Dienstag, 2. September 2014MESZ13:45 Uhr

Buchkritik

FamiliengeschichteZerwürfnisse wie Giftmüll
Wachsfiguren-Kabinett in St. Petersburg: Geheimdienst-Chef Lawrentij Berija (l.) und Stalin, dazwischen der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko.

Den Niedergang einer Familie vor dem Hintergrund der finsteren Geschichte Georgiens im 20. Jahrhundert schildert Nino Haratischwili in ihrem Mammutroman. Allerdings ergeben die detaillierten Episoden nur ein unübersichtliches Wimmelbild.Mehr

Zweiter WeltkriegKriegsinferno ganz nah
Der Autor und Historiker Antony Beevor, aufgenommen 2010 in Helsinki.

Mit dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen begann vor 75 Jahren der Zweite Weltkrieg. Der Historiker Antony Beevor entwirft in seinem 1000-Seiten-Buch nun ein gewaltiges Panorama jener Zeit - das mit seiner Wucht ebenso beeindruckt wie mit seiner Akribie.Mehr

RomanRobinsonade auf Hiddensee
Lutz Seiler, deutscher Schriftsteller, Ingeborg-Bachmann-Preistraeger 2007. Aufgenommen am 08.10.2010 in Frankfurt

Inselabenteuer in der Ostsee, die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft. Das lang erwartete Romandebüt "Kruso" von Lutz Seiler ist eine grandiose sprachliche Exkursion in das ungesicherte Gelände verschiedener Zeitschichten.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

TagebuchLiebhaber des Halbschattens
Der Mailänder Dom

Als patriotisch gesinnter Student aus Mailand zieht Carlo Emilio Gadda 1914 in den Krieg und wird Schriftsteller. Erstmals erscheinen nun seine Kriegserinnerungen in Deutschland.Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.05.2012

Von Mendel zu Dolly

Ernst Peter Fischer: "GENial! Was Klonschaf Dolly den Erbsen verdankt", Herbig, München 2012, 352 Seiten

Die inzwischen verstorbene Dolly gehörte zu den bekanntesten Klontieren der Welt.
Die inzwischen verstorbene Dolly gehörte zu den bekanntesten Klontieren der Welt. (British Council)

In seinem Streifzug durch die Geschichte der Genetik geht es Ernst Peter Fischer um die Genetik als Wissenschaft, den Prozess der Wissensentstehung. Und so beginnt er mit gekreuzten Erbsen im Klostergarten Mendels und landet schließlich bei der modernen Genforschung.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lernten Wissenschaftler, wie sie die Gesetze der biologischen Vererbung mit den Mitteln der Naturwissenschaft erforschen konnten. Seitdem verzeichnet die Genetik rasante Fortschritte. Häufiger als bei allen anderen Wissenschaften wurden ihre Ergebnisse jedoch falsch gedeutet und überinterpretiert. Denn bei der Forschung mit Erbsen, Fliegen oder Schafen geht es letztlich immer auch um den Menschen.

Der Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer beginnt seinen abwechslungsreichen Streifzug zu den Genen bei einem inzwischen weltbekannten Mönch, der seiner Zeit weit voraus war. Gregor Mendel hatte vor seiner Klosterlaufbahn Physik studiert, und daraus resultierte sein Wunsch, die Pflanzenzucht, die er gewissermaßen als Hobby im Klostergarten betrieb, in Zahlen zu fassen. So schuf er eine naturwissenschaftliche Grundlage für die Erforschung der Lebewesen.

Bereits 1865 entdeckte Mendel Zahlenverhältnisse bei den Blütenfarben der Erbsenpflanzen, die er im Klostergarten kreuzte. Nur selten jedoch präsentierte er seine Resultate in Artikeln oder Vorträgen. Die wenigen Originalschriften Mendels waren damals wie heute schwer zu verstehen und zu interpretieren. Erst nach der Übersetzung einiger Texte ins Englische, bei der eine leichter verständliche Interpretation gleich mitgeliefert wurde, begann unter Naturforschern die Diskussion um die "Atome der Vererbung". Sie führte 1906 zur Entstehung der Genetik als eigenständige Wissenschaft. Wenig später, 1909, verwendete der dänische Botaniker Wilhelm Johannsen erstmals den Begriff "Gen".

Ernst Peter Fischer konzentriert sich auf den Prozess der Wissensentstehung. Er will wissen: Wie wird durch Verknüpfung von neuen Ideen und neuen Techniken ein Wissensgebäude. Die besonderen Leistungen einzelner Forscher, aber auch ihre Umwege und Irrwege stehen bei ihm im Mittelpunkt. Ihm geht es um die Genetik als Wissenschaft. Immer wieder arbeitet er Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der naturwissenschaftlichen Biologie auf der einen und Physik und Chemie auf der anderen Seite heraus.

Trotzdem bietet "GENial" keinen vollständigen Überblick über die Geschichte der Genetik. Die gesellschaftliche Bedeutung der Genetik und ihr Missbrauch bei Euthanasie und Rassentheorien blendet Ernst Peter Fischer aus. Auch die gesellschaftliche Debatte um Nutzen und Risiken der Gentechnik kommen in diesem Buch nicht vor. "GENial" ist verständlich geschrieben, dennoch erfordert die Lektüre biologisches Vorwissen. Nur, wer die Hintergründe kennt, kann die interessanten Informationen und Ideen des Autors richtig einordnen.

Besprochen von Michael Lange

Ernst Peter Fischer: GENial! Was Klonschaf Dolly den Erbsen verdankt - Ein Streifzug durch die Genetik
Herbig, München 2012
352 Seiten, 19,99 EUR