Seit 15:30 Uhr Tonart
 
Dienstag, 31. Mai 2016MESZ16:13 Uhr

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.07.2013

Vorbild Ameise

Niels Werber: "Ameisengesellschaften", Fischer, Frankfurt am Main 2013, 480 Seiten

Sie stehen wahlweise Synonym für Demokratie, Diktatur oder Schwarmintelligenz. (picture alliance / dpa / Peter Byrne)
Sie stehen wahlweise Synonym für Demokratie, Diktatur oder Schwarmintelligenz. (picture alliance / dpa / Peter Byrne)

Ameisen werden von Politik, Kunst und Gesellschaftstheorie besonders häufig als Modell herbeigezogen. Der Literaturwissenschaftler Niels Werber hat zahlreiche Geschichten, Beispiele und Fabeln über diese wunderlichen Tierchen zusammengetragen.

Wenige Fabeln sind im Abendland so bekannt wie die Geschichte von der Ameise und der Grille – überliefert von Äsop um 600 vor unserer Zeitrechnung, in der Neuzeit von Jean de La Fontaine neu kanonisiert: Während die Ameise fleißig arbeitet und Futter sammelt, singt und faulenzt die Grille den ganzen Sommer über und leidet im Winter Hunger.

Diese klassische Fabel von der fleißigen Ameise ist nur eine von vielen, die der Siegener Literatur- und Medienwissenschaftler Niels Werber in seinem Buch "Ameisengesellschaften" zusammengetragen hat. Denn Ameisen, diese faszinierenden Insekten mit ihren wohlfunktionierenden Kollektivstaaten, werden von Literatur, Kunst, Politik und Gesellschaftstheorie im Lauf der Geschichte besonders häufig als Modell herbeigezogen – und zwar für "beinahe alles Mögliche", wie Werber ausführlich und überzeugend zeigt. Der Ameisenhaufen kann der politischen Rhetorik als Modell für eine republikanische Ordnung dienen – oder aber als Inbegriff der Monarchie oder gar der Diktatur gelten. Ameisen sind dabei wahlweise gleichberechtigte Mitglieder eines demokratischen, sich selbst organisierenden Gesellschaftssystems oder aber gebeugte, gehorsame Arbeiter eines totalitären Staates. Für die Soziologie wiederum und neuerdings auch für Theorien digitaler Netzwerke dient der Ameisenhaufen mit Vorliebe als Modell für Schwarmintelligenz.

Es ist diese Modellfunktion der Ameisen, die sie für den Literaturwissenschaftler Niels Werber überhaupt erst interessant machen. Mit dem französischen Philosophen Michel Serres spricht er von einer "Passage", also einem Übergang, der sich anhand des Objekts "Ameise" zwischen Geistes- und Sozialwissenschaften und sogenannten "exakten Wissenschaften" auftut. Denn genauso wie die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Ameisenforschung von Literaten und Sozialtheoretikern aufgegriffen und für ihre jeweiligen Zwecke eingesetzt werden, so beeinflussen umgekehrt politische Vorstellungen der idealen menschlichen Gesellschaft auch die Insektenforschung.

Um nur ein paar prominente Fälle zu nennen: Ernst Jünger war ein passionierter Insektenforscher; und Niels Werber zeigt, wie Jüngers Schrift über den "Arbeiter" (1932) als Bedrohung für die bürgerliche Ordnung von seinen Vorstellungen von Ameisen beeinflusst ist. Auch Aldous Huxley, dessen "Brave New World" aus demselben Jahr eine totalitäre Kastengesellschaft beschreibt, nimmt unter anderem Ameisen als Modell. Dafür musste Huxley nicht weit suchen: Sein Bruder Julian, ein Zoologe, hatte kurz vorher ein Buch über "Ants" veröffentlicht. Umgekehrt hat der berühmte zeitgenössische Ameisenforscher Edward Wilson 2010 einen Roman mit dem Titel "Anthill" veröffentlicht, der ebenfalls die Parallele zwischen Ameisenkollektiven und menschlichen Gesellschaften bemüht.

Im Durchgang durch diese und viele weitere Beispiele bietet Werbers Buch auf 350 Seiten einen anregenden Überblick über das literarische und gesellschaftliche Leben der Ameise; der Autor springt dabei mühelos zwischen den Zeiten und Gebieten herum, von der Psychologie bis zur Computerwissenschaft, vom NS-Staat bis zum Hollywood-Film, was seinem Buch etwas fast insektenhaft Wimmelndes gibt. Vielleicht hat auch Werber sich die Ameisengesellschaft als Vorbild genommen.

Besprochen von Catherine Newmark

Niels Werber: Ameisengesellschaften. Eine Faszinationsgeschichte
Fischer, Frankfurt am Main 2013
480 Seiten, 24,99 Euro

Buchkritik

Moby: "Porcelain"Wie Moby ein Popstar wurde
Elektromusiker Moby bei einem Auftritt auf dem Orange Warsaw Festival in Polen. (picture alliance / dpa / Leszek Szymanski)

Ehrlich und selbstironisch erzählt Moby in seiner Autobiografie wie er Anfang der 90er-Jahre in New York zum DJ-Messias aufstieg. In "Porcelain" schreibt der weltbekannte Techno-DJ und Musiker über sein Künstlerleben in der Metropole und die Underground-Clubszene.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

Reform des UrhebervertragsrechtsDavid gegen Goliath?
(Deutschlandradio / Jörg Plath)

Kreative verdienen durchschnittlich weniger als 20000 Euro brutto jährlich. Eine Novelle des Urhebervertragsrechts will nun ihre Position stärken. Bei Verlagen und interessanterweise auch bei nicht wenigen Autoren hat das Vorhaben bereits für starke Unruhe gesorgt.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

fghjghj