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Fazit / Archiv | Beitrag vom 07.05.2012

Vor allem unkonventionell

Das Zeughauskino in Berlin zeigt eine Werkschau des zeitgenössischen serbischen Kinos

Von Wolfgang Martin Hamdorf

Emir Kusturica ist auch über die Grenzen Serbiens hinaus bekannt. (AP)
Emir Kusturica ist auch über die Grenzen Serbiens hinaus bekannt. (AP)

Die Balkanrepublik ist in den letzten Jahren aus der Isolation der Ära Milosevic näher an Europa gerückt. Auch die serbische Kultur und besonders auch das serbische Filmschaffen sind in den letzten elf Jahren in Bewegung gekommen. Das Zeughauskino zeigt 19 Spiel- und Dokumentarfilme.

Ein älterer Herr, gekleidet wie ein Arbeiterführer der alten Schule mit Mütze, Jacke und weißem Hemd, singt den Rap von der Revolution: "Schluss mit der korrupten Demokratie, unter Tito wurden wir mehr geliebt." In seiner skurrilen Politgroteske "Die weißen Löwen - Beli Lavoni" inszeniert Regisseur Lazar Ristovski ein bewegtes Spektakel um einen erfolglosen Jungfilmer und eine Opernsängerin, um alte Revolutionäre, korrupte Politiker und geschmacklos neureiche Mafiosi. Dabei ist nichts so wirklich ernst, aber das Lachen bleibt einem im Halse stecken. Mit "Die weißen Löwen" wurde die Werkschau eröffnet. Für den Leiter des Berliner Zeughauskinos, Jörg Frieß, ist der Film exemplarisch für die Vielfalt der serbischen Kinematografie:

"Böse gesagt, oder so in der klassischen Ästhetik würde man sagen, der bricht auseinander, der findet seine Linie nicht, der kann seinen Bogen nicht schließen, positiv gewendet würde man sagen: Der lebt von Energien, die nebeneinander existieren, der leistet sich ein Spektakel der Formen, der dreht jeden ernst gemeinten Kommentar schnell in die Ironie und die Ironie schnell wieder in den Ernst. Aber was all diese Mixtur, diese Groteske, dieses Burleske zusammenhält, ist dieser deutlich spürbare Wunsch, sich politisch zu artikulieren, etwas herauszufinden, etwas auszusagen über das Serbien von heute."

Stilistisch sind die 19 Spiel- und Dokumentarfilme der Reihe ganz unterschiedlich. Neben Werken bekannter Regisseure wie Emir Kusturica, laufen auch Debütfilme oder ein Episodenfilm Belgrader Filmstudenten. Neben den folkloristischen Burlesken finden sich auch ruhigere melancholischere Filme, essayistische Formen, Anklänge an den westeuropäischen Autorenfilm der 60er und 70er-Jahre, aber auch Genrefilme, Musicals und Melodramen.

So erzählt "Beli beli Swet - weiße. weiße Welt" vor dem Hintergrund rauchender Schlote und Schlackehalden ostserbischer Schwerindustrie von Stagnation und Neubeginn, von Liebe und Tod. Langsam und mit vielen Zwischentönen beschreibt Regisseur Oleg Novkoviç auch die Tragödie einer ganzen Generation, die nach dem Zerfall Jugoslawiens eine neue Identität finden musste:

"Ich glaube nicht, dass unsere Filme in Serbien eine besondere konkrete politische Rolle spielen. Aber wir schaffen vielleicht durch unsere Filme Bewusstseinsräume in diesen schwierigen Zeiten des politischen und wirtschaftlichen Übergangs, gerade auch für jüngere Zuschauer."

Gerade in der Schilderung des Privaten spiegeln serbische Filme viel vom gesellschaftlichen Transformationsprozess ihres Landes wider: Von der vorsichtigen Aufarbeitung der Kriegsverbrechen, über die Auswirkungen der Wirtschaftskrise und der Verelendung des Mittelstandes, bis hin zur politischen Korruption. Dieser gesellschaftskritische Ansatz des serbischen Films hat eine lange Tradition, sagt der Filmhistoriker und Balkanexperte Bernd Buder:

"Es gab ja Ende der 60er-Jahre die 'schwarze Welle', da haben die Filmemacher aus ganz Jugoslawien, vor allem aber aus Serbien, den Titoismus teilweise von links kritisiert. Damals gab es 'Praxisgruppe' und ähnliches und das war auch in der Kultur ganz stark, damals im Rahmen von 'Nouvelle Vague', Autorenfilm und so. Das ist eine Haltung, die sich eigentlich bis heute durchzieht, bis heute erhalten geblieben ist es gibt wenig eskapistische, es gibt sehr viele Filme, die kritisch mit der Regierung umgehen und das auf außerordentlich vielfältige Art und Weise."

So ist der Dokumentarfilm "Do vidjenia, kako ste" (Aus Wiedersehen, wie geht es euch?) eine Reise durch 20 Jahre serbischer Geschichte, eine Collage aus selbst gedrehtem Material und Fernsehbildern, kommentiert von einer sonoren Stimme aus dem Off. Aphorismen wie: "Die schwarze Katze lief vor uns über die Straße, am nächsten Tag war sie tot," sind für Regisseur Boris Mitic auch Ausdruck einer ganz spezifisch serbischen Mentalität:

"Es ist ein Film über eine satirisch aphoristische Sicht der Welt. Ich wollte das aber nicht wie im Fernsehen über Interviews mit Schriftstellern darstellen, sondern über die Montage pointierter Bilder und über einen fiktiven Erzähler, der uns über diese Bilder und Aphorismen seine Lebensgeschichte erzählt. Das schafft einen satirischen Realismus, eine Art satirisches Dokumentarmärchen."

In einer faszinierenden Bandbreite zeigt die serbische Filmreihe im Berliner Zeughauskino ganz unterschiedliche Herangehensweise serbischer Filmemacher an die widersprüchliche soziale und politische Realität ihres Landes: Komplexe Geschichten, teilweise in schnellem Wechsel zwischen Gelächter, Gewalt und Trauer, am Rande der Hoffnungslosigkeit und des politisch Korrekten, aber immer unkonventionelle Stilmischungen jenseits der Standardrezepte.

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