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Fazit / Archiv | Beitrag vom 27.07.2012

Wagner aus israelischer Sicht

Die Performance "Hacking Wagner" auf den Münchner Opernfestspielen

Von Elisabeth Nehring

Der Komponist Richard Wagner, Foto eines Gemäldes von 1843
Der Komponist Richard Wagner, Foto eines Gemäldes von 1843 (picture alliance / dpa / Zentralbild)

Richard Wagners Werk unterliegt in Israel bis heute einem gesellschaftlichen Bann. Auf den Münchner Opernfestspielen nähert sich die israelische Choreografin Saar Magal mit einer Performance dem antisemitisch gesinnten Komponisten.

Bevor auch nur ein einziger Ton Wagners erklingt, kommen erst einmal die Lebenden zu Wort. Der Fokus gilt der Gegenwart, nicht der Vergangenheit. Überdimensioniert auf die Wände projiziert erwarten uns schon beim Betreten des Saales die Personen, die Saar Magal im Vorfeld interviewt hat. Der israelische Dirigent Daniel Cohen, die Generaldirektorin der israelischen Oper Hanna Munitz, Jonathan Livgny, der Leiter der Wagner-Gesellschaft in Israel, aber auch Ben Zion Magal, der Großvater der Choreografin und andere Überlebende des Holocaust. Das Publikum sitzt auf im Raum verteilten Stühlen, zugleich Bühne und Zuschauerraum, umgeben von Gesichtern und Stimmen, die sich zu dem Bann Wagners in Israel äußern - zustimmend oder ablehnend, engagiert oder nachdenklich, auftrumpfend oder zurückhaltend.

30 Minuten nur versprachlichte Gefühle, Gedanken, Argumente - es ist ein kluger Beginn, der sofort das Feld deutlich macht, auf das sich "Hacking Wagner" bezieht und zugleich die intellektuell-emotionale Begründung liefert, warum man sich für dieses Thema interessieren sollte. Denn auch, wenn einem Wagner und seine Musik vollkommen egal ist, weiß man nach dieser Einführung: Die Frage "Wagner ja oder nein?" ist in Israel keineswegs auf dem Feld des l'art pour l'art angesiedelt, sondern mitten im Leben, in der Vergangenheit und der Gegenwart.

Der Komponist Moritz Gagern hat Motive und Auszüge aus dem Ring, aus Tristan und Lohengrin gesampelt, verfremdet, durchsetzt, vermischt, eingefärbt, verzerrt, aufgelöst. Er addiert zum Wagner'schen Kosmos Jazz, Techno, elektronische Musik, Geräusche von Zügen oder alten Schallplatten - ganz fein und sehr komplex, nie nervig oder banal. Immer wird die Musik in ihren Kontext gesetzt - auf emotionale und intellektuelle Art, szenisch und visuell.

Taucht zum Beispiel Wagners Inzestmotiv musikalisch auf, hört man zugleich aus dem Off einen Vortrag über den Sinn des Inzest-Verbots, während die Tänzer zwischen den Stuhlreihen hin und her laufen und ihre Körper sprechen lassen. Die Ouvertüre des Lohengrin wird dagegen kontrastiert von den antisemitischen Widerlichkeiten, die Wagner in 'Das Judenthum in der Musik' verfasst hat. Die wunderbare, emotional bewegende Musik und die in jeder Hinsicht abstoßenden Worte - vorgeführt als Produkte einer Person. Wagners Antisemitismus, Wagner-Bann in Israel, Hitler, Volkswagen, die kultivierte jüdische Welt im Deutschland der 20er-Jahre, der Ring und die Gegenwart der Lebenden - viele Themen werden assoziativ verschränkt, ohne dass dabei der inhaltliche Faden verloren ginge. Die Musik wird nicht als rein ästhetisches Phänomen begriffen, sondern eingebunden in die verschiedenen thematischen Kontexte.

Auf diesen gesampelten und remixten Wagner lässt Choreografin Saar Magal weniger tanzen; sie setzt ihre sechs Tänzer stattdessen in szenische Arrangements. Am Anfang noch in weiße Unterwäsche neutral gekleidet, erinnern sie an Sportler, die ihre Körper trainieren und wehrhaft an uns Zuschauern vorbei marschieren. Zweimal verscheuchen sie uns von unseren Plätzen und lösen die Stuhlreihen und damit die gesamte Ordnung des Raumes auf. Sie simulieren mit einem alten VW-Käfer Unfälle, erscheinen schließlich als schwitzende, leidende Kreaturen.

In einer großen, ekstatischen Szene gen Schluss entschwindet der Walkürenritt langsam in eine Techno-Party; die Tänzer streifen sich alte Wagner-Kostüme über, Kettenhemden und Helme, Fellmäntel und schwere Kleider; so erinnern sie an Figuren wie Siegfried und Brünnhilde, doch die Kleider passen ihnen nicht wirklich; diese Tänzer wollen sich einfach nicht in Wagner-Figurinen verwandeln. Und wenn sie die Stühle aller Zuschauer auf einen großen Haufen geworfen haben, ist die Erinnerung an den Holocaust offensichtlich. Wagner und Wagner-Kult werden - und das ist ein Statement - in dieser Szene endgültig zertrümmert und dekonstruiert.

Wagner als ästhetisches Phänomen zu dekonstruieren und in seinen Kontext zurückzuführen, verschiedene Facetten des Wagner-Banns und dessen Sinnhaftigkeit zu reflektieren - darum geht es in Saar Magals Performance. Damit werden auch Fragen wie die nach der Freiheit der Kunst und dem Recht auf Diskussion berührt - und ein weiter Horizont eröffnet. "Hacking Wagner" kann man nur viele weitere Vorstellungen und viele Zuschauer in Israel und Deutschland wünschen.