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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 03.03.2016

Vor 20 Jahren starb Léo Malet"Er hatte die Visage eines kleinen Scheißers"

Von Hartmut Goege

Der französische Autor Léo Malet im Jahr 1985 (imago)
Léo Malet thematisierte die Verlierer, die kleinen Diebe und Betrüger als gescheiterte Helden in einer unmenschlichen Gesellschaft. (imago)

Léo Malet konnte in die Tiefen der menschlichen Seelen blicken und skurrile Typen mit schwarzem Humor zaubern. Vor 20 Jahren starb der französische Kriminalschriftsteller, der den einsamen Privatdetektiv Nestor Burma erfand.

"Dem Kerl, der im Türrahmen auftauchte, stand der dauernde Riesenärger im Gesicht geschrieben. Er hatte die Visage eines kleinen Scheißers, rauchte Pfeife und stieß nervöse Rauchwolken aus. 'Oh! Nestor Burma!', sagte er mit einem sonderbaren Lächeln voller Melancholie, wie einer, der sich an etwas erinnert, was unwiederbringlich dahin ist."

So porträtierte sich - bitter, ironisch und wenig schmeichelhaft - Léo Malet einmal in den 70er-Jahren mit den Augen seines Helden Nestor Burma. Beide hatten ihre beste Zeit hinter sich. Das Paris der 40er- und 50er-Jahre mit seinen dunklen Hinterhöfen und schmierigen kleinen Bistros und Cabarets existierte nicht mehr. Hier hatte Burma seine Fälle im Stil einsamer amerikanischer Privatdetektive vom Schlage eines Philip Marlowe gelöst.

Als Léo Malet am 3. März 1996 im Alter von knapp 87 Jahren starb, hatte er nicht nur über 50 Romane verfasst, sondern hinterließ mit Nestor Burma den ersten Privatdetektiv der französischen Literatur, von dem mittlerweile zahlreiche Adaptionen als Film-, Comic-, TV- und Hörspiel-Figur existieren:

"Sollten wir uns nicht erst mal bekannt machen? Ich bin Nestor Burma, mein Name steht auf dem Schild an der Tür. Und Sie?"

Nestor Burma - eine Figur ganz nach Malets Charakter

Léo Malet, 1909 in Montpellier geboren, wuchs als Waise bei seinen Großeltern auf. Schon als 16-Jähriger ging er nach einer abgebrochenen Banklehre nach Paris, um Sänger zu werden, schlug sich dort mit Gelegenheitsarbeiten und kleinen Gaunereien durch, landete zeitweilig im Knast, lebte unter Brücken, sympathisierte mit den Anarchisten und trat oft ohne Gage in den Cabarets der Stadt auf. Eine Biografie wie geschaffen für seine zukünftigen Romanfiguren aus der Schattenwelt der Pariser Gesellschaft.

Ende der 20er-Jahre schloss er sich den Surrealisten um André Breton an und schrieb Gedichte. Doch Geld konnte man damit kaum verdienen. Als nach Beginn der deutschen Besatzung die auch in Frankreich populären hard-boiled-novels, wie die von Dashiell Hammett, nicht mehr importiert wurden, begann Léo Malet unter amerikanischen Pseudonymen Kriminalgeschichten zu schreiben. Dann, 1943, tauchte Nestor Burma auf:

"Ich habe lange überlegt. Sollte ich einen Polizisten erfinden? Es gab schon Maigret. Einen Journalisten? Es gab schon Rouletabille. Einen Banditen? Es gab schon Arsène Lupin. Und so bin ich auf einen Privatdetektiv gekommen. Eine Figur am Rande der Gesellschaft, und das entspricht ja auch meinem Charakter."

Waren seine ersten Burma-Krimis noch brave Kopien ihrer amerikanischen Vorbilder, so schrieb Malet sich mit der eigenständigen "Schwarzen Trilogie" Mitte der 40er-Jahre in drei blutigen surrealen Albträumen abgrundtiefe menschliche Dramen von der Seele. Darin thematisierte er die Verlierer, die kleinen Diebe und Betrüger als gescheiterte Helden in einer unmenschlichen Gesellschaft:

"Aber das Leben ist eben zum Kotzen, es hat seine Zwänge. Der Alte im Lieferwagen hätte nicht ins Gras beißen müssen, trotzdem hat er es getan. Wenn wir Marcel weiter mit uns rumschleppen, sind wir erledigt."

Mit der "Schwarzen Trilogie" hatte Malet seinen eigenen, unverwechselbaren, geradlinigen Stil gefunden, mit dem er seinen Burma zu Beginn der 50er-Jahre noch einmal neu erfand: In dessen Detektei "Fiat Lux" schmachtete ihn regelmäßig seine Sekretärin Hélène an, zur Polizei besaß er ein freundschaftlich-gespanntes Verhältnis, er versuchte sich notorisch als Verführer, musste jede Menge Schläge einstecken und blieb doch gelassen französisch, anarchisch und immer etwas spöttisch:

"Onkel Samuel lag mitten in seinem Gerümpel artig auf dem Rücken. Eine kleine nackte Frau aus massivem Gold steckte bis zum Heft in seiner Brust. Aus seiner Alpaka-Jacke schaute eine Maroquin-Brieftasche hervor. Hundert schmuddelige Tausenderscheine steckten drin. Ich nahm mir die Hälfte, quasi als Vorschuss ... und für die Aufregung."

Das Paris der 50er-Jahre lebt auf

Besonders originell war die Idee, Nestor Burmas Abenteuer jeweils in einem der Pariser Arrondissements spielen zu lassen, ein Zyklus von 15 Folgen unter dem Titel "Neue Geheimnisse aus Paris".

"Zwei Wochen lang spazierte ich immer in jedem Bezirk herum, nicht um zu orten, sondern eher, um zufällig seine Intrigen aufzudecken. Dann schrieb ich das Buch in einem oder zwei Monaten."

Auch wenn Léo Malet in seinen Geschichten bewusst die touristischen Hauptattraktionen mied, entwickelte er ganz nebenbei eine unvergleichliche Großstadt-Topografie. Die lässt heute das Paris der 50er-Jahre für jeden Leser wieder aufleben.

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