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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 13.12.2011

Von "Made in China" zu "Create in China"

Der Mobiltelefonmarkt in Shenzhen

Von Lu Yen Roloff

Die Handyindustrie ist ein Beispiel für  Chinas Bestrebungen vom Billiglohnstandort zum Innovationszentrum zu werden. (AP)
Die Handyindustrie ist ein Beispiel für Chinas Bestrebungen vom Billiglohnstandort zum Innovationszentrum zu werden. (AP)

Die südchinesische Stadt Shenzhen ist das weltweite Zentrum der Handyindustrie. Und Shenzhens Hightech Industrie Park wächst. Schon heute ist er einer der erfolgreichsten von insgesamt 54 staatlichen Hightechparks. Hier sitzen 2500 Firmen aus Kommunikation, IT und Biotechnologie.

So hört sich die Globalisierung in Huaqiangbei an. Huaqiangbei ist der weltweit größte Hightech-Basar für Elektronikprodukte. Eine lebendige, palmengesäumte Straße mit über zwanzig großen Shoppingmalls im Zentrum von Shenzhen, der 15-Millionenstadt in Südchina an der Grenze zu Hongkong. Zwischen die chinesischen Passanten mischen sich Einkäufer aus Indien, Dubai, Venezuela oder Simbabwe. Kuriere schieben ihre Waren kistenweise auf Rollwagen zu den Transportern.

Die bringen sie zum Hafen - und von dort in die ganze Welt. Der Amerikaner Dave Procter überragt die meisten Passanten um einen Kopf. Der IT-Experte lebt in Shenzhen und kommt regelmäßig hierher, um einzelne Bausteine beziehungsweise Komponenten für seine Computer zu kaufen:

"Huqiangbei ist weltberühmt für seine elektronischen Komponenten. Für mich ist das hier wie ein wahrgewordener Traum, es ist überwältigend, ich kann hier jede Komponente bekommen, die ich möchte, wirklich alles. Shenzhen ist in diesem Bereich die weltgrößte Produktionsstätte - die größte Stadt, von der man noch nie gehört hat."

Auf zehn Millionen Quadratkilometern Einkaufsfläche kann man in Huaqiangbei Handys, Tablet-PCs, Flachbildschirme oder Lautsprecher kaufen - aber auch die Chips, Leiterplatten und USB-Ports, aus denen sie bestehen. Rund drei Millionen chinesischer Wanderarbeiter haben sie in den Fabriken an den Außenrändern von Shenzhen produziert.

Dave Procter betritt eine Shoppingmall, die auf Komponenten für Handyproduzenten spezialisiert ist. In langen Reihen stehen voll beladene Glastresen mit handgeschriebenen Schildern dicht nebeneinander darin: winzige Schräubchen, Platinen, Batterien, Kabel, Kameras oder Lautsprecher.

Dave Procter: "Die Mehrheit dieser Läden dient als Schaufenster zu Fabriken und kleinen Zwischenhändlern, also den Leuten, die Dich mit den Fabriken vernetzen und dir helfen, die Teile zu finden, die du brauchst."

Der Bedarf an diesen Komponenten ist groß. Shenzhen ist das weltweite Zentrum der Handyindustrie. Rund 400 Millionen Handys wurden hier allein im letzten Jahr hergestellt. Der Apple-Hersteller Foxconn mit 400.000 Mitarbeitern produziert hier, aber auch Nokia, Samsung sowie chinesische Marken wie Huawei, Xiaomi oder Meizu.

Doch in der Mall finden sich auch erste Anzeichen eines grauen Marktes am Rande der Illegalität. Auf einem Tresen löst ein Mann mit Zahnbürste und Chemielösung Chips von gebrauchten Platinen ab und verpackt sie für den Weiterverkauf in Plastikbeutel. Ein anderer Shop verkauft Aufkleber mit gefälschten Authentizitätssiegeln. IT-Experte Procter bleibt bei einem Stand stehen, an dem zwei junge Frauen gelangweilt Handyhüllen zusammenbasteln:

"Das könnten auch gefälschte Handyschalen sein. Das gibt es hier oft in dieser Gegend, viele Fälschungen sehen und fühlen sich genauso wie das Original an, oft machen die Fälscher einen ziemlich guten Job."

150 Millionen - rund ein Drittel aller Handys aus Shenzhen - tragen Logos wie Sumsung. Nokla. Mokia oder Hiphone. Fantasienamen wie Coco. Oder gar keine. In China sind sie als "Shanzhai-Ji" bekannt - grob übersetzt: Banditentelefone. "Shanzhai" bedeutet wörtlich "Bergfestung" und bezeichnete ursprünglich Bergrebellen, die um Autonomie von der zentralen Regierung kämpften.

Der Begriff steht heute für einen informellen Wirtschaftssektor, in dem kleine und mittelgroße Firmen große Marken kopieren und abwandeln. Obwohl die chinesische Regierung seit Jahren immer wieder Razzien durchführt und Fälscher-Fabriken schließt, gibt es Shanzhai-Autos, Shanzhai-Taschen und Shanzhai-Computer. Bekannt wurde der Begriff in China aber besonders in der Mobiltelefonindustrie.

Eine benachbarte Shoppingmall in Huaqiangbei zeigt auf vier weitläufigen Stockwerken die Vielfalt dieser Banditentelefone. Die Noklas, Sumsungs und Anycats in den Vitrinen sehen auf den ersten Blick aus wie Original-Produkte. Andere Telefone sind wie kleine Ferraris geformt, wie Mohrrüben oder Cartoon-Charaktere. Mehrere Stände haben gar das Iphone 5 im Programm - bevor es Apple überhaupt erfunden hat.

"Shanzhai-Handys können sich gut auf dem Markt behaupten, weil sie viel billiger sind. Einfache Arbeiter mit niedrigem Einkommen kaufen sie, weil sie billig sind. Sie brauchen nicht so viel Schnickschnack. Hauptsache, sie können das Handy benutzen",

sagt dieser Kunde. Die Zielgruppe der Shanzhai-Handys sind die rund eine Milliarde Chinesen, die im Monat nur 20 bis 200 Euro verdienen - und die Bewohner der Schwellenländer von Indien bis Afrika. Dabei sind längst nicht alle Banditentelefone billige Kopien:

"Ihre Modelle sind ein bisschen ausgefallen, oft sind sie für Chinesen leichter zu bedienen. Besonders für die mittlere und ältere Generation. Die Lautsprecher sind laut und die Batterie hält sehr lang."

Ein gut laufendes Modell ist etwa ein rotschwarzes Senioren-Handy für 178 Yuan - ca. 20 Euro.
Sein Innenleben stammt aus einem sogenannten Designhaus ein paar U-Bahnstationen von Huaqiangbei entfernt. In einem neonlichterhellten Büro mit grauer Auslegeware sitzt Firmengründer Vincent Yu, ein schüchterner, schmächtiger Mann mit Brille und stoppeligen Haaren. Der 29-Jährige zieht an dem Handy eine lange Antenne aus:

"Dieses Handy ist speziell für Senioren entwickelt worden. Es hat besonders große Tasten, eine große Schrift, einen größeren Lautsprecher und diese große FM-Antenne. Man braucht nicht ins Internet zu gehen, sondern kann mit dem Handy Radio hören, das ist sehr praktisch."

In Yus Firma entwickeln 22 Angestellte die Layouts von Platinen. Diese bestimmen, welche Funktionen ein Handy später an welchen Stellen integriert. Yus Firma konkurriert mit rund 2000 anderen Designhäusern in Shenzhen. Fast alle verwenden Chipsets der taiwanischen Firma MTK. Diese Komplettlösung machte es 2007 möglich, dass jeder ohne technisches Wissen Handys mit Kamera, MP3-Player oder Videofunktion bauen konnte. Eine Art Goldrausch brach im Mobiltelefonsektor aus:

"Damals war der Markt etwas durcheinander und jeder konnte machen, was Preis und Technik hergaben."

2009 tummelten sich schon 30.000 kleine und mittelgroße Firmen in Shenzhens Handyproduktion. Sie schließen sich je nach Bedarf zu Netzwerken zusammen und produzieren gemeinsam mal 2000, mal 10.000 Handys. Dabei drückt jeder Beteiligte die Kosten, wo es geht: Durch Kopieren sparen sie Zeit und Geld für die Forschung. Sie verzichten auf Lizenzen, Steuern und Qualitätskontrolle, auf Marketing und Service. Sie versuchen, Material oder Montagezeit zu sparen. Am Ende kostet ein Telefon ein Fünftel eines Markenhandys. Einer Firma bleiben oft nur fünf Yuan Gewinn pro Stück, knapp 50 Cent.

"Dieses Telefon hier trägt die Marke Huawei, aber die Platine ist von einer Shanzhai-Firma wie meiner gemacht. Die Firma drückt dem ganzen also nur ihr Logo auf - aber die Komponenten unterscheiden sich nicht von Shanzhai-Telefonen. Es gibt also keine klare Grenze zwischen Shanzhai und Nicht-Shanzhai Telefonen. Wer Shanzhai nur als 'Kopie' übersetzt, beleidigt die Leute, die diese Handys herstellen."

Mit Erfindungsreichtum versuchen Shanzhai-Firmen, sich neue Marktnischen zu erschließen, die große Marken nicht erreichen. Einige bauten in ihre Banditentelefone etwa sieben Lautsprecher ein, sodass Bauern und Bauarbeiter das Handy bei der Arbeit als Stereoanlage verwenden können. Handys mit zwei Simkarten sind inzwischen Standard-Wanderarbeiter fernab der Heimat, können so Roamingkosten sparen.

Lange Batterielaufzeiten zwischen einem Monat und einem Jahr richten sich etwa an afrikanische Dorfbewohner ohne regelmäßigen Zugang zu Elektrizität. Es gibt wasserfeste Handys für Taucher, Telefone mit Taschenlampe, mit Fernseh- oder Radio-Empfang und sogar einem integrierten Rasierapparat.

Eric Pan, 28, klein, Typ begeisterungsfähiger Macher, liebt den Erfindergeist der Shanzhai-Hersteller. Er gründete in Shenzhen einen sogenannten Hackerspace - einen großen Büroraum im Westen der Stadt, wo Technik- und IT-Fans basteln, programmieren und löten, Geräte erfinden oder erweitern. Pan blickt auf den umgebauten Kühlschrank in der Ecke, der neuerdings Emails verschickt, wenn das Bier alle ist. Pan grinst: Chinesische Firmen könnten mehr, als nur die Werkbank der Welt zu sein:

"Shanzhai ist ein Stadium in der Entwicklung von Made in China zu Innovate in China. Die Firmen sind sehr innovativ. Sie kopieren nicht einfach, sondern sie müssen die Hardware umdesignen, um den Standard der großen Firmen zu erreichen. So lernen sie dazu. Shanzhai ist innovativ, nicht auf eine große, revolutionäre Weise. Es sind Mikroinnovationen, Shanzhai eben."

Viele seiner Kollegen aus dem Hackerspace gehören zu den Absolventen von Technik- und IT-Studiengängen. Sie kommen gerade aus dem ganzen Land nach Shenzhen, erzählt Pan:

"Shenzhen war anfangs ein Fabrikstandort, jetzt entwickelt sich hier eine lokale Ingenieurs-Szene. Die Fabriken werden aus dem Stadtzentrum nach außen verlagert. Jetzt warten wir auf das nächste Stadium, Design."

Es könnte zum Beispiel in Shenzhens Hightech Industrial Park im Westen der Stadt beginnen. 2500 Firmen aus Kommunikation, IT und Biotechnologie sitzen hier. Die Zahl der von ihnen angemeldeten Patente wächst rapide. Die Regierung fördert das mit großen Summen und verschärft zeitgleich mit Polizeigewalt den Schutz geistigen Eigentums. In der Shoppingstrasse Huaqiangbei schlossen seit Mai Hunderte von Shanzhai-Händlern. beobachtet Pan:

"Die Zahl der Shanzhai-Firmen sinkt. Aber aus dem Feld schälen sich gute Firmen heraus, die den Markt übernehmen". "

So wie die Firma G'Five. Ein strahlend weißer, hypermoderner Konferenzraum in einem Hong Konger Büroturm. Nancy Zhang, Managerin bei G'Five, verschränkt zu Beginn des Gesprächs erstmal die Arme. G'Five spreche nicht oft mit der Presse, sagt sie. Man habe das nicht nötig - allein im ersten Halbjahr 2010 verkaufte G'Five fast zehn Millionen Handys - bereits mehr als halb so viel wie Apple. Dennoch ist die Firma im Westen nur Brancheninsidern bekannt:

""In den letzten zehn Jahren hat sich die gesamte Industrie gewandelt. Die gesamte Lieferkette ist aus dem Westen nach China gezogen. Das war für uns die Basis, qualitativ hochwertige Telefone zu niedrigen Preisen herzustellen."

2003 begann G'Five wie viele andere Familienunternehmen als kleine Zulieferfirma für Handyhüllen. Durch Qualität und Kundenservice arbeitete sie sich zur eigenen Marke hoch. G'Five hat die Erfolgsrezepte der Shanzhai-Industrie verinnerlicht: Über 180 Handymodelle hat sie alleine seit 2008 für Menschen mit niedrigem Einkommen entwickelt. Statt für Fernsehwerbung Geld auszugeben, vertreibt die Firma ihre Telefone über ein Netzwerk lokaler Händler in Pakistan, Südamerika und Afrika. In Indien ist G'Five zweitgrößter Handyanbieter, geplant ist jetzt der Einstieg in den chinesischen Markt:

"Große Marken wie Nokia und Samsung kümmern sich gut um die EU und Amerika. Aber die Inder können sich diese Handys weder leisten noch erfüllen sie ihre Bedürfnisse. Westliche Firmen entwickeln ihren High-Tech-Kram im Büro, achten aber nicht so sehr auf den Markt. Die Chinesischen Firmen kümmern sich mehr um die wahren Bedürfnisse der Kunden. In den Schwellenländern gibt es also viel Spielraum für chinesische Firmen."

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