Donnerstag, 30. Oktober 2014MEZ17:46 Uhr

Buchkritik

BoxenEin grelles Porträt voller Leidenschaft
Eine Szene aus dem Kampf um die Weltmeisterschaft im Schwergewicht zwischen George Foreman (l) und Muhammad Ali am 1. Oktober 1975 in Manila.

George Foreman und Muhammad Ali: Ihr Boxkampf in Kinshasa Mitte der 70er-Jahre gilt bis heute als ein Kampf der Giganten. Er verzögerte sich allerdings mehrere Wochen. In dieser Zeit entstand die Reportage des amerikanischen Journalisten Bill Cardoso.Mehr

SachbuchWie der mörderische Dschihadismus entstanden ist
Unterstützer der Terrorgruppe IS während einer Demonstration in Syrien.

Ein Beitrag zur Enthysterisierung: Behnam T. Said macht die Bedingungen, unter denen der IS entstehen konnte, handfest nachvollziehbar. Dass er für den Verfassungsschutz arbeitet, macht seinen Blick angenehm praxisnah und seine Prosa schnörkelfrei. Mehr

RomanKluges Spiel mit den Klischees des Western
Prärie am South Bighorn Scenic Backway bei Waltman im US-amerikanischen Bundesstaat Wyoming.

In ihrem Roman "Mit heiler Haut" bürstet die französische Autorin Céline Minard den Gründungsmythos Amerikas kräftig gegen den Strich. Ihr Western kann auch diejenigen begeistern, die bisher einen großen Bogen um das Genre gemacht haben.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

Deutsche MythenTatort Wartburg
Die Wartburg Eisenach (Thüringen)

In fast zehn Jahrhunderten wechselvoller deutscher Geschichte war die Burg Zuflucht oder Bühne großer historischer Figuren. Trägt das symbolische Kapital bis heute?Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.09.2010

Von Kaufmann-Fans für Kaufmann-Fans

Thomas Voigt: "Jonas Kaufmann. Meinen die wirklich mich?", Henschel Verlag, Berlin 2010, 176 Seiten

Annette Dasch und Jonas Kaufmann im "Lohengrin".
Annette Dasch und Jonas Kaufmann im "Lohengrin". (AP)

Das Buch ist weniger eine Biographie, als vielmehr eine Lobhudelei auf einen der aktuell gefragtesten deutschen Tenöre, Jonas Kaufmann. Zwölf Intendanten, Kritiker und Kollegen schwärmen über den Sänger, sein Können - und sein Aussehen.

Mit der Partie des Lohengrin debütierte Jonas Kaufmann bei den diesjährigen Bayreuther Festspielen. Davon träumt jeder Sänger, wie auch davon, einmal auf den Brettern der New Yorker Met zu stehen. Dort sang Jonas Kaufmann vor vier Jahren den Alfredo in Verdis "La Traviata". Es war der Auftakt seiner internationalen Karriere, die ihn seither an nahezu alle großen Bühnen der Welt führte. Als Jonas Kaufmann am Ende der "Traviata"-Vorstellung vor den Vorhang trat, brach im Publikum ein regelrechter Jubelsturm los und er fragte sich: "Meinen die wirklich mich?"

Diese Frage wurde zum Untertitel des Buches von Thomas Voigt, das weniger eine Biographie, als eine Lobhudelei von höheren Graden genannt werden muss, denn es ist nicht mehr und nicht weniger als eine Aneinanderreihung von superlativischen Interviews und Elogen auf den attraktiven Tenor aus dem Munde von zwölf Autoritäten, darunter Intendanten, Kritiker und Sängerkollegen. Der Intendant der New Yorker MET beispielsweise, Peter Gelb, nennt Jonas Kaufmann "Eine Klasse für sich", weil er gleichermaßen Verdi, Puccini, Mozart, Bizet und Wagner singen könne. Der Sänger selbst meint dazu: "Ich brauche einfach diese Abwechslung, ich brauche die Herausforderung, weil: Ich möchte den Spaß an der Musik nicht verlieren."

Spaß hat nicht selten mit Erotik zu tun. Die Modedesignerin Gabriele Strehle, die den Tenor-Schönling Kaufmann einkleidet und ihn fotografiert, bekennt in diesem Buch: "Wir setzen auf Erotik. Wir glauben an die Wirklichkeit der Phantasien und an die Suggestionskraft der Wünsche". Jonas Kaufmann wird auf seinen CD-Covers denn auch wie ein Fotomodell verkauft. Seine Hoffnung: "Ich würde mir wünschen, dass es irgendwann einen Tag gibt, wo gar kein Foto von mir drauf ist und die Leute die Platte trotzdem kaufen."

Jürgen Kesting, der deutsche "Stimmen-Papst", gibt Jonas Kaufmann das Etikett "Top-Tenor der Welt"; zumindest ist er derzeit der gefragteste Tenor deutscher Herkunft. Angefangen hat er am Theater in Saarbrücken. Dort absolvierte er, wie man dem Buch von Thomas Voigt entnehmen kann, seine sängerischen Galeerenjahre. Seine wichtigste Erfahrung im Saarland: "Ich habe dort das Neinsagen gelernt, das war einfach ein Punkt, der wirklich entscheidend ist, dass man nicht das Gefühl hat, man ist dem Theater gegenüber verpflichtet, man muss all das tun, aber letztlich dankt es einem Niemand. In dem Moment, wo die Stimme nicht mehr funktioniert, ist man weg vom Fenster, und dann kommt der Nächste."

Dieser Einsicht ungeachtet singt Jonas Kaufmann zu viel und wildert in allen Stimmfächern. Sein Terminkalender ist über Jahre ausgebucht. Er schont sich nicht. Erste Anzeichen stimmlicher Abnutzung sind bereits unüberhörbar. Dennoch wird Jonas Kaufmann als Superstar vermarktet.

Das Buch von Thomas Voigt ist Teil der Marketing-Stategie derer, die an dem Sänger verdienen. Alles nur Verehrer und Freunde von Jonas Kaufmann, versteht sich! Ein Buch von Kaufmann-Fans für Kaufmann-Fans. Kritische Töne vermisst man hier. Merkwürdig, dass keiner der Freunde und Verehrer, die es doch alle so gut mit ihm meinen und so viel von Stimmen verstehen, ihn warnt, sich zu übernehmen. Immerhin gesteht Kaufmann in diesem Buch, seine sängerischen Idole seien Fritz Wunderlich und Nicolai Gedda. Die haben aber – im Gegensatz zu Kaufmann – kluge Singökonomie betrieben und ein schmales Repertoire gesungen, um ihre Stimmen zu schonen.

Doch Jonas Kaufmanns Selbstbewusstsein scheint angesichts seiner derzeitigen Höhenflüge unerschütterlich: "Ich glaube schon, dass meine Technik ausreicht, um die Stimme sehr lange zum Singen benutzen zu können; falls das nicht der Fall sein sollte, würde mir sicher auch was anderes einfallen, um meine Zeit totzuschlagen."

Besprochen von Dieter David Scholz

Thomas Voigt: Jonas Kaufmann. Meinen die wirklich mich?
Henschel Verlag, Berlin 2010
176 Seiten, 19,90 Euro

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Kein Sommer in Bayreuth
Tierversuch "Lohengrin"
Unmöglichkeit der Liebe