: Josh Brolin; neulich "W."-Titelheld). Stichwort: "Günstige Übernahme". Natürlich wurde dabei getrickst, manipuliert, gezockt, aber dies zählt heute zum "korrekten" Wall Street-Alltag. Jake droht der totale Abstieg.

Sein Glück: Gordon Gekko hat mit Bretton James noch eine Rechnung offen. Und foppen, "handeln", täuschen versteht Gordon Gekko immer noch perfekt. Das gemeine Spiel kann beginnen. Der dämonische Hofnarr gegen den feschen König.

Während Oliver Stone in seinem 80er-Klassiker noch die Machenschaften "um das Geld" und diese Um -jeden -Preis-Monopoly-Aktivitäten attackierte, fährt er heute zweigleisig. Führt die neuen Nadelstreifen-Entscheider vor, die nun offen skrupellos hantieren, und erzählt vom weisen Alter. In dem für seinen Helden Gekko, im Grunde "die Schlachten" geschlagen sind. Er sich aber noch einmal an denen beteiligt, weil er es noch mal allen "zeigen" und sich beweisen will.

Daneben aber verläuft die ungewohnte emotionale, private, individuelle, persönliche Family-Schiene: Die Versöhnung mit der Tochter. Das klingt und ist - sentimental - aber verständlich, wie ich meine. Die Pflegestufe winkt langsam. Da flackert schon mal das Herz. Zudem: Noch immer blitzt aus dem alten Saukerl Gekko die "tüchtige Bosheit", als er plötzlich abhaut und doch wieder auf eigene Profit-Kosten mächtig "herummacht". Mit nun aber nur noch "begrenzter Unmoral". Von wegen (schwangerem) Töchterchen und so…

Natürlich ist das filmisch – auch - enttäuschend. Gerne hätten wir mehr "Kommentar" zu diesem globalen Finanz-Kollaps von eben gehabt. Mehr kritisches "Fleisch" über die Hintergründe und zu den (aktuellen, akuten) "Zuständen". Zu den Typen, die sie ausgelöst haben. Hätten die gerne (und genüsslich) am Pranger gehabt. Die Zusammenhänge härter, zynischer, politischer (wie sonst bei Stone üblich) erklärt, aufgedeckt bekommen.

Wer konnte weshalb weltweit "wilde Sau" dermaßen spielen, dass das System gefährlich ins Wanken geriet? In der Art. Stattdessen (auch) diese melodramatische Familienzusammenführung. Mit einem, und das "stinkt" dann doch, einem moralisch halbwegs "einwandfreien" "Hollywood"-Nachwuchsbanker. Jake. Denn der ist mehr an einer "vernünftigen" Business-Kultur und einem ebensolchen Miteinander interessiert als an seinen größtmöglichen Dauervorteil. Oliver Stone hat mir Jake "viel zu sauber" porträtiert und deshalb weniger interessant.

Obwohl "Bübchen" Shia LaBeouf, inzwischen glatte 24, nach seinem verheerenden wie lächerlichen 2008-Auftritt als Indiana Jones-Junior in "Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels" und so einigen anderen filmischen Schmonzetten ("Eagle Eye – Außer Kontrolle"; "Transformers – Die Rache") sich alle seriöse Mühe gibt und auch plausibel rüberkommt.

Aber ein junger, widerlich-schmucker, aufstrebender "Gordon Gekko" hätten Stoff und Film mutmaßlich vorteilhafter wirken lassen. Dies aber ist "Jake" hier weiß Gott nicht. Und deshalb bleibt diese monströse Rachegeschichte "Wall Street 2" zwar irgendwie okay, unterhaltsam, aber auch blässlich. Die Fallstricke sind bei diesem neuerlichen Börsen-Thriller überschaubar.

Auch weil Michael Douglas in einer Art Korsett steckt - seine souverän dargebotene Gordon Gekko-Figur ist eigentlich abgegrast. Er wurde hier zwar zum Stichwortgeber für den zahnlosen Junior-Partner noch mal hochgerüstet, doch weil der "auf brav" macht, kein ebenbürtiger Gier-Giftfuchs sein darf, hält sich das Spannungslevel in Grenzen.

Besitzt aber insgesamt immer noch mehr spannendes Denkpotenzial als so viele faule Hollywood-Produktionen drumherum. Und wartet mit so vorzüglichen namhaften Neben-Akteuren wie Carey Mulligan ("An Education"), "Oscar"-Lady Susan Sarandon ("Thelma und Louise"), Frank Langella ("Frost – Nixon") sowie dem 94-jährigen Eli Wallach ("Zwei glorreiche Halunken"/1966) auf. Sowie mit viel feiner David Byrne/Brian Eno-Soundtrack-Begleitung ("This must be the Place"). "Wall Street: Geld schläft nicht" oder: Ein properer Fortsetzungsstreich.

USA 2009/2010; Regie: Oliver Stone; Darsteller: Michael Douglas, Shia LaBeouf, Carey Mulligan, Eli Wallach; FSK: ab 6; Länge 133 Minuten

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