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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 09.10.2012

Wahrhafte, ganze Menschen

W. Daniel Wilson: "Goethe Männer Knaben. Ansichten zur 'Homosexualität'", Insel Verlag, Berlin 2012, 503 Seiten

Johann Wolfgang von Goethe
Johann Wolfgang von Goethe (AP Archiv)

Bücher über Johann Wolfgang von Goethe gibt es viele, Bücher über Homosexualität ebenfalls. Die Kombination indes ist selten: Daniel Wilson rekonstruiert in "Goethe Männer Knaben" die erstaunlich freizügigen Ansichten des Dichters über gleichgeschlechtliche Liebe.

Wollte man den menschlichen Kern von ehelichen Beziehungen beschreiben, dann könnte man dies mit berühmten Worten Goethes tun, wo er von "leidenschaftlicher Erfüllung liebevoller Pflichten, der Wonne der Unzertrennlichkeit, Hingebung eines für den anderen, ausgesprochener Bestimmung für das ganze Leben, notwendiger Begleitung in den Tod" spricht. Doch diese Aufzählung gilt erstaunlicherweise nicht der Beziehung von Mann und Frau, sondern "der Verbindung zweier Jünglinge" im antiken Griechenland. Goethe beschrieb sie 1805 in seinem Porträt Johann Joachim Winckelmanns, des Begründers von Kunstgeschichte und Altertumswissenschaft in Deutschland und des ersten Vorkämpfers einer klassizistischen Ästhetik, der zugleich einer der ersten bekennenden Homosexuellen in der Moderne überhaupt war.

Goethe nahm diese Neigung nicht nur zur Kenntnis, sondern er war auch weit davon entfernt, sie - wie damals sonst üblich - moralisch zu verurteilen. Im Gegenteil, er begriff sie als Teil eines vorbildlichen, umfassenden Menschentums: "Waren jedoch die Alten, so wie wir von ihnen rühmen, wahrhaft ganze Menschen, so mussten sie, indem sie sich selbst und in der Welt behaglich empfanden, die Verbindungen menschlicher Wesen in ihrem ganzen Umfange kennen lernen; sie durften jenes Entzücken nicht ermangeln, das aus der Verbindung ähnlicher Naturen hervorspringt."

Der erstaunlichen Offenheit Goethes für mann-männliche Liebe - zu seinen Zeiten auch oft als "griechische Liebe" verstanden - gilt die materialreiche und gründliche Studie des amerikanischen Goethe-Forschers W. Daniel Wilson. Von der frühen "Ganymed"-Hymne bis zur Grablegung Fausts, bei der Mephisto sich von hübschen Engeln, die er als "appetitliche Racker" auch gerne von der Rückseite bewundert und sich davon ablenken lässt, Fausts Seele zu entführen, reicht ein Bogen durch Goethes ganzes Lebenswerk. Er beschreibt eine Entwicklung zu immer kühnerer Vorurteilslosigkeit, im Kontrast zu einer in der späten napoleonischen Zeit im Zeichen von Nationalismus und Militarismus wachsenden Homophobie.

Im "West-östlichen Divan" von 1819 gelten Liebesverse von Hafis nicht nur der Frau Suleika sondern auch dem knabenhaften Schenken Saki: "Eben drum, geliebter Knabe/ Bleibe jung und bleibe klug;/ Dichten zwar ist Himmelsgabe,/ Doch im Erdeleben Trug." In den "Noten und Abhandlungen" wird eigens festgehalten, dass die Neigung zwischen dem Jungen und dem Alten wechselseitig ist. Die letzte Fassung von "Wilhelm Meisters Wanderjahre" schildert in einer bezaubernden Novelle die jugendliche Entdeckung von erotischer Neigung in beide Richtungen, die zu einem Freund und die zu einem Mädchen bei ein und derselben Person.

Wilsons Untersuchung gilt also nicht Goethes eigener Triebrichtung - diese dürfte ziemlich eindeutig heterosexuell gewesen sein -, sondern seiner Haltung zu einem jahrhundertelang als "unnatürlich" verdammten menschlichen Phänomen, der gleichgeschlechtlichen Liebe. "Die Knabenliebe sei so alt wie die Menschheit", sagte Goethe 1831 zu Kanzler Müller, "und man könne daher sagen, sie liege in der Natur, ob sie gleich gegen die Natur sei." Dazu muss man wissen, dass Goethe im selben Gespräch die Ehe als etwas "eigentlich Unnatürliches" - als Kulturleistung also - beschreibt. Mit diesen und vielen anderen Äußerungen war Goethe vielleicht noch nicht, wie Wilson etwas forsch formuliert, Vorkämpfer einer schwulen Befreiung, aber doch einer der freiesten Geister der deutschen Geschichte.

Besprochen von Gustav Seibt


W. Daniel Wilson: Goethe Männer Knaben. Ansichten zur 'Homosexualität'.
Aus dem Englischen übersetzt von Angela Steidele
Insel Verlag, Berlin 2012, 503 Seiten, 28,95 Euro.

Programmhinweis: Bücherherbst 2012
Am 13.10.2012 sendet Deutschlandradio Kultur ab 23.05 Uhr eine dreistündige Sendung von der Internationalen Frankfurter Buchmesse. Neun Autorinnen und Autoren mit ihren Neuerscheinungen in Lesung und Gespräch. (u.a. Karen Duve, Anna Enquist, Sabrina Janesch, Bodo Kirchhoff, Anthony McCarten und Anne Weber)

Weitere Informationen auf dradio.de:

- Eine Brief-Liebe - Martin Walsers "Das dreizehnte Kapitel"
- Die Sehnsucht nach dem Süden - Dieter Richters "Goethe in Neapel"

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Die Sehnsucht nach dem Süden
Eine Brief-Liebe