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Profil / Archiv | Beitrag vom 01.02.2012

Vorreiter der politischen Zeichner

Der Ägypter Magdy El Shafee verfasst Graphic Novels

Von Anette Selg

Ägypter tragen eine riesige ägyptische Flagge bei einer Kundgebung auf dem Tahrir-Platz in Kairo. (Maya Alleruzzo/AP/dapd)
Ägypter tragen eine riesige ägyptische Flagge bei einer Kundgebung auf dem Tahrir-Platz in Kairo. (Maya Alleruzzo/AP/dapd)

Magdy El Shafee ist ein Pionier der ägyptischen Comic-Szene. Auch politisch engagiert er sich seit langem. El Shafee war im letzten Jahr bei den Demonstrationen dem Tahrir-Platz dabei, aber die Revolution ist für ihn noch lange nicht vorbei.

"Comic ist Pop Art, und dazu musst du die Wörter von der Straße verwenden. Egal, ob sie hässlich oder schön sind, sie haben ihren eigenen Geschmack, ihre eigene Berechtigung. Ich liebe Kino, ich liebe Comics. Aber dann sind mir Comics doch noch lieber, sie sind weniger flüchtig. Und, ich weiß nicht, sie entsprechen mir einfach mehr."

Magdy El Shafee ist Comic-Zeichner – und in Kairo eine Berühmtheit. An diesem Winternachmittag sitzt der dunkelhaarige Ägypter mit Freunden in einem Straßencafé in der Nähe des Tahrir-Platzes. Ständig klingelt sein Telefon, immer wieder kommen Leute zu ihm an den kleinen weißen Tisch. El Shafee ist fünfzig, er sieht aus wie vierzig, und seit knapp zwanzig Jahren beschäftigt er sich ernsthaft mit Comics:

"Damals traf ich einen französischen Comic-Künstler hier in Downtown Kairo. Er heißt Golo, er ist berühmt. Und ich hatte Glück, denn Golo unterrichtete später einen Comic-Workshop hier an der Amerikanischen Universität von Kairo, und das war der eigentliche Anfang für mich. Danach hab ich erst einmal Comics für Kinder gezeichnet, in Al-Ahram, das ist eine große Zeitung, die der Regierung gehört."

Bis vor einigen Jahren galten Comics in Ägypten noch als Kinderlektüre. Dass sich diese Wahrnehmung ändert, dafür ist auch Magdy El Shafee verantwortlich. Vor fünf Jahren hat er die erste ägyptische Graphic Novel überhaupt veröffentlicht: "Metro" ist Thriller, Liebesgeschichte, Erzählung aus dem Untergrund der Stadt. El Shafees Held Shihab irrt durch ein korruptes, chaotisches Kairo. Eine der ersten, frühen Demonstrationen gegen Mubarak wird zum Schlüsselerlebnis und verändert das Dasein aller Beteiligten:

"Zu dieser Zeit tauchen auch die ersten Blogger auf. Ich dachte, mein Gott, wie unglaublich! Diese ganzen Journalisten hier sind doch nichts als Heuchler."

Magdy El Shafee hat sein Exemplar von "Metro" mit ins Café gebracht. Die in klaren Schwarz-Weiß-Zeichnungen gehaltene Graphic Novel erregte großes Aufsehen, in Kairo und in der gesamten arabischen Welt. Von der UNESCO wurde "Metro" als bester afrikanischer Comic des Jahres ausgezeichnet. Auch der ägyptische Staat reagierte. Ein Jahr nach dem Erscheinen von "Metro" wurde der Comic konfisziert. 2009 kam es in Kairo zur Gerichtsverhandlung gegen Verleger und Autor.

"Wir wurden tatsächlich verurteilt. Sie fanden, dass wir, der Verleger und ich, unmoralisches, obszönes Gedankengut verbreiten. Jeder von uns musste dann eine Strafe von 1000 Dollar bezahlen. Und das Buch blieb verboten und sollte auch nie weder verlegt werden."

Auch ohne horrende Geldstrafen ist es in Ägypten unmöglich, sich als Comic-Zeichner über Wasser zu halten. Seine Geschichten zeichnet Magdy El Shafee deshalb abends und nachts. Tagsüber arbeitet der studierte Pharmazeut in einem chemischen Betrieb in Kairo:

"Mein Vater war Chemiker und vermutlich habe ich das von ihm. Aber es ist wirklich so, ich liebe Naturwissenschaften. Dass man Teile des Universums verstehen kann: Moleküle, den absoluten Anfang, das was kommen wird. Ich liebe Naturwissenschaften."

Seit der Revolution im vergangenen Frühjahr hat sich nicht nur das Straßenbild in Kairo verändert: Es gibt jetzt Graffitis, Schablonenzeichnungen, Sprüche an Mauern und Wänden. Auf einmal werden auch in Ägypten auch Comic-Magazine für Erwachsene publiziert, mit dezidiert politischem Anspruch. Dazu gehört auch "El Doshma", ein Heft, das von Magdy El Shafee herausgegeben wird. Vor allem durch die Bilder und die einfache Sprache soll "El Doshma" politisches Bewusstsein wecken, erklärt der Zeichner.

Während der ägyptischen Frühjahrsrevolution hat Magdy El Shafee fast die ganzen 18 Tage auf dem Tahrir-Platz verbracht. Seit dieser Zeit liegt ihm die Meinungs- und Pressefreiheit erst recht am Herzen:

"Irgendwelche Leute kamen auf den Platz gelaufen. Hey, riefen sie, da brennen Häuser, und es werden Leute umgebracht. Sie machten Panik, weil sie wollten, dass wir den Platz verlassen. Aber zum Glück sind wir geblieben, wieso auch immer. Vielleicht, weil wir ihnen nicht geglaubt haben, weil sie ja auch an den Tagen davor nur Lügen über uns erzählt hatten. Einfach so - und das direkt vor unseren Augen. Dass jemand im Fernsehen etwas komplett Falsches erzählt über eine Situation, in der du mitten drin stehst. Ich glaube, aus diesen Tagen stammt unser komplettes Misstrauen den Medien gegenüber."

Viele Ägypter sind enttäuscht über die politische Entwicklung seit der Revolution. Dafür hat das Ausland Ägypten endlich wahrgenommen. El Shafees verbotene Graphic Novel "Metro" wird zur Zeit ins Amerikanische übersetzt und erscheint im Mai dieses Jahres bei dem New Yorker Verlag Henry Holt. Nein, frustriert ist Magdy El Shafee nicht. Er kämpft weiter für eine bessere Zukunft, auf der Straße, mit den Wörtern der Straße – und mit seinen Comic-Arbeiten.

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