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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 22.12.2013

Vor 25 JahrenMord an dem brasilianischen Umweltschützer Chico Mendes

Großgrundbesitzer hassten den Naturschützer

Von Karl-Ludolf Hübener

Der Amazonas zeigt sich mit versandeten Ufern. (AP Archiv)
Blick auf die Ufer des Amazonas. (AP Archiv)

Die Kautschuk-Gummizapfer führten in Brasilien das Leben von Sklaven. Chico Mendes setzte sich für sie und für eine nachhaltige Entwicklung des Amazonasgebiets ein - und bezahlte seinen Einsatz am 22. Dezember 1988 mit dem Leben.

Trauerfeier für Chico Mendes. Der weltbekannte Gummizapfer, Ökologe und Gewerkschafter war am 22. Dezember 1988 ermordet worden, auf der Schwelle seines Hauses in Xapuri im brasilianischen Bundesstaat Acre. Sein Lebens- und Arbeitsraum war der Amazonas-Regenwald, den er retten wollte.

"Schutz und Verteidigung Amazoniens bedeutet Kampf, der nicht nur uns Gummizapfer und Indianer interessiert, sondern für die gesamte brasilianische Gesellschaft, ja für den ganzen Planeten von Interesse ist."

Francisco Alves Mendes Filho, genannt Chico Mendes, wurde am 14. Dezember 1944 in einer ärmlichen Hütte in der Umgebung von Xapuri geboren. Mitten im Regenwald, wo Kautschukbäume wild wachsen. Die Familie Chicos lebte vom Kautschuksammeln. Mit neun Jahren brachte ihm sein Vater bei, Gummibäume anzuzapfen. Bis zu zwölf Stunden war er fortan auf Urwaldpfaden unterwegs und schnitt mit einem scharfen Hohlmeißel Rillen in die Rinde. Später sammelte er die milchig-weiße Flüssigkeit, Latex genannt, ein.

Erst mit 18 Jahren lernte er lesen und schreiben. Nichts Ungewöhnliches, gilt Acre doch als einer der ärmsten Bundesstaaten Brasiliens. Das Geschäft mit Naturkautschuk lag weitgehend in Händen der Gummibarone. Die Kautschuksammler wurden mit Hungerlöhnen abgespeist.

Doch der Lebens- und Arbeitsraum der Gummizapfer, der "seringueiros", wurde zunehmend bedroht: Die Militärdiktatoren, die Brasilien von 1964 bis 1985 drangsalierten, wollten Amazonien mit Großprojekten entwickeln. Immer mehr Holzhändler drangen nun in den Regenwald vor, auf der Jagd nach Edelhölzern. Ihnen auf den Fersen die Viehzüchter, die auf dem gerodeten Gelände Zeburinder grasen ließen. Viele "seringueiros" wurden vertrieben, nicht selten mit brutaler Gewalt.

"Was die Großgrundbesitzer in den 70er-Jahren gerodet haben, schafften die Gummisammler nicht einmal in hundert Jahren. Denn wir Gummizapfer wissen, wie man diese Erde bearbeitet."

Chico Mendes nahm den Kampf gegen Holzhandel und Viehzucht auf. Er gründete den "Nationalrat der Kautschuksammler", wurde 1984 der erste Präsident der regionalen Gewerkschaftszentrale CUT. Chico brachte auch Gummizapfer und Indianer zusammen. Zwischen ihnen hatte lange ein gespanntes Verhältnis bestanden. Das gemeinsam verfasste "Manifest der Völker des Waldes" fordert,

"jenen gewaltigen und doch zerbrechlichen Lebenskreislauf, den unsere Wälder, Seen, Flüsse und Quellen bilden, zu schützen und zu erhalten – denn er ist die Quelle unserer Reichtümer, die Grundlage unserer Lebensformen und kulturellen Traditionen."

In großen Gruppen, darunter Frauen und Kinder, stellten sie sich den Holzfällern entgegen. Gewaltfreier Widerstand, der oft mit Gewalt beantwortet wurde.

"Wir Gummizapfer führen aber nicht nur einen ökologischen Diskurs. Wir wollen Amazonien weder in ein unantastbares Nationalheiligtum verwandeln, noch wollen wir ein verwüstetes Amazonien."

Sie entwickelten Alternativen, um den Regenwald wirtschaftlich nutzen zu können, ohne ihn zu zerstören. Chico Mendes' Name steht deshalb auch für nachhaltige Entwicklung.

"Wir sind uns sicher, aus Amazonien eine wirtschaftlich lebensfähige Region machen zu können, wenn wir dort Reservate für Kautschuksammler schaffen. Denn wir haben hier viele verborgene Reichtümer, die bislang nicht kommerzialisiert wurden."

Noch zu Lebzeiten erhielt er zahlreiche internationale Preise und Auszeichnungen. So verlieh ihm die UNO 1987 den Umweltpreis "Global 500". Doch die internationale Anerkennung schützte ihn nicht vor Verfolgungen im eigenen Land. Großgrundbesitzer und Viehzüchter hassten den Naturschützer.

"Seit 1977 bin ich das Opfer von mindestens sechs Anschlägen gewesen. Glücklicherweise, so unwahrscheinlich es klingt, bin ich heil davon gekommen."

Doch zwei Tage vor Weihnachten 1988 lauerten ihm die Grundbesitzer Darli und Darcy Alves vor seinem Haus auf. Die Mörder erhielten später langjährige Gefängnisstrafen.

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