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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 25.01.2016

Vor 70 JahrenDie organisierte Vertreibung der Sudetendeutschen

Von Doris Liebermann

Sudetendeutsche betreten die Güterwaggons, mit denen sie 1946 die Tschechoslowakei verlassen müssen.   (dpa / CTK)
Pro Person 40 Kilogramm Gepäck durften die Sudetendeutschen 1946 bei ihrer Vertreibung aus der Tschechoslowakei mitnehmen. (dpa / CTK)

Mehr als drei Millionen Sudetendeutsche wurden nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Tschechoslowakei vertrieben. Vor Beginn der organisierten Ausweisung von Deutschen waren schon Hunderttausende Opfer von wilder Vertreibung und Gewalt geworden. Lange Zeit war das ein Tabuthema.

Es war am 25. Januar 1946 um 14 Uhr, als der erste Zug mit 1.205 vertriebenen Sudetendeutschen auf dem bayerischen Grenzbahnhof Furth im Wald eintraf: Er kam aus Budweis, 40 Waggons, 25 Kilo Gepäck pro Person waren erlaubt. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits 800.000 Menschen Opfer der sogenannten wilden Vertreibungen geworden.

"Das lief wie folgt ab: Es kam ein Tscheche, verkündete: in 30 Minuten oder einer Stunde müsst ihr raus. Es wurden zuerst Mitglieder der NSDAP, Beamte usw., ausgewiesen, aber das ging dann weiter."

Gerhard Engel wurde 1930 in Kratzau in Nordböhmen geboren. Als 15-Jähriger musste er mit seiner Familie das Land verlassen. Zuvor sah er täglich Vertriebene auf dem Kratzauer Bahnhof.

"Auf einer alten Kiste saß eine Frau, die war vielleicht zwischen 70 und 80, und die weinte dermaßen bitterlich und so hoffnungslos, dieses Bild sehe ich heute noch. Sicherlich ist auch eine Sache: kann man die Geschichte erst ab '45 betrachten, muss man die Situation nicht auch vorher sehen? Darüber kann man sicherlich viel diskutieren. Aber es bleibt, dass diese Massenausweisung ein sehr schlimmes Unrecht war."

Bayern als neues Zuhause

Mehr als drei Millionen Sudetendeutsche wurden nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Tschechoslowakei vertrieben. Viele fanden in Bayern, damals amerikanische Zone, ein neues Zuhause. Gesuchte Facharbeiter und Verfolgte des Nazi-Regimes durften in der Tschechoslowakei bleiben: wenige Hunderttausend.

Die Grundlage für die kollektive Vertreibung und Entrechtung von Deutschen und Ungarn bildeten die sogenannten Beneš-Dekrete, benannt nach dem tschechoslowakischen Exil-Präsidenten Edvard Beneš. Zwischen 1940 und 1945 hatte Beneš 143 Dekrete erlassen, wovon 15 die Entrechtung und Enteignung der Deutschen und Ungarn zum Gegenstand hatten. Sie wurden im März 1946 von der tschechoslowakischen Provisorischen Nationalversammlung rückwirkend gebilligt und haben noch heute Gesetzeskraft.

Der 2014 verstorbene Prager Psychiater Petr Prihoda hatte sich sein Leben lang besonders für die deutsch-tschechische Verständigung engagiert. Als junger Arzt war er in den 60er-Jahren in einer nordböhmischen Klinik auf sudetendeutsche Patienten gestoßen, die in der Tschechoslowakei geblieben waren. Von ihnen hörte er zum ersten Mal, was während der Vertreibung passiert war.

"Ich erinnere mich an einen bestimmten Namen: Palme. Er kam aus Aussig an der Elbe - Ústí nad Labem. Er war ein alter Sozialdemokrat, der deshalb während der Vertreibung das Land nicht verlassen musste. Er hatte in den Kriegsjahren unter den Nazis gelitten. Von ihm erfuhr ich, was in Aussig im August 1945 geschehen ist."

Viele Opfer beim "Brünner Todesmarsch"

In Aussig hatte es Ende Juli 1945 pogromartige Übergriffe auf Deutsche gegeben. Zuvor waren beim sogenannten "Brünner Todesmarsch" Ende Mai 1945 mehr als 2.000 Deutsche an Erschöpfung und Krankheit gestorben, erschlagen oder erschossen worden. Auch in Kaaden, Nachod oder Postelberg waren Deutsche umgebracht worden, ohne dass ihnen eine Mitschuld an den Nazi-Verbrechen nachgewiesen worden war. Diese Tatsachen wurden von der kommunistischen Geschichtsschreibung tabuisiert.

"Aus heutiger Sicht würden auch die meisten tschechischen Historiker sagen: hätte man die Schuldigen an der NS-Politik bestrafen, schlimmstenfalls ausweisen sollen, aber nicht kollektiv fast alle Sudetendeutschen ausweisen sollen."

Der Historiker Detlef Brandes legte schon im Jahre 2001 eine umfangreiche Studie über den "Weg zur Vertreibung 1938-1945" vor. Für die deutsch-tschechische Verständigung engagieren sich seit vielen Jahren die katholische Ackermann-Gemeinde, der Adalbert-Stifter-Verein oder die sozialdemokratische Seliger-Gemeinde, die zumeist von vertriebenen Sudetendeutschen gegründet wurden. In Tschechien sind es heute vor allem jüngere Menschen, die etwa der Gruppe "Antikomplex" in Prag angehören, die das langjährige Tabu-Thema "Vertreibung" und die deutsch-tschechischen Beziehungen in Ausstellungen und Büchern kritisch reflektieren.

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