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Interview / Archiv | Beitrag vom 03.05.2012

Wachsendes Interesse an neuen Wohnformen im Alter

Josef Bura: Auch Kommunen suchen verstärkt Alternativen zu Heimen

Josef Bura im Gespräch mit Christopher Ricke

Selbstständig, aber nicht alleine: So würden die  meisten älteren Menschen gerne leben.  Wohnprojekte versuchen, auf diese Wünsche einzugehen.  (Deutschlandradio - Daniela Kurz)
Selbstständig, aber nicht alleine: So würden die meisten älteren Menschen gerne leben. Wohnprojekte versuchen, auf diese Wünsche einzugehen. (Deutschlandradio - Daniela Kurz)

Wenn ihre Kinder ausziehen, denken ältere Menschen darüber nach, wo sie in Zukunft leben möchten - sagt Josef Bura, Vorsitzender des Vereins Forum Gemeinschaftliches Wohnen. Es gehe aber meist nicht um "Alten-WGs", sondern darum, in einer eigenen Wohnung zu leben - mit Kontakt zu Nachbarn.

Christopher Ricke: Im Kino ist es ein Renner, "Und wenn wir alle zusammenziehen?", der Film über die Alten-WG. Aber im richtigen Leben ist das natürlich auch ein Thema. Wohnformen im Alter diesseits des Pflegeheims sind für einen immer größeren Teil der Gesellschaft das Thema, und die Wohngemeinschaft kehrt dahin zurück, wo sie einmal begann. Man kann es nämlich relativ einfach ausrechnen: Wer 1968 Student war, ist heute Rentner, etwa so alt wie Bundespräsident Joachim Gauck, der heute in Hamburg den Seniorentag eröffnet. Ich spreche jetzt mit Josef Bura, das ist der Vorsitzende des Forums Gemeinschaftliches Wohnen, der ist in diesem Jahr 67 und beschäftigt sich schon seit 20 Jahren mit dem Thema. Guten Morgen, Herr Bura!

Josef Bura: Guten Morgen nach Berlin!

Ricke: Erwische ich Sie denn in einer Alten-Wohngemeinschaft?

Bura: Nein, Sie erwischen mich nicht in einer Alten-Wohngemeinschaft, das Thema Alten-Wohngemeinschaften ist auch sozusagen nicht so geläufig wie andere Wohnformen im Alter, wie zum Beispiel Wohnprojekte oder Baugemeinschaft.

Ricke: Wann ist denn der richtige Zeitpunkt aus Ihrer Sicht gekommen, um zu sagen, ich probier's noch mal mit einer neuen Wohnform, ich gebe das eigene Häuschen oder die eigene Wohnung auf?

Bura: Ja, wissen Sie, ich bin seit ungefähr 30 Jahren an dem Thema und wir haben festgestellt, dass es zwei Punkte im Leben gibt, wo man sich über neue Wohnformen Gedanken macht. Das ist erstens, wenn die Kinder kommen, und zweitens, wenn die Kinder gegangen sind, dann stellt sich immer die Frage, wie organisiere ich mein Wohnen wieder neu.

Ricke: Ist das eine Frage, die sich ein Einzelner stellt, weil der Partner vielleicht nicht mehr da ist? Oder ist das auch eine Frage, die man sich als Paar stellt?

Bura: Nein, diese Frage kann man sich als Paar auch stellen, wenngleich wir feststellen, dass im Alter es doch mehr die Frauen sind, die neue Wohnformen anstreben. Genau weiß man nicht, woran das liegt.

Ricke: Na ja, vielleicht liegt es daran, dass die Frauen eine höhere Lebenserwartung haben?

Bura: So könnte man es sagen, aber charmant für Männer wäre das nicht.

Ricke: Es gibt ja die Assoziation mit Wohngemeinschaft, die hat was zu tun mit Joghurt, der extraterrestrische Lebensformen bildet, und Toiletten, die das Robert-Koch-Institut interessant findet. Aber das ist natürlich nur da Klischee. Was bieten Sie denn als Konzept an als neue Wohnform?

Bura: Also, wir bieten als Forum Gemeinschaftliches Wohnen eine Vielfalt im Wohnen an. Wir wünschen uns, dass Menschen, die ja nicht alle gleich sind, im Alter die Form finden, die für sie geeignet ist. Und die Wohngemeinschaft in der Bundesrepublik für ältere Menschen ist eigentlich noch überbewertet, was sozusagen die Anzahl angeht. Es ist vielmehr so, dass unter neuen Wohnformen man eine Vielfalt von Möglichkeiten versteht, wie man im Alter auch in der eigenen Wohnung weiter leben kann, aber in einem nachbarschaftlichen Kontext. Das verstehen wir unter Wohngemeinschaften oder ... ja, unter Wohngemeinschaften oder Wohnprojekten. Und da ist es wichtig, dass wir eine ganze Reihe an Bündnispartnern bekommen, die Menschen dabei unterstützen, solche neuen Wohnformen zu realisieren. Und das wären in erster Linie die Gemeinden, die Kommunen, die helfen, und die Wohnungswirtschaft, die solche neuen Wohnformen bereithält.

Ricke: Jetzt war ich gerade auf Ihrer Website, da schmücken Sie sich ja auch mit dem Emblem des Familienministeriums. Also, es scheint da Unterstützung aus der Politik zu geben?

Bura: Ja, das Thema ist angekommen in Teilen der Politik, muss man sagen. Und da ist insbesondere das Familienministerium uns sehr nahe, weil dort im Bereich soziales Wohnen über diese Frage nachgedacht wird, was ist eigentlich sinnvoll, wie Menschen im Alter wohnen? Weil wir ja vor einer Situation stehen, wo erstens eine Generation alt wird, die nicht über ein familiäres Netzwerk verfügt, und zweitens stehen wir ja auch vor der Frage einer Altersarmut. Und nicht alle sollen sozusagen in ein Heim im Alter.

Ricke: Wie ist denn da die Zusammenarbeit mit Vermietern? Das können ja institutionelle Vermieter sein, aber auch mit Investoren, weil vielleicht auch erst noch gebaut werden muss.

Bura: Ja, das ist bundesweit unterschiedlich. Es gibt in der Bundesrepublik so ein paar Inseln der Glückseligen, will ich sagen, das ist Tübingen, das ist Freiburg, das ist Hamburg, das ist neuerdings Berlin, das ist auch Köln... Also, es gibt inzwischen viel mehr Kommunen, die anfangen, darüber nachzudenken, dass etwas angeboten werden muss im Wohnen, was den Menschen hilft, Alternativen zum Heim zu finden. Und da gibt es auch zum Beispiel in Hamburg die Wohnungswirtschaft, die sich da mit auf den Weg macht, neue Wohnformen in ihr Portfolio aufzunehmen. Und das bedeutet, dass Menschen, die dort dann eine Wohnung finden, mit einem sehr geringen finanziellen Beitrag in ein Wohnprojekt einziehen können, anders als wenn sie so was kaufen oder selber erstellen.

Ricke: Einen Zeitpunkt, sich auf den Weg zu machen, haben Sie beschrieben, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Wie ist es denn mit dem Zeitpunkt, wann ich so ein Wohnprojekt wieder verlassen muss, weil ich doch zu einem Pflegefall geworden bin? Schiebe ich diesen Zeitpunkt im Vergleich zum klassischen Wohnen damit deutlich hinaus?

Bura: Ja, es gibt ja Wohnprojekte, die sich dann überlegen, wenn die Menschen dort wohnen, warum bin ich eigentlich da eingezogen, und dann zu der Entscheidung kommen, ja, wir werden versuchen, so lange wie möglich einen Heimaufenthalt herauszuziehen, weil die Gemeinschaft von, sagen wir mal, zehn oder 20 Mieterinnen und Mietern, die sich auf dieses Thema einlässt, dann doch hilft, dass man länger in der Wohnung wohnen kann. Wobei es nicht darum geht, sozusagen Pflege zu leisten, aber all das andere, was man braucht, eine Art von Hilfe, eine Art im Alltag, eine Art von Aufbau der Psyche, eine Art von nachbarschaftlichem Zusammensein, das ist etwas, was die Menschen sehr lange in solchen Wohnprojekten leben lässt.
Ricke: Josef Bura, er ist der Vorsitzende des Forums Gemeinschaftliches Wohnen. Vielen Dank, Herr Bura!

Bura: Ich danke auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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