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Religionen / Archiv | Beitrag vom 27.12.2008

Vorzeigemuslime oder Islam light?

Aleviten in Deutschland

Von Maria Riederer

Die Spitzen des Minaretts der Sultan-Selim-Moschee, rechts, und des Turms der katholischen Liebfrauenkirche in Mannheim. (AP)
Die Spitzen des Minaretts der Sultan-Selim-Moschee, rechts, und des Turms der katholischen Liebfrauenkirche in Mannheim. (AP)

Trotz einer öffentlichen Kontroverse um einen ARD-Tatort im Dezember 2007 sind die Aleviten und ihre Glaubenslehrer in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Kaum jemand hierzulande weiß, was die Aleviten denken und wie sie ihren Glauben praktizieren.

"Meinem Vater ist das sehr wichtig, dass ich das Instrument spiele, anfangs haben die mich auch bisschen dazu gezwungen, aber jetzt mittlerweile macht es mir auch Spaß und ich komm gerne hierhin. Es ist einfach ein schönes Instrument - auch schwierig, klar, Klavier ist auch schwierig, ich spiel auch Klavier, aber Saz ist nochmal was anderes. Also, es hat klar mit der Religion zu tun. Klavier kann jeder spielen, aber Saz, oder Bağlama, das kennt nicht jeder."

"Bei diesen Cem-Häusern, da werden bestimmte Lieder gespielt, also Lieder von großer Bedeutung, z.B. dieses A Hüssein , das ist so, um die Trauer auszudrücken, und das kennt jeder Alevite – vielleicht nicht den Text, aber auf jeden Fall die Melodie. Oder diese Semah-Lieder, wozu getanzt wird."

Die Saz-Schüler – Kinder und Jugendliche – kommen jeden Sonntag ins alevitische Zentrum in Köln, um ihre Fertigkeiten an dem Saiteninstrument zu verbessern. Die Saz ist eine Laute, die nicht nur den Aleviten viel bedeutet. Anatolische Barden begleiten damit ihre Liebeslieder, türkische Familien singen zuhause zum Klang des langhalsigen Instrumentes. Aber für die Aleviten bedeutet der Klang der Saz mehr als nur Musik.

"Das Alevitentum hat sehr stark mystische Züge, und mystische Musik. Gesänge sind Teile des Gebetes, also ohne Instrumente, ohne Musik, Ohne Gesänge können wir kein Gebet denken. Für uns, Gesänge mit Musik vorzutragen, ist ein Gebet. Das sind dann keine Liebeslieder oder sowas, sondern religiöse Lieder, Gospellieder halt in der Art, wirklich, und diese Tänze, da braucht man wirklich viel Übung dafür, weil man dreht sich halt mit der Musik und wenn man fertig ist, dann hat man das Gefühl, es ist eine Erleichterung, eine sehr schöne Art. Finde ich. Für mich. Tanz würde ich nicht sagen, aber das ist ein Semah-Ritual, das spielt eine große Rolle, während des Cem-Gebets oder zum Ende des Cem-Gebets werden die Beteiligten Semah drehen, wenn sie diese Bereitschaft in sich haben."

Der Alevitische Gottesdienst, genannt Cem, ist ein Ritual der Versöhnung unter den Anwesenden und ein mystisches Ereignis, in dem das Drehen um die eigene Achse und im Kreis die Menschen Gott näher bringen sollen. Ismail Kaplan, Bildungsbeauftragter der alevitischen Gemeinde in Köln, sieht darin einen der vielen großen Unterschiede zum sunnitischen Islam, dem in Deutschland die meisten türkischstämmigen Bewohner angehören.

"Die Sunniten z.B. kommen zu unserem Cem-Gebet und sehen, dass da gesungen wird und zwischendurch wird Fürbitte gesprochen, die sagen: Ja, wo ist das Gebet? – Die verstehen das nicht, weil sie nur eins gesehen haben als Gebet, darüber hinaus kennen sie nichts und können sie sich nicht vorstellen, dass die Menschen auch durch andere Art und Weise Gottes Nah finden können."

Dass Männer und Frauen zusammen beten, die Versöhnung feiern und sich beim Semah sogar manchmal berühren, ist sunnitischen Muslimen zusätzlich fremd. Ismail Kaplan hält das gemeinsame Feiern der Gottesdienste aber für unabdinglich.

"Wenn Männer und Frauen gemeinsam in einer Gesellschaft leben, dann müssen Frauen und Männer gemeinsam das machen – also nur Männer untereinander einig sind und sich untereinander versöhnen, bringt das überhaupt nichts, solange ein Teil der Gesellschaft draußen bleibt. Das geht nicht. Deshalb das ist nicht, dass die Frauen können, die Frauen müssen dabei sein."

"Ich selbst habe meinen Weg zu Gott gewählt
Dabei verlor ich meine Ehre und meine Selbstachtung
Es geht niemanden an
Manchmal steige ich in den Himmel
Von dort betrachte ich die Welt
Manchmal besuche ich die Tiefe
Dann betrachtet mich die Welt
Nesimi wird gefragt, ob er mit Gott zufrieden ist
Es geht niemanden an, ob ich zufrieden bin oder nicht
Gott ist mein Gott. Es geht niemanden an."

So dichtet Kul Nesimi, ein wichtiger Lyriker und Vertreter der alevitischen Glaubenslehre. Der Koran spielt für die Aleviten eine untergeordnete Rolle. Wichtiger sind ihnen Dichter und Mystiker, deren Texte sie seit Jahrhunderten vor allem mündlich überliefern. Eine schriftlich niedergelegte Systematik des Alevitentums muss erst noch geschaffen werden. Es gibt keine verbindliche Heilige Schrift, nach der sich die Gläubigen richten. Auch die Gottesdienste finden in unregelmäßigen, großen Abständen statt. So ist es für alevitische Familien in Deutschland nicht einfach, ihre Kinder in den alevitischen Glauben und seine Lehren einzuführen.

"Ich lebe – ja, wie lange schon? – seit 35 Jahren in Deutschland, und bis zum achten Lebensjahr hab ich in so einer Gemeinschaft gelebt, das war in Malatya in einem Dorf, wo alle Aleviten waren, wo man diese Traditionen und Feste und diese Feierlichkeiten mitbekommen hat, dieses alevitische Leben hat man mitbekommen als Kind, aber das ist dann, als ich nach Deutschland gekommen bin, leider wirklich in den Hintergrund getreten, es ist versteinert gewesen wie ein Fossil, das lange lagert und diese 35 Jahre hab ich eigentlich in einer Gesellschaft gelebt, ohne zu wissen: ja, ich bin Alevitin – hab das auch zum Teil verborgen, muss man sagen, als Kind ..."

Fadime Tosun ist Lehrerin für Deutsch, Geschichte und Philosophie – und seit neuestem für alevitischen Religionsunterricht. Sie ist in das Zentrum der alevitischen Gemeinde in Köln gekommen, um die Eltern über das neue Angebot zu informieren.

Zwei Dutzend Frauen und ein paar Männer sitzen um einen Tisch herum und diskutieren. Die Schulen sollen den alevitischen Kindern das neue Angebot unterbreiten. Dazu müssten sie aber erst einmal wissen, welche Kinder überhaupt alevitischen Glaubens sind.

"Wenn man die Kinder aufnimmt, dann steht entweder türkisch oder Islam. Dann steht aber nicht bei der Anmeldung, ob sie Aleviten sind, deswegen können die Schulleiter gar nicht nachvollziehen, wer ist denn jetzt Alevit, wer ist denn Sunnit?"

Einige Eltern sind verunsichert. Jahrhunderte lang waren die Aleviten eine verfolgte Minderheit in der Türkei. Auch heute werden sie nicht anerkannt, weil sie angeblich einen Schein-Islam leben. In Deutschland begegnen sie vor allem Ignoranz und manchmal Misstrauen. Sollen ihre Kinder in der Schule trotzdem offenbaren, dass sie Aleviten sind? Eine der anwesenden Mütter, Tülay Sarimercan, plädiert für mehr Selbstbewusstsein.

"Die Eltern haben Angst um ihre Kinder, und ein ganz wichtiger Punkt ist, dass Eltern ihren Kindern nicht beibringen, dass sie Aleviten sind. Sie müssen offen zugeben, dass sie Aleviten sind in den Schulen, auf jeden Fall, sie müssen sich äußern können, das ist meine Meinung. Es wird immer verheimlicht, das ist das Problem. Nach Inhalten kann nicht gefragt werden, weil die Kinder eben nicht sagen, welche Religion sie haben. Und das ist nicht richtig, das sollte sich schlagartig ändern. Aber wichtig ist auch, dass die Kinder auch lernen, was das alles bedeutet."

"Ein 13-Klässler hat mir z.B. gesagt: Entschuldigen Sie, dass ich das sagen muss, aber ich bin Alevit. Er hat sich dafür, dass er Alevit ist, entschuldigen müssen, weil Alevit-Sein bedeutet in der Türkei, keinen Glauben zu haben, nicht muslimisch zu leben."

"Weitgehend haben wir Religionsfreiheit, aber es gibt tagtäglich solche Konflikte, auch in dieser Gesellschaft, aber auch von manche deutschen Seiten, die uns gar nicht kennen und von vorne herein abstempeln, hier: Islamisten! – oder so. Das kommt auch ab und zu vor."

Am schmerzhaftesten empfinden die Aleviten Einmischungen von türkischen Religionsbehörden, wenn bspw in Deutschland ein Cem-Haus eröffnet werden soll. Zeki Gökhan, Mitglied der Kölner Alevitengemeinde, zitiert voller Empörung einen Pressetext aus dem Internet:

"Bardakoğlu, der Präsident des Religionsamt in der Türkei behauptet:
"Cem- Haus trennt Aleviten vom Islam."
Der Präsident des türkischen Religionsamts äußert sich gegen Gebetshäuser der Aleviten. Bardakoglu behauptet in seinem Schreiben, dass Aleviten vom Islam getrennt werden, wenn die Cem-Häuser als Gebetshäuser der Aleviten anerkannt werden. Bardkoğlu sagt, dass Aleviten keine eigenen Gebetshäuser haben dürfen.
Das ist eine Schande, das ist eine menschenfeindliche Position, das.
Mit diese Politik das bringt für Aleviten neue Unterdrückung, neue Verachtung."

"Wenn sunnitische Autoritäten sagen, alevitisches Gebet, Cemgebet ist kein Gebet oder Cemhaus ist kein Gebetsstätte, dann so lange sollen wir unsere Stimme erhöhen, bis die das akzeptieren. Ihre Lehre ist für sie gültig und richtig, aber unsere Lehre ist für uns gültig und richtig."

Schon Kinder und Jugendliche sind in ihrem Alltag, zum Beispiel in der Schule, dem Konflikt ausgesetzt, sich rechtfertigen zu müssen. Auch wenn es keine ernsthaften Übergriffe gibt und auch viele Freundschaften zwischen Aleviten und Sunniten bestehen, ist es doch oft schwer, sich immer wieder erklären zu müssen.

"Ich hab eine Freundin genau in meinem Alter, sie ist Sunnitin und sie betet halt viel, geht halt ganz oft in die Moschee, und das tun wir halt nicht. Das ist das, was sie uns vorwerfen, dass wir nicht sehr gläubig sind, weil wir uns nicht in so an diese Gesetze halten, an diese Gebote, die den Sunniten vorgeschrieben sind. Deshalb heißt es dann oft, wir wären ungläubig, wir würden Allah nicht würdigen."

"Ich persönlich halte es für viel sinnvoller, an Allah zu glauben, nichts Böses im Leben zu tun, und da muss man nicht Äußerlichkeiten wie z.B. Kopfbedeckungen oder so halte ich persönlich nicht für sinnvoll. Ich denke, es kommt eher auf die inneren Werte an, wie jeder Mensch es selber sieht."

Medya ist 16 Jahre alt und Gymnasiastin. Sie spricht hier ganz unbekümmert die Wahrheiten des alevitischen Glaubens an. Das innere, mystische Erleben der Gottesnähe ist größer als das Einhalten von Regeln.

"Also, der Mensch kann die Wahrheit selbst bei sich suchen, es ist nicht so, dass man irgendwo hingeht und dann die Wahrheit irgendwo festgebunden ist, örtlich oder zeitlich, sondern das erscheint für jeden anders. Diese förmlichen Sachen, die sind nicht relevant für uns, auch diese Gebote und Verbote, die sind für uns nicht relevant, und wir glauben nicht, dass Gott solche Kleinigkeiten als Wahrheit also geregelt hat, also das sind Regeln für Mensche und von Menschen gekommen."

Natürlich gibt es auch für die Aleviten Regeln, die der Glaube vorgibt. Doch diese Regeln äußern sich nicht in festen Ritualen oder Kleiderordnungen, sondern sie betreffen immer die Qualität des menschlichen Zusammenleben. Medyas Mutter, Sevgi Güngör, zählt die wichtigsten Säulen der alevitischen Lebensregeln in wenigen Worten auf.

"Man sagt einfach: Du sollst deine Zunge hüten, deine Hände... Das wird dem Kind schon von klein an beigebracht: "Eline, beline, ve diline sahip ol" – Das heißt, du sollst nicht klauen, niemanden töten, niemanden angreifen – deine Zunge, das heißt: Rede nicht schlecht über andere Menschen – ja, du sollst nicht vergewaltigen, du sollst nicht die Frau eines anderen oder den Mann anmachen, halt so in der Art. So eine Religion kann nicht Inzest betreiben, das ist absurd."

Hier spricht Sevgi Güngör das geläufigste und älteste Vorurteil gegen die Aleviten an. Ihnen wird Inzest vorgeworfen – ein kleiner Spruch reicht, und jeder weiß Bescheid.

"Fragen Sie mal – was ist "Mum Söndürme" – Mum ist Kerze, das heißt Licht. Sobald das Licht aus ist. Die Aleviten tun das Licht aus, und dann heißt es bei denen, jeder stiegt dann mit einem anderen ins Bett. Das ist Schwachsinn."

Die wahre Ursache dieses Märchens liegt in der Zeit der Verfolgung alevitischer Gruppen im osmanischen Reich. Gottesdienste wurden nur noch heimlich abgehalten, und wenn sie verdächtige Geräusche hörten, löschten die Gläubigen das Licht, um von außen unerkannt zu bleiben. Männer, Frauen und Kinder in einem Raum, der immer wieder verdunkelt wurde – dieses Bild verwandelte sich in das Vorurteil, das noch heute den Aleviten das Leben schwer macht. Medya hat im Winter 2007 in Köln mit über 15.000 Aleviten gegen die Ausstrahlung eines Tatort-Krimis protestiert, der genau das Inzest-Vorurteil bediente. Das Ergebnis der Demonstration war vor allem eine wachsende Aufmerksamkeit den Aleviten gegenüber.

"Früher war das nicht so ein Thema, viele wussten ja nicht, was Aleviten sind, und ich denke, erst seit dem Spielfilm mit dem Tatort, erst seit da an sind wir eher bekannt, und jetzt weiß auch jeder in der Schule, was genau das Alevitentum ist (...) Nicht nur Sunniten – Deutsche, Christen, jeder weiß jetzt über uns Bescheid."

Geht man in Deutschland auf die Straße und fragt: Was sind Aleviten? - so stößt man dennoch auf weitgehend ahnungslose Gesichter. Viele halten sie für Christen, andere für eine Sekte. Die Aleviten haben ihre Wurzeln zum einen im schiitischen Islam, der sich auf Mohammeds Schwiegersohn Ali beruft, zum anderen im Manichäismus, einer antiken Religion, nach der Gott in allen Erscheinungen des Lebens vorkommt und nicht personalisiert ist. Eine große Rolle spielen Heilige im Leben der Aleviten. Ein Bild im Büro von Ismail Kaplan zeigt den wichtigsten von ihnen.

"Das ist ein Bild von Haci Bektas Veli, und Haci Bektas Veli ist eigentlich ein Gelehrter, also ein Vorbild für Aleviten, der im 13. Jahrhundert in Anatolien lebte und der insbesondere das heutige Alevitentum mit Ethiksystem und ähnliches aufgebaut hat. Das Bild besteht aus Buchstaben, aus Sprüchen von ihm, das ist ein symbolisches Zeichen, dass wir glauben daran, dass jeder Mensch Gottes Wort eigentlich in sich hat oder ein Stück Wahrheit in jedem Menschen drin, das wird dadurch symbolisiert."

"Brauchst du nicht Mekka, brauchst du nicht Hadj, brauchst du nicht Jerusalem. Was du suchst, du suchst in dir selber. Das ist sehr wichtige Punkt bei den Aleviten."

Wer alevitische Familien an einem Sonntag im Gemeindezentrum besucht, der begegnet vor allem einer großen Lebensfreude mit Musik, Tanz, Essen und Trinken und einem positiven Blick in die Zukunft:

"Ich kann mir gut vorstellen, dass in den nächsten 10, 20 Jahren das Alevitentum ein Teil unserer Gesellschaft wird, bekannter wird, und dass dadurch auch für interreligiösen Dialog großer Beitrag geleistet wird."

Religionen

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