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Von Serienmördern und Elefantenmenschen

Joe Coleman stellt in Berlin aus

Von Barbara Wiegand

Coleman: "Meine Art zu malen, die ist in gewissem Sinne auch schmerzvoll."
Coleman: "Meine Art zu malen, die ist in gewissem Sinne auch schmerzvoll." (Stock.XCHNG)

Joe Colemans Gemälde lassen einen nicht so einfach los. Zu kunstvoll ist der Blick ins Jenseits der Gesellschaft. Bis zum 12. August ist die Ausstellung "Internal Digging" in den Kunst-Werken in Berlin zu sehen.

Es ist eine gespenstig schräge Inszenierung, die den Besucher der Berliner Kunstwerke empfängt: Ein Toter im Sarg sagt schaurig lachend das baldige Wiedersehen im Jenseits voraus, von der Decke der großen Halle hängen Sensenmann und Selbstmörder, in einem Zirkuswagen liegt eine Beileidskarte von Charles Manson. Eine schräge Inszenierung, die mit ihrem schwarzen Humor zum Lachen bring, die aber auch die Frage aufwirft, was diese Kollektion makaberer Kuriositäten soll.

Doch was anfangs an einen Grufti-Treff erinnert, führt den Betrachter bald auf die Spur einer durchaus faszinierenden Ausstellung. Denn die erwähnten Wachsfiguren und Dokumente sind nicht nur Teil einer über drei Jahrzehnte zusammengetragenen Sammlung, die Joe Coleman als so genanntes Odditorium, ein Kabinett des Schreckens, in seiner New Yorker Wohnung aufbewahrt. Sie sind auch untrennbar mit den Bildwelten des Künstlers verbunden. Die akribisch mit Acryl auf Holz gemalten Werke sind bevölkert von solch seltsamen Dingen und Gestalten: von Entfesslungskünstlern und Elefantenmenschen, Serienmördern und Psychokillern.

"Die Gemälde erzählen Geschichten, die ich genau recherchiere. Und irgendwie habe ich Mitleid mit den Mördern und Serienkillern, deren Geschichte ich erzähle. Egal, was für Monster sie waren, sie waren auch Menschen."

In seinen Gemälden blickt Coleman so auf die dunkle Seite der Welt und in eigene Abgründe. Er studiert zum Beispiel Explosionen und ihre verheerende Wirkung, porträtiert sich selbst mit Totenkopf und dem zeigerlosen Ziffernblatt einer Uhr als Gesicht als Symbol der vielleicht lange schon abgelaufenen Zeit.

"Das englische Wort für Maler, Painter, enthält das Wort Schmerz, also Pain. Und meine Art zu malen, die ist in gewissem Sinne auch schmerzvoll, denn es ist sehr anstrengend. Ich arbeite mit einer Lupe und einem kleinen, sehr feinen Pinsel, den ich nur ganz vorsichtig halten darf. Ich mache das acht Stunden am Tag. Also, das ist wirklich nicht einfach, und es passt zu den düsteren Dingen, die ich male."

Ein Schmerz, der also auf Colemans Art zu arbeiten, auf seinem eigenen Ringen mit, der eigenen Leidenschaft für die Kunst basiert, aber auch auf der Passion Jesu Christie. 1955 im US-Bundesstaat Conneticut geboren, wuchs Joe Coleman in einem streng katholischen, irischstämmigen Elternhaus auf: eine religiös geprägte Kindheit, die schon den jungen Maler beeinflusste.

"Ja, diese Tragödien, die ich male, die haben schon etwas mit meinem katholisch sein zu tun. Wenn ich als Kind in der Kirche saß und hinauf gesehen habe zu dem Kreuz mit der daran genagelten Christusfigur, während der Pfarrer auf Latein predigte, das hatte etwas mystisches. Und mein erstes Werk, das ich als kleiner Junge gemalt habe, zeigt die Stationen des Kreuzweges, so wie sie in der Marienkirche abgebildet waren. Ich habe diese Kirchenbilder abgemalt, mit nur einer einzigen Farbe darin: Rot."

Heute geht die Kunst des Performers, Musikers und Malers Coleman weit über das Leiden Jesu hinaus. Kinds- und Massenmörder sind seine Motive. Mary Bell, die als Zehnjährige einen Vierjährigen umbrachte, oder den Serienkiller Ed Gein hat er porträtiert. Der sitzt als unscheinbarer und damit fast menschlich scheinender Anzugträger im Zentrum des Bildes. Über ihm die finstere Mutter, daneben Tote, Verstümmelte, mit dem Pinsel geschriebene Zitate aus Gerichtsprotokollen und Zeitungsberichten: eine wilde Collage, die all das, was einst geschah, in nur einem Bild erzählt, in bizarrer Stilmix aus Renaissancegemälde und Comic, ausgeleuchtet wie eine Ikone, womit der Horror zum Heiligtum wird

"Das sind auch Heilige. Das sind dunkle Götter. In unserer christlichen Gesellschaft gibt es ja nur den eine, den allmächtigen, grundgütigen Gott. Früher, bei den Griechen etwa, da gab es auch die Götter des Krieges, der Gewalt. Aber bei uns müssen die bösen Götter sozusagen durch die Hintertür kommen. Die dunklen Seiten der Menschheit werden verdrängt. Aber dadurch werden sie immer unheimlicher, unkontrollierbarer. Wenn wir sie dagegen ans Licht holen, dann können wir besser mit diesen dunklen Seiten umgehen."

Auch wenn angesichts der religiös verklärten Täter ein mulmiges Gefühl bleibt: Joe Colemans Gemälde lassen einen nicht so einfach los. Zu kunstvoll ist der Blick ins Jenseits der Gesellschaft, zu detailreich malt er die Albträume, die einen angesichts herrlich freakiger, vielfach geflügelter Engel dann auch mal lächeln lassen.

Zu nah dran ist er am Zynismus der realen Welt, wenn sich in den vom Fernsehen abgemalten Bildern das Grauen in Comedy auflöst. Joe Colemans Kunst ist mehr als schräger Schockeffekt, sie irritiert, fasziniert und lässt einen doch wenig ratlos zurück. Vielleicht, weil sie das Böse doch zu perfekt zelebriert.



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