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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.12.2007

Von Gier und Grausamkeit

Conrad, Joseph: "Herz der Finsternis. Jugend. Das Ende vom Lied." S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007, 380 Seiten

Eine Sklavin hält ihren jungen Master auf den Armen, 1850. (AP Archiv)
Eine Sklavin hält ihren jungen Master auf den Armen, 1850. (AP Archiv)

Als vorausweisende Darstellung des Kolonialismus wurde "Herz der Finsternis" zur Weltliteratur. Die Erzählung von Joseph Conrad erschien 1902 in einem Triptychon mit zwei weiteren Erzählungen, "Jugend" und "Das Ende vom Lied". Die neu erschienene Übersetzung von Manfred Allié befreit die Werke vom pathetischen Ton und macht sie leicht lesbar.

Nach hoch gelobten Romanen wie "Almayers Wahn" und "Der Verdammte der Inseln" erschien 1902 der Band mit drei Erzählungen, mit denen Joseph Conrad, der vormalige Dandy-Seemann, sich in die Moderne einschrieb. Die berühmteste, "Herz der Finsternis", wurde zum Schlagwort und taucht heute unvermeidlich in allen möglichen Afrika-Zusammenhängen auf.

Sie ist das dunkle Mittelstück eines Triptychons der scheiternden Seefahrt. Was später "Dialektik der Aufklärung" genannt wurde, entwickelt Conrad hier bereits in einer vorausweisenden Darstellung des Kolonialismus, der Licht bringen will und nichts als Finsternis verbreitet. "Sie wollten Schätze aus dem Leib dieses Landes reißen, und es steckte nicht mehr Moral in ihrer Sache als in der Tat eines Einbrechers, der einen Geldschrank knackt", heißt es an einer Stelle.

Angetrieben von der Gier König Leopolds II. nach Elfenbein und Kautschuk, begingen die belgischen Kolonisatoren im Kongo zwischen 1885 und 1910 den ersten Völkermord im Maßstab des kommenden Jahrhunderts. Sechs bis zehn Millionen Afrikaner wurden zu Tode geschunden. Marlows legendäre Suche nach dem unheimlichen Unhold Kurtz hat einen bitter realen Hintergrund. Wir befinden uns im Bannkreis einer neuen Unmenschlichkeit, der kommenden Gulags und Konzentrationslager.

Das Böse hat als Spaltprodukt des Gutgemeinten alles kontaminiert; vormalige Helden werden zu Figuren des Zerfalls. "Rottet die Bestien alle aus", lautet Kurtz’ handschriftlicher Nachtrag zu einem philanthropischen Text. "Ganz Europa trug dazu bei, Kurtz hervorzubringen" - er ist das Schreckensspiegelbild einer allzu sendungsbewussten Zivilisation.

Das Mysteriöse - bei Conrad wird es Ereignis. Seine Erzählungen und Romane sind nicht auf den Punkt erzählt, sondern umkreisen ihn in einer unermüdlichen Bewegung, ergehen sich in obskuren Andeutungen, zelebrieren Leerstellen und Widersprüche. Es ist eine Kunst der verzögerten Entzifferung, die gleichsam mit Freudschen Obsessionen gesättigt ist: Verdrängung, Scham, Schuld, Traum, Sublimation, Vaterfiguren - wie jener alte Kapitän Whalley in "Das Ende vom Lied". Er übernimmt ein letztes Kommando auf einem Seelenverkäufer, um für seine in misslichen Lebens- und Eheumständen befindliche Tochter Ivy noch etwas Geld zu verdienen. Der Stolz des Alten bildet die Schubkaft einer nahezu klassischen Tragödie: Whalley verschweigt, dass er langsam erblindet und nur noch mit Hilfe eines malaiischen Bootsmannes das Schiff führen kann.

Während er noch die Fäden in der Hand zu halten und alle zu täuschen glaubt, ist er längst das Objekt einer Intrige, die auf Schiffbruch und Versicherungsbetrug abzielt. Es ist eine Novelle, die in ihrer Thematik und ihrer unaufdringlichen Parabelhaftigkeit - natürlich ist die Schifffahrt bei Conrad immer ein Sinnbild des Lebens - an Hemingways "Der alte Mann und das Meer" denken lässt.

Die überfällige Neuübersetzung von Manfred Allié beweist, dass Conrad durchaus nicht der Mann jenes pathetisch-existentiellen Tons war, der ältere Übertragungen seiner Werke oft so beschwerlich und sperrig macht. Es ist, als wäre ein trüber Schleier weggezogen. Wie leicht und gewitzt liest sich nun "Jugend", die Geschichte eines von tragikomischem Pech verfolgten Schiffes, das auf seiner Fahrt nach Ostindien diverse Lecks und eine Brandkatastrophe übersteht, um schließlich bei einer Kohlenstaubexplosion in die Luft zu fliegen. Im Rettungsboot gelangt der jugendliche Marlow, Alter Ego Conrads in vielen Geschichten und Romanen, schließlich doch ans Ziel seiner exotischen Sehnsüchte.

Einer der einleitenden Sätze von "Herz der Finsternis" mag den Gewinn an Frische und rhythmischer Prägnanz verdeutlichen. In der alten Fassung von Fritz Lorch heißt es reichlich ungelenk: "Draußen verschmolz nahtlos Himmel und Meer, und in dem lichterfüllten Raum schienen die gelohten Segel der Leichter, die mit der Flut herauftrieben, stillzustehen, in Massen straff aufgespannter roter Leinwand, in denen die lackierten Spriete aufblinkten." Bei Manfred Allié liest sich der Satz nun viel geschmeidiger: "In der Ferne verschmolzen Meer und Himmel, und in dem lichterfüllten Raum war es, als stünden die gegerbten Segel der Lastkähne, die mit der Flut hereinkamen, still, ein Wald aus straffgespannter roter Leinwand, durch den die lackierten Spriete schimmerten." Dank dieser Neuübersetzung wird Weltliteratur zum Lesevergnügen.


Rezensiert von Wolfgang Schneider


Conrad, Joseph: Herz der Finsternis. Jugend. Das Ende vom Lied
Drei Erzählungen

Übersetzt von Manfred Allié
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007, 380 Seiten, 19,90 Euro

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