Mittwoch, 3. September 2014MESZ04:12 Uhr

Buchkritik

FamiliengeschichteZerwürfnisse wie Giftmüll
Wachsfiguren-Kabinett in St. Petersburg: Geheimdienst-Chef Lawrentij Berija (l.) und Stalin, dazwischen der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko.

Den Niedergang einer Familie vor dem Hintergrund der finsteren Geschichte Georgiens im 20. Jahrhundert schildert Nino Haratischwili in ihrem Mammutroman. Allerdings ergeben die detaillierten Episoden nur ein unübersichtliches Wimmelbild.Mehr

Zweiter WeltkriegKriegsinferno ganz nah
Der Autor und Historiker Antony Beevor, aufgenommen 2010 in Helsinki.

Mit dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen begann vor 75 Jahren der Zweite Weltkrieg. Der Historiker Antony Beevor entwirft in seinem 1000-Seiten-Buch nun ein gewaltiges Panorama jener Zeit - das mit seiner Wucht ebenso beeindruckt wie mit seiner Akribie.Mehr

RomanRobinsonade auf Hiddensee
Lutz Seiler, deutscher Schriftsteller, Ingeborg-Bachmann-Preistraeger 2007. Aufgenommen am 08.10.2010 in Frankfurt

Inselabenteuer in der Ostsee, die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft. Das lang erwartete Romandebüt "Kruso" von Lutz Seiler ist eine grandiose sprachliche Exkursion in das ungesicherte Gelände verschiedener Zeitschichten.Mehr

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Literatur

Bewegung und SchreibenIch ist ein Wanderer
"Wanderer über dem Nebelmeer" von Caspar David Friedrich

Die Bewegung eines Schriftstellers zu Fuß auch in Zeiten unbegrenzt möglicher Fernreisen ist für sein Schreiben existenziell. Die Bewegung eines Schriftstellers zu Fuß ist auch in Zeiten unbegrenzt möglicher Fernreisen entscheidend ist für sein Schreiben.Mehr

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.09.2010

Von Kaufmann-Fans für Kaufmann-Fans

Thomas Voigt: "Jonas Kaufmann. Meinen die wirklich mich?", Henschel Verlag, Berlin 2010, 176 Seiten

Annette Dasch und Jonas Kaufmann im "Lohengrin".
Annette Dasch und Jonas Kaufmann im "Lohengrin". (AP)

Das Buch ist weniger eine Biographie, als vielmehr eine Lobhudelei auf einen der aktuell gefragtesten deutschen Tenöre, Jonas Kaufmann. Zwölf Intendanten, Kritiker und Kollegen schwärmen über den Sänger, sein Können - und sein Aussehen.

Mit der Partie des Lohengrin debütierte Jonas Kaufmann bei den diesjährigen Bayreuther Festspielen. Davon träumt jeder Sänger, wie auch davon, einmal auf den Brettern der New Yorker Met zu stehen. Dort sang Jonas Kaufmann vor vier Jahren den Alfredo in Verdis "La Traviata". Es war der Auftakt seiner internationalen Karriere, die ihn seither an nahezu alle großen Bühnen der Welt führte. Als Jonas Kaufmann am Ende der "Traviata"-Vorstellung vor den Vorhang trat, brach im Publikum ein regelrechter Jubelsturm los und er fragte sich: "Meinen die wirklich mich?"

Diese Frage wurde zum Untertitel des Buches von Thomas Voigt, das weniger eine Biographie, als eine Lobhudelei von höheren Graden genannt werden muss, denn es ist nicht mehr und nicht weniger als eine Aneinanderreihung von superlativischen Interviews und Elogen auf den attraktiven Tenor aus dem Munde von zwölf Autoritäten, darunter Intendanten, Kritiker und Sängerkollegen. Der Intendant der New Yorker MET beispielsweise, Peter Gelb, nennt Jonas Kaufmann "Eine Klasse für sich", weil er gleichermaßen Verdi, Puccini, Mozart, Bizet und Wagner singen könne. Der Sänger selbst meint dazu: "Ich brauche einfach diese Abwechslung, ich brauche die Herausforderung, weil: Ich möchte den Spaß an der Musik nicht verlieren."

Spaß hat nicht selten mit Erotik zu tun. Die Modedesignerin Gabriele Strehle, die den Tenor-Schönling Kaufmann einkleidet und ihn fotografiert, bekennt in diesem Buch: "Wir setzen auf Erotik. Wir glauben an die Wirklichkeit der Phantasien und an die Suggestionskraft der Wünsche". Jonas Kaufmann wird auf seinen CD-Covers denn auch wie ein Fotomodell verkauft. Seine Hoffnung: "Ich würde mir wünschen, dass es irgendwann einen Tag gibt, wo gar kein Foto von mir drauf ist und die Leute die Platte trotzdem kaufen."

Jürgen Kesting, der deutsche "Stimmen-Papst", gibt Jonas Kaufmann das Etikett "Top-Tenor der Welt"; zumindest ist er derzeit der gefragteste Tenor deutscher Herkunft. Angefangen hat er am Theater in Saarbrücken. Dort absolvierte er, wie man dem Buch von Thomas Voigt entnehmen kann, seine sängerischen Galeerenjahre. Seine wichtigste Erfahrung im Saarland: "Ich habe dort das Neinsagen gelernt, das war einfach ein Punkt, der wirklich entscheidend ist, dass man nicht das Gefühl hat, man ist dem Theater gegenüber verpflichtet, man muss all das tun, aber letztlich dankt es einem Niemand. In dem Moment, wo die Stimme nicht mehr funktioniert, ist man weg vom Fenster, und dann kommt der Nächste."

Dieser Einsicht ungeachtet singt Jonas Kaufmann zu viel und wildert in allen Stimmfächern. Sein Terminkalender ist über Jahre ausgebucht. Er schont sich nicht. Erste Anzeichen stimmlicher Abnutzung sind bereits unüberhörbar. Dennoch wird Jonas Kaufmann als Superstar vermarktet.

Das Buch von Thomas Voigt ist Teil der Marketing-Stategie derer, die an dem Sänger verdienen. Alles nur Verehrer und Freunde von Jonas Kaufmann, versteht sich! Ein Buch von Kaufmann-Fans für Kaufmann-Fans. Kritische Töne vermisst man hier. Merkwürdig, dass keiner der Freunde und Verehrer, die es doch alle so gut mit ihm meinen und so viel von Stimmen verstehen, ihn warnt, sich zu übernehmen. Immerhin gesteht Kaufmann in diesem Buch, seine sängerischen Idole seien Fritz Wunderlich und Nicolai Gedda. Die haben aber – im Gegensatz zu Kaufmann – kluge Singökonomie betrieben und ein schmales Repertoire gesungen, um ihre Stimmen zu schonen.

Doch Jonas Kaufmanns Selbstbewusstsein scheint angesichts seiner derzeitigen Höhenflüge unerschütterlich: "Ich glaube schon, dass meine Technik ausreicht, um die Stimme sehr lange zum Singen benutzen zu können; falls das nicht der Fall sein sollte, würde mir sicher auch was anderes einfallen, um meine Zeit totzuschlagen."

Besprochen von Dieter David Scholz

Thomas Voigt: Jonas Kaufmann. Meinen die wirklich mich?
Henschel Verlag, Berlin 2010
176 Seiten, 19,90 Euro

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