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Feiertag / Archiv | Beitrag vom 17.06.2012

Von einem, der die Welt auf den Kopf stellte

Nikolaus Kopernikus, Astronom und Geistlicher

Von Elena Griepentrog

Porträt von Nikolaus Kopernikus
Porträt von Nikolaus Kopernikus (Kopernikus-Museum, Thorn)

Nikolaus Kopernikus war einer der bedeutendsten Astronomen der Weltgeschichte. Er entdeckte als Erster, dass nicht die Erde der Mittelpunkt des Universum ist, sondern die Sonne. Die Auswirkungen dieser Erkenntnis entpuppten sich als dramatisch für die Theologie.

Wenn auch mit einiger Verzögerung, denn Kopernikus wurde erst mal nur verlacht, von den Wissenschaften ebenso wie von den Kirchen. Dennoch gingen seine Entdeckungen im Nachhinein als Kopernikanische Wende in die Geschichte ein. Wer war Nikolaus Kopernikus? Was waren seine Absichten? Und was bedeuten seine Erkenntnisse für die Freiheit eines jeden Christen?

Unsere Erde ist der Mittelpunkt des Universums. Um sie kreisen die Sonne, die Sterne, der Mond und die anderen fünf Planeten, sie alle werden getragen und gehalten von unsichtbaren Sphären. An der äußeren Sphäre schließlich leuchten uns die Fixsterne. Sie halten das Universum wie ein Zelt zusammen. Eine ewige, sichere Ordnung.

So dachte der Mensch des Mittelalters, so lehrte es damals die Kirche. Ursprünglich war dieses Weltbild gar kein kirchliches, sondern das antike, erdacht im 2. Jahrhundert von dem griechisch-römischen Astronomen Claudius Ptolemaios. Er bestimmte mit seinem geozentrischen Weltbild das Denken des gesamten Abendlandes, anderthalb Tausend Jahre lang. Sicher auch deshalb, weil dieses Weltbild von der Kirche eilfertig übernommen wurde, schließlich schien es der Bibel exakt zu entsprechen.

Doch dann kam Nikolaus Kopernikus, ein Katholik, ein Geistlicher, ein Astronom. Er hat mit seinem neuen Weltbild diese unsterbliche Harmonie durcheinander gebracht. Sicherheiten brachen zusammen, nichts war mehr, wie es vorher war. Die Welt wurde eine andere. Die "Kopernikanische Wende" prägt uns bis heute.

Nikolaus Kopernikus wurde 1473 in Thorn geboren, auf Polnisch Torun - eine Gegend, die wir Deutschen meist Westpreußen nennen. Bis heute steht Kopernikus bei jeder Stadtführung im Mittelpunkt. Kein Wunder, seine Spuren sind auch wirklich nicht zu übersehen. Das Kopernikus-Museum ist im ehemaligen Wohn- und Lagerhaus der Familie in der Kopernikusstraße untergebracht. Auf dem altstädtischen Marktplatz schaut Kopernikus als überlebensgroße Statue auf die Bürger und Touristen Thorns herab. Noch heute gibt es eine bekannte Schule für Astronomie. Und selbstverständlich ist auch die berühmte Universität nach Nikolaus Kopernikus benannt.

Von all diesen Ehren ahnt im 15. Jahrhundert noch niemand etwas, als der kleine Nikolaus geboren wird, als Sohn des wohlhabenden Kaufmanns und anerkannten Bürgers Niklas Koppernigk und seiner Frau Barbara, geborene Watzenrode. Stadtführerin Malgorzata Litkowska:

"Kopernikus ist im Jahre 1473 geboren, als das vierte Kind, also zwei Schwestern und zwei Brüder, und er blieb in Thorn bis zum 18. Lebensjahr. Als er zehn Jahre alt war, starb sein Vater, und zum Betreuer der Familie wurde der Bischof Lukas von Watzenrode, und er wollte immer, dass Kopernikus diese kirchliche, geistliche Karriere macht, also er wollte immer, dass Kopernikus zum Bischof wird. Na ja, die Geschichte war ganz anders …"

Doch zunächst ist Kopernikus vor allem als unsteter Student bekannt. Er studiert in Krakau Mathematik, Astronomie und "den Aristoteles", bleibt aber ohne Abschluss. 1495 verschafft der Bischof Watzenrode, der gleichzeitig sein Onkel ist, dem 22jährigen eine Stelle als Domherren im Ermland. Sie sichert ihm ein ansehnliches Einkommen und ermöglicht ihm ein gutes Studium in Italien.

Dort studiert er Kirchenrecht, später noch einmal Mathematik, Astronomie und dazu noch Medizin. Doch seine wirkliche Leidenschaft gilt seinen astronomischen Beobachtungen. Immerhin wird er schließlich zum Doktor des Kirchenrecht promoviert. Einen akademischen Abschluss in Medizin hat Kopernikus nicht. Trotzdem geht er nach Thorn zurück und wird Leibarzt und Privatsekretär des Bischofs Lukas Watzenrode.

Die Bischofskarriere, die Onkel Lukas für seinen Neffen vorgesehen hat, interessiert ihn dagegen nicht. Um dem mächtigen Einfluss seines Onkels zu entkommen, zieht er 1510 ganz nach Frauenburg im heutigen Ostpreußen, auf die Ordensburg - im "hintersten Winkel der Welt", wie er selbst schreibt. Auf der gigantischen Burg verwaltet er vor allem die Regierungsgeschäfte der Ordensritter. Kopernikus hat viele Talente. So schreibt er zum Beispiel bedeutende Abhandlungen über Wirtschaft und Geld. Er gilt damit als der wichtigste ökonomische Denker der frühen Neuzeit. Vor allem aber widmet er sich der Astronomie. Dabei geht es ihm sicher keinesfalls darum, Beweise gegen den Schöpfungsbericht der Bibel zu sammeln. Ganz im Gegenteil!

"Wer sollte nicht durch die stete Beobachtung und den sinnenden Umgang mit der von der göttlichen Weisheit geleiteten herrlichen Ordnung des Weltgebäudes zur Bewunderung des allwirkenden Baumeisters geführt werden?"

Zeit für solche Beobachtung und Bewunderung hat er genug: Als Domherr ist er zwar kein Priester, hat aber eine niedere Weihe und heiratet nie.

Die Erde ist eine Scheibe. Doch auch, wenn wir es oft anders lesen: Dies glaubt im 16. Jahrhundert höchstens das einfache Volk. Für die meisten Wissenschaftler ist schon damals klar: Die Erde ist eine Kugel. Das wirklich Neue, das Kopernikus nachweist, ist:

"Nicht die Sonne zieht ihre schiefe Jahresbahn um die Erde, sondern die Erde schwingt mit schiefgestellter Achse um die Sonne."

Und weiter: "Die Erde ist nur einer der um die Sonne kreisenden Planeten."

Und: "Die Erde bewegt sich um ihre Achse und täuscht somit den Himmelsumschwung nur vor."

Nicht die Erde ist der Mittelpunkt des Kosmos, sondern die Sonne. Auch die Sterne drehen sich nur scheinbar um die Erde, eigentlich dreht sich nämlich die Erde um sich selbst. Schon relativ früh, im Jahr 1509, kommt Kopernikus zu dieser Ansicht. Er hält sie in seiner kleinen Schrift Commentariolus fest. Allerdings veröffentlicht er diese Schrift nicht. Nicht, weil er die Kirche fürchtet, sondern, weil er in der damaligen Fachwelt damit schlicht als verirrter Spinner gelten würde. Viel zu groß ist der Widerspruch zur sinnlichen Wahrnehmung. Sogar der schlichteste Mensch kann ja jeden Tag mit eigenen Augen sehen, wie die Sonne morgens an der einen Seite aufgeht und abends an der anderen wieder unter. Auch müsste man ja so etwas wie Fahrtwind spüren, wenn die Erde sich ständig bewegen würde. So diskutiert Kopernikus seine Theorien Jahrzehnte lang nur mit Vertrauten. Erst 1542, kurz vor seinem Tode, veröffentlicht er auf deren Drängen dann sein Hauptwerk. Und dies, obwohl sich damals in den Kirchen langsam der Wind dreht.

Malgorzata Litkowska: "Sein größtes Werk, also "Über die Umdrehungen der Himmelskörper", hatte er schon im Jahre 1530 fertig, aber er hatte natürlich Angst. Also, er wollte nicht ausgelacht werden und er hatte Angst vor der Kirche. Und nicht nur vor der katholischen, sondern auch vor der protestantischen Kirche. Aber sein Freund Joachim Rettig hat Kopernikus überredet, nahm das Manuskript mit und veröffentlichte das in Nürnberg. Kopernikus hat das Vorwort geschrieben, hat das Werk dem Papst gewidmet, aber der Herausgeber, als er dieses Vorwort gesehen hatte, hat es sofort rausgeworfen und hat ein eigenes geschrieben, ohne zu unterschreiben, und er schrieb, dass das nur ein Werk über mathematische Berechnungen ist. Und das schonte "De Revolutionibus", dass es nicht sofort auf den Index der verbotenen Bücher eingetragen wurde, aber das passierte dann im Jahr 1616."

Zu diesem Zeitpunkt ist Kopernikus jedoch schon über 70 Jahre tot, so bekommt er keine Probleme mehr mit der Inquisition. Außerdem fehlt in seinen Berechnungen noch der wirkliche Beweis durch naturwissenschaftliche Beobachtungen. Kopernikus ist nicht der erste Wissenschaftler an der Wende zur Neuzeit, der das heliozentrische System entdeckt - also ein Universum mit der Sonne als Zentrum. Auch der Humanist, Theologe und Mathematiker Nikolaus von Kues hatte ein paar Jahrzehnte vorher schon diese Meinung vertreten. Und selbst in der Antike gab es schon vereinzelte Stimmen gegen das geozentrischen Weltbild von Ptolemäus, zum Beispiel der Astronom Aristarch von Samos. Doch nun, im frühen 17. Jahrhundert, steht die katholische Kirche unter Druck, sie wehrt sich gegen die Reformation und schließt die Reihen enger. Abweichler werden bestraft. Aber selbst den Protestanten sind die Berechnungen Kopernikus' nicht geheuer. Martin Luther soll polternd geäußert haben:

"Der Narr will mir die ganze Kunst Astronomia umkehren! Aber wie die Heilige Schrift zeigt, hieß Josua die Sonne stillstehen und nicht die Erde!"

Auch Luther versteht die Bibel damals offensichtlich noch wörtlich, genau wie die katholische Kirche. Dies bekommt dann vor allem Kopernikus' geistiger Nachfolger Galileo Galilei zu spüren, der Kopernikus' Berechnungen naturwissenschaftlich untermauert. Er geht durch die Mühlen der Inquisition und widerruft schließlich halbherzig seine Forschungen zum Kosmos. Heute sind sowohl Nikolaus Kopernikus wie auch Galileo Galilei hoch anerkannt, natürlich auch in den Kirchen.

Kopernikus fühlt sich Zeit seines Lebens als Thorner. Gegründet wurde die Stadt vom Deutschen Orden, Reste der Burg kann man heute noch sehen, dazu war Thorn auch Mitglied der Hanse. Zu Lebzeiten Kopernikus‘ stellen sich die Bürgers Thorns freiwillig unter polnische Herrschaft. Bis zum Ende des zweiten Weltkriegs gehört Thorn immer wieder abwechselnd zu Polen und zu Deutschland bzw. Preußen. Heute ist Thorn oder Torun eine junge, schmuck hergerichtete Universitätsstadt voller historischer Schätze.

Malgorzata Litkowska: "Diese Kirche hinter mir, also, wie gesagt, ist die wichtigste, älteste und die größte Kirche, die Kirche des Johannes des Täufers und Johannes des Evangelisten, also zwei Schirmherren haben wir, und den Bau begann man schon am Anfang des 14. Jahrhunderts, also genau, als die Kreuzritter, Ordensritter die Stadt an diese Stelle verlegt hatten."

Im mittelalterlichen Taufbecken der Johannes-Kathedrale wurde auch Nikolaus Kopernikus getauft. Die mächtige Kirche liegt an einer Straße, auf deren alten Bürgersteigen sich die bedeutendsten Bürger der Stadt mit ihrem Namen verewigt haben. Es sind deutsche und polnische Namen, beide Gruppen lebten während der gesamten Stadtgeschichte Tür an Tür. In der Regel als ganz normale Nachbarn, trotz aller Germanisierungs- bzw. Polonierungsversuche. Dazu kamen noch andere Volksgruppen wie Balten, Dänen, Juden und Holländer. Auch zu Zeiten Kopernikus' spricht man im Alltag oft mehrere Sprachen nebeneinander, wichtige Dokumente werden damals alle auf lateinisch geschrieben. So wird die Frage nach der Nationalität Kopernikus' erst Jahrhunderte nach seinem Tod zum Politikum.

Malgorzata Litkowska: "Um die Wende des 19. und 20. Jahrhundert gab es einen großen Streit zwischen Deutschen und Polen, welcher Herkunft Kopernikus ist. Also, wenn ich zum Beispiel eine polnische Enzyklopädie öffne, dann lese ich: Nikolaus Kopernikus, ein polnischer Astronom. Und ich war letztens bei meiner Bekannten in Hamburg, da habe ich ein deutsches Lexikon durchgeblättert, und was habe ich gelesen? Nikolaus Kopernikus, ein deutscher Astronom. Also, sein Vater kam aus Krakau, er war ein reicher Kaufmann, aber er heiratete eine Frau deutscher Herkunft. Man redete bei ihm zu Hause deutsch. Also, ehrlich gesagt, also im 15. oder 16. Jahrhundert, kann man noch über die Nationalität nichts sagen, das ist eine Sache des 19. Jahrhunderts, und alle Dokumente, die Kopernikus unterschrieb, unterschrieb er immer auf dieselbe Weise: Nikolaus Kopernikus aus Thorn. Also, für die Leute aus Thorn, aus Danzig oder aus Elbig … das war das Wichtigste, dass sie Thorner waren!"

Beerdigt ist der große Astronom allerdings nicht in Thorn, sondern in Frauenburg, dem heutigen Frombork.

Malgorzata Litkowska: "Bis zum Jahr 2008 wusste man nicht, wo Kopernikus beigesetzt wurde. Also, man wusste, dass es in der Kathedrale in Frauenburg war, aber an welcher Stelle genau das Grab ist, das wusste niemand. Man hat vor ein paar Jahren einen Schädel gefunden, und man hat vermutet, dass wirklich vielleicht das Kopernikus ist. Und von zwei Jahren hat man ein Buch gefunden, das zu Kopernikus gehörte, und in diesem Buch hat man ein Haar gefunden. Man hat die DNA vom Schädel und von diesem Haar verglichen, und jetzt können wir hundertprozentig sagen, das ist wirklich Nikolaus Kopernikus, und man hat ein Begräbnis organisiert und jetzt weiß man, an welcher Stelle er beigesetzt ist."

Die Kopernikanische Wende. Ein Begriff, den erst der Philosoph Immanuel Kant ins Leben ruft, im 18. Jahrhundert. Kant meint damit eine bedeutende Folge der Erkenntnisse Kopernikus': Der Mensch wird vom Objekt zum Subjekt, vom passiven, der Natur ausgelieferten Wesen zu einem, das selbstständig denken und handeln kann. Er muss nicht mehr einfach nur glauben, sondern kann nun mit rationalen Methoden den Gesetze der Natur selbst auf den Grund gehen. Hier liegt wohl die Ursache, dass sich Wissenschaft und Kirche so lange spinnefeind waren. Zum Glück gehen Naturwissenschaft und Glaube heute Hand in Hand. Die Kirchen vertrauen den Erkenntnissen der Naturwissenschaften, andersherum bekennen viele bedeutende Wissenschaftler: Wir können auch mit unseren modernsten Methoden das Universum und seine Gesetze zwar beschreiben, aber letztlich nicht erklären.

Der Naturwissenschaftler und Buchautor Ernst Peter Fischer sieht noch eine zweite, viel dauerhaftere Folge von Kopernikus' Erkenntnissen:

"Seit Kopernikus in den Himmel geschaut hat, leben wir in zwei Sphären. Da ist die Sphäre, in der man messen und rechnen kann, und da ist die Sphäre, in der man erleben und werten kann. Das Konzept der Kopernikanischen Konsequenz erfasst diese Zweiteilung, die sich durch die folgen Jahrhunderte ziehen wird und die bis heute besteht."

Sinnliche Erfahrung und geistige Erkenntnisse sind nicht mehr eins. Wir sehen die Sonne im Osten aufgehen und im Westen untergehen. Und doch können wir unseren Sinnen nicht vertrauen. Nicht die Sonne hat sich gedreht, sondern eben die Erde. Und die meisten von uns würden den Himmel und damit auch Gott wohl spontan noch immer hoch über uns verorten. Schon Kopernikus selbst hat dieses Problem mit leiser Ironie beschrieben.

"Das Auge hält sich nämlich überall für den Mittelpunkt der Sphäre alles ringsum Sichtbaren."

Unser eigenes Gehirn täuscht uns! Geist und Sinne sind nicht mehr eins. Das bedeutet auch: Wir können nicht mehr wie kleine Kinder die Welt buchstäblich begreifen. Diese Erkenntnis kommt uns heute vielleicht läppisch vor, für die Menschen des 16./17. Jahrhunderts war sie vermutlich eine wahre Erschütterung. Sie wurden förmlich hinaus geworfen aus der kindlichen Geborgenheit in den Abläufen der Natur. Sie waren nicht mehr Teil von ihr, sondern standen nun außerhalb. Die meisten Menschen in der westlichen Welt haben diese Einheit mit der Mutter Erde und den Respekt vor der ewigen natürlichen Ordnung wohl nie wieder gefunden.

Auch die Theologen mussten umdenken. Zum Beispiel der Himmel. Heutige Theologen deuten den Himmel ja nicht mehr als etwas Räumliches, was wie ein Dach über uns thront. Ganz im Gegenteil - der Himmel ist für sie mitten unter uns, er ist wie eine zweite Dimension von Leben, in die wir nach unserem Tod eintreten. Diese andere - zeitlose - Dimension können wir manchmal schon jetzt fühlen. Zum Beispiel, wenn uns ein wildfremder Mensch mit überwältigender Warmherzigkeit behandelt. Oder wenn wir so sehr in einer Tätigkeit aufgehen, dass wir jedes Zeitgefühl vergessen. Dann ist ein Moment lang so etwas wie Ewigkeit und Himmel zu spüren.

Ganz sicher hat Nikolaus Kopernikus die Welt und die Theologie auf den Kopf gestellt. Den Kern des christlichen Glaubens jedoch hat er nie angekratzt. Vielleicht hat er langfristig sogar den Weg frei gemacht für eine Kirche, in der kein starres Glaubenskonstrukt, sondern die Urbotschaft Jesu Christi der Mittelpunkt ist. Die Urbotschaft einer Liebe, die, wenn es sein muss, auch die stärkste Grenze überwinden kann. Stellen wir uns nur eine großzügige, selbstlose Liebe ohne jede Vorbedingung vor, so, wie wir sie manchmal in Familienstrukturen finden können: "Gnade vor Recht" wird dort gelebt, immer wieder! Vermutlich hatte Jesus Christus die Gabe, jeden Menschen mit dieser nicht naiven, sondern familiären Liebe aufzunehmen - egal ob der Mensch ihm vertraut war oder noch ein Fremder. Stellen wir uns auch vor, wir würden mit uns selbst so liebevoll umgehen können, mit Anerkennung, herzenswarm. Und stellen wir uns vor, wir hätten Gottes Liebe nicht mehr in Gesetzen, sondern buchstäblich im Blut. Diese Liebe in aller Freiheit wäre dann wohl das reichste Erbe des Astronomen aus Thorn – die tiefste "Kopernikanische Wende"'.

Musik und Literatur dieser Sendung
• CD: Klangräume, Christian Bollmann, WDR Network
• CD: Sephardic Songs, Sarband, Jaro
• CD: Zlota Kolekcja, Trebunie Tutki, PomatonEMI
• CD: Greatest Hits, Clannad, RCA

• Nicolaus Copernicus: Über die Kreisbewegungen der Weltkörper. Akademie Verlag, Berlin 1959, Band 1, Deutsche Übersetzung von A. Birkenmajer.
• Luthers Tischreden, Herausgeber J. G. Walch., Band 22, Halle 1743
• Ernst Peter Fischer: Die andere Bildung, Ullstein-Verlag, Berlin 2005

Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag hat der katholische Senderbeauftragte für Deutschlandradio Kultur, Pfarrer Lutz Nehk.

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Der Nikolaus aus Frauenburg
Nikolaus Kopernikus
Himmlischer Nikolaus